Komplimente zu Silvester

Als Frau im Rollstuhl hört sich Bloggerin und Aktivistin Laura Gehlhaar viele Sprüche an, die ihre Behinderung betreffen. Aber wo begegnen ihr die oft nervigen Phrasen? Und wie geht sie damit um? Eine Geschichte über Vorurteile, alte Denkmuster und starke Männer.

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Es war Silvester 2009. Mein erstes Silvester in Berlin. Ein Freund meiner ehemaligen Mitbewohnerin lud uns zum Feiern in seine WG ein. Im langen Flur hing ein Rennrad an der Wand. Eine alte Kinositzbank stand im Flur. Eine typische Studenten-WG in Kreuzberg, Altbau, zweiter Stock. Damals, noch acht Kilo weniger auf den Rippen, nahm mich dieser Freund Huckepack und trug mich nach oben. „Boah, bist du leicht!“, verkündete er. Von da an mochte ich den Freund meiner Mitbewohnerin. Es sollte nicht bei diesem einen Kompliment in dieser Silvesternacht bleiben.

Ich quetschte mich durch den engen Flur, vorbei an den anderen Partygästen und fuhr drei Typen etwas unsanft in die Hacken. Sie entschuldigten sich dafür, ich verzieh ihnen und belohnte mich mit einem ersten Glas Champagner.

Schnell kam ich ins Gespräch mit anderen Partygästen, erzählte gefühlte 40 Mal, wer ich bin, was ich studiere und wie lange ich schon in Berlin sei. Aus dem Augenwinkel sah ich zwei junge Frauen. Blond, süß und mit so hohen High-Heels, dass ich mich fragte, ob der Freund meiner Mitbewohnerin sie ebenfalls einzeln nach oben getragen hat.

Nina und Franzi

Sie stellten sich mit Nina und Franzi vor und setzten sich mir gegenüber auf die schwarze Ledercouch. Franzi beschwerte sich, dass Tobi kurz vor Mitternacht schon so betrunken sei. Sie müsse übermorgen ihre Hausarbeit einreichen. BWL, zweites Semester. Und deshalb müsse sie den Abend etwas ruhiger angehen. Nina fragte leicht zögernd: „Hast du eigentlich auch einen Freund?“ „Ja“, lächelte ich. „Oh, schön!“, grinste mich Nina an und Franzi fügte hinzu: „Und?“ „Und was?“, fragte ich zurück. Wollte Franzi jetzt wissen, ob er auch hier ist? Oder ob er auch in Berlin wohnt? „Nee...“ ergänzte Nina Franzis Frage. „Sitzt der auch im Rollstuhl?“ „Noch nicht“, sagte ich grinsend und hob verschwörerisch eine Augenbraue. Nina und Franzi guckten mich schockiert an. „Voll schön für dich! Herzlichen Glückwunsch!“, rief Franzi schrill hervor und klatschte aufgeregt in die Hände. Und Nina fügte anerkennend hinzu: „Naja, du bist ja auch voll die Hübsche!“

Jetzt hob ich beide Augenbrauen. Ich war irritiert und verblüfft. Nicht zum ersten Mal bekam ich Reaktionen, wie Anerkennung und Schock nach der Aussage, dass mein Freund nicht im Rollstuhl sitzt. Jedoch bekam ich es noch nie so laut und offensichtlich aufs Butterbrot geschmiert, wie in dieser Silvesternacht. Aber immer wieder stelle ich mir die gleichen Fragen: Warum? Warum werde ich glorifiziert als jemand, die es geschafft hat, mit einer Behinderung, einen Partner ohne Behinderung an der Seite zu haben?

Trauriger Beigeschmack

Dass in diesem Moment meine eigene Person und alle anderen Menschen mit Behinderung in ein schlechtes Licht gestellt werden, ist den Leuten meist nicht bewusst. Und in solchen Momenten können mir noch so viele Leute etwas von Gleichberechtigung und vollwertiges Leben erzählen. Denn anhand von diesen Reaktionen erkenne ich, dass diese Begriffe in den Köpfen noch lange nicht angekommen sind. Das hat auch einen traurigen Beigeschmack, denn viele Behinderte könnten sich durch diese Erwartungshaltung unter Druck gesetzt fühlen und einen Partner, der wie sie auch eine Behinderung hat, kategorisch ablehnen. Oft aus dem Grund, weil sie es auch ‚schaffen’ wollen.

Das Paradoxe war: Auch mein Freund bekam Anerkennung zugesprochen, wenn er erzählte, dass seine Freundin im Rollstuhl sitzt. Jedoch aus einer anderen Motivation heraus. Er war der Mutige, der Starke, der sich mit einer, in deren Augen, schwachen Frau eingelassen hat, sich für sie opfert, sie womöglich pflegt und viele Kompromisse eingehen muss. Auch hier spielen Vorurteile und das gesellschaftlich anerzogene defizitorientierte Bild eines Menschen mit Behinderung eine Rolle.

Mit Sicherheit ist es ein nicht ganz leichter Prozess, sich von diesen vorurteilsgeprägten Denkmustern zu lösen. Selbst ich habe mich schon dabei ertappt, dass mich die Behinderung eines Mannes im Erkennen seiner Attraktivität blockierte. Mein Freund sagte mir mal, dass er mich ohne meine Behinderung gar nicht haben wolle, weil ich dann ein anderer Mensch wäre. Und mehr gibt es nicht zu sagen.

Einen sitzen

Ich trank mein viertes Glas Champagner aus. Wäre ich nicht auf meiner ersten Berliner Silvesterparty gewesen, hätte ich den beiden Mädchen erklärt, warum ich ihre Reaktion unpassend und verletzend finde. Aber ich wollte mich amüsieren und sagte stattdessen: „Girls, ich gehe jetzt ins Wohnzimmer, tanzen.“, beugte mich nach vorn und flüsterte: „Ich habe schon ziemlich einen sitzen, versteht ihr.“ Sie verstanden nicht.

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