Weg mit den Hürden!

Ein Bein gebrochen? Mit Rollator oder Kinderwagen unterwegs? Erste Anzeichen von Demenz festgestellt? Wer beeinträchtigt ist, merkt schnell, wo es im Alltag schwierig wird. Nicht nur Menschen mit einer dauerhaften Behinderung oder Einschränkung profitieren davon, wenn der öffentliche Raum, Gegenstände oder Dienstleistungen barrierefrei nutzbar sind. Was tun Einzelne, was tut die Politik, damit das Leben für alle einfacher wird?
 

Wimmelbild mit behinderten und nicht behinderten Menschen in der Stadt

Text: Astrid Eichstedt, Stefanie Wulff, Robert Fechner

"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ So steht es in Artikel 3 unseres Grundgesetzes. Eine logische Folgerung aus diesem Satz wäre, dass es auch keine Barrieren geben darf. Schließlich sind sie es ja, die Menschen mit Behinderung benachteiligen und ihre gleichberechtigte Teilhabe verhindern. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Menschen mit und ohne Behinderung können mangels Barrierefreiheit noch viel zu oft nicht selbstverständlich zusammen leben, lernen, wohnen und arbeiten. Und das trotz des Grundgesetzes, der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und entsprechenden Aktionsplänen von Bund, Ländern und Kommunen.

Auschnitt aus Wimmelbild zeigt Blinden mit Hund und amputierte Joggerin auf der Straße

Umfrage zeigt Handlungsbedarf

In welchen Bereichen müssen die Hürden besonders dringend beseitigt werden? Das hat das Marktforschungsinstitut YouGov im Auftrag der Aktion Mensch kürzlich in einer repräsentativen Umfrage ermittelt. Befragt wurden 2.000 Teilnehmer mit und ohne Behinderung. Sie sehen den größten Handlungsbedarf im räumlichen Bereich, etwa bei der Stadtplanung und den öffentlichen Verkehrsmitteln. Es folgt die Bedienung digitaler Technik und – mit geringem Abstand – der kommunikative Bereich mit Deutscher Gebärdensprache, Leichter und Einfacher Sprache. Ein Mittel für den Abbau von Barrieren könnten digitale Innovationen wie Apps, spezielle Software oder elektronische Kommunikationshilfen sein. Vor allem Befragte mit Behinderung schätzen das Potenzial dieser Technologien hoch ein.

Auch wenn noch viel zu tun bleibt: In jüngster Zeit hat sich in puncto Barrierefreiheit manches zum Positiven verändert. Und das nicht zuletzt, weil es Menschen gibt, die sich für ihre Umsetzung einsetzen und daran arbeiten, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Einige stellen wir Ihnen hier vor. Zum Beispiel Matthias Rösch, derzeit Landesbehindertenbeauftragter von Rheinland-Pfalz.

Als Rösch Anfang der 1990er-Jahre einige Wochen in den USA unterwegs war, konnte er als Rollstuhlfahrer mit großer Selbstverständlichkeit Busse nutzen und Gebäude erreichen. „Zu sehen, dass es woanders geht, hat mich motiviert, am Thema weiterzuarbeiten. Denn ich hatte all den Bedenkenträgern zu Hause etwas entgegenzusetzen, die meinten: ,Das geht nicht. Das ist zu teuer‘“, sagt er. Heute sieht er eine der wichtigsten Aufgaben darin, „ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Barrierefreiheit allen Menschen nutzt“.

Tatsächlich haben Gutachten und Studien gezeigt, dass eine problemlos zugängliche Umwelt nicht nur für diejenigen zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung zwingend erforderlich ist, die dauerhafte körperliche, kognitive und psychische Einschränkungen haben. Auch Menschen mit vorübergehenden Mobilitäts- oder Aktivitätseinschränkungen, Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit schwerem Gepäck, Familien mit kleinen Kindern und ältere Menschen brauchen ein barrierefreies Umfeld. Insgesamt machen diese Gruppen mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus. Profitieren können von mehr Bequemlichkeit und Vielfalt sogar noch deutlich mehr Menschen – alle, um genau zu sein. Das bringt der Begriff „Design für alle“ auf den Punkt, der ein anderer Ausdruck für Barrierefreiheit ist.

Auschnitt aus Wimmelbild zeigt Seniorin mit Rollator beim Einsteigen in den Bus

Leitlinien und Standards

Die Anforderungen an eine Umwelt, an der alle gleichberechtigt teilhaben können, sind komplex. Wie sie umgesetzt werden, hängt auch vom Kenntnisstand ab. Im Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit (BKB) erarbeiteten Experten aus 15 bundesweit tätigen Sozial- und Behindertenverbänden entsprechende Leitlinien und Standards.

„Zunächst wurden nur Anforderungen für Rollstuhlfahrer beziehungsweise für Menschen mit Geheinschränkungen entwickelt. Da haben wir die meiste Erfahrung. Nach und nach wurden dann Anforderungen für blinde und sehbehinderte Menschen miteinbezogen und noch später die Teilhabe von Menschen mit einer Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit. Nun haben wir erste Anforderungen für Menschen mit kognitiven Einschränkungen untersucht. Bislang am wenigsten erforscht wurden die Erfordernisse für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen“, sagt Klemens Kruse, Geschäftsführer des BKB. Nebenbei: Ende März dieses Jahres muss das BKB aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Es kann aber voraussichtlich ab dem Sommer seine Arbeit als Bundesfachstelle für Barrierefreiheit weiterführen.

Ein Ergebnis des Inklusionsbarometers Arbeit, das die Aktion Mensch gemeinsam mit dem Handelsblatt Research Institute Ende 2015 zum dritten Mal herausgab, liefert eine indirekte Bestätigung für Kruses Einschätzung, was die Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit psychischer Erkrankung betrifft. Demnach fehlen Maßnahmen und Unterstützung für diese Gruppe sogar bei den allermeisten Unternehmen, die ansonsten weitgehend barrierefrei sind. Insgesamt hat die Inklusion am Arbeitsmarkt im Vergleich zum Vorjahr Fortschritte gemacht. Der Anteil der Unternehmen, die überhaupt keine Barrierefreiheit bieten, hat sich allerdings von 2014 bis 2015 von 24 Prozent auf 27 Prozent erhöht.

Ähnlich sieht es beim Thema Mobilität aus. Laut Personenbeförderungsgesetz sollen in Deutschland bis 2022 alle Hürden für Reisende im öffentlichen Raum beseitigt sein. Ein ambitioniertes Ziel, denn derzeit sind nur etwa die Hälfte aller Bahnstationen ebenerdig zugänglich. Da hat die Deutsche Bahn, die 2012 mit dem „Programm der DB AG“ eine Selbstverpflichtung zur schrittweisen Herstellung von Barrierefreiheit eingegangen ist, noch einiges vor. Probleme gibt es bei Bus und Bahn vor allem in ländlichen Gebieten.

Auschnitt aus Wimmelbild zeigt Menschen im Büro und Fahrstuhl einer Bank

Schlüsselfaktor neue Technologien

In den letzten Jahren sind digitale Kommunikations- und Informationstechnologie beim Thema Barrierefreiheit immer mehr in den Blick geraten. Das zeigt, wie wichtig dieser Bereich für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben inzwischen geworden ist. Nur wer Zugang zu Onlineangeboten hat, nimmt in vollem Umfang an der Gesellschaft teil.

Für Menschen mit Behinderung bietet digitale Technik viele Möglichkeiten. Sie kann beschleunigen, kompensieren sowie physische Mobilität und Präsenz in einigen Lebensbereichen unnötig machen. Intelligente Orientierungs- und Übersetzungsdienste eröffnen neue Perspektiven. Zahlreiche Hilfsmittel lassen sich durch Smartphones, Tablets und Computer ersetzen. Der Zugang zu einem Großteil digitaler Angebote bleibt vielen Menschen mit Behinderung mangels Barrierefreiheit aber immer noch verwehrt. Und das, obwohl es längst internationale und nationale Standards für digitale Barrierefreiheit gibt: in den Web Content Accessibility Guidelines, deren erste Fassung von 1999 stammt, und in der 2011 überarbeiteten Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung. Die Bundesverwaltung hat die Standards weitgehend umgesetzt, im privaten und privatwirtschaftlichen Bereich werden sie jedoch noch viel zu selten berücksichtigt.

Bei der barrierefreien Gestaltung von Gebäuden und öffentlichen Räumen ist man weiter. Klemens Kruse: „Im Baurecht haben wir Anforderungen an Barrierefreiheit für Neubauten, die in den Landesbauordnungen der Bundesländer gelten. Bei Neubauten ist daher schon viel verwirklicht.“ Der Bedarf ist allerdings noch nicht gedeckt. Derzeit werden in Deutschland etwa 2,5 Millionen zusätzliche barrierefreie Wohnungen benötigt. Bis zum Jahr 2020 soll der Bedarf laut der Studie „Wohnen im Alter“ des Kuratoriums Deutsche Altershilfe sogar auf rund drei Millionen steigen. Bisher gebe es lediglich eine halbe Million solcher Wohneinheiten in Deutschland. Präzise Regeln für die Planung, Bemessung und Konstruktion barrierefreier baulicher Anlagen und ihrer Teile sind in DIN-Normen erfasst. Rechtsverbindlich werden diese aber erst durch ihre Einführung in Gesetze und Verordnungen, über die jedes Bundesland entscheiden kann. Bei Altbauten gilt ohnehin der Bestandsschutz. Das heißt, die Anpassung kann nur unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen verlangt werden. Derzeit entsprechen die meisten älteren Wohngebäude nicht den Anforderungen.

Viele bauliche Hindernisse gibt es ausgerechnet im Gesundheitswesen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums verfügen nur 22 Prozent der Arztpraxen für Allgemeinmedizin über einen rollstuhlgerechten Zugang oder einen Aufzug. Parkplätze für Menschen mit Behinderung, leicht zugängliche Toiletten oder spezielle Untersuchungsmöbel bieten im Durchschnitt nicht einmal zehn Prozent aller Praxen. Von Informationen in Leichter Sprache oder in Gebärdensprache ganz zu schweigen.

Auschnitt aus Wimmelbild zeigt Rollifahrer und zwei weitere Personen in Nähe eines Behindertenparkplatzes

Von anderen Ländern lernen

Die in der Abstimmung befindliche Neufassung des Behindertengleichstellungsgesetzes, das seit seiner Einführung 2002 die Gleichstellung behinderter Menschen im Bereich des öffentlichen Rechts (soweit der Bund zuständig ist) definiert, hätte den von vielen herbeigesehnten Umschwung in Deutschland markieren können. Immerhin wird in der Novelle in Anlehnung an die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen erstmals ausdrücklich klargestellt, dass nicht die Behinderung selbst, sondern Barrieren die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschweren. Behindert ist man also nicht, behindert wird man.

Neu im Gesetz soll zudem die Verpflichtung sein, offizielle Bescheide ergänzend in Leichter Sprache zu vermitteln. Nach wie vor verpflichtet die novellierte Fassung vor allem die Verwaltung des Bundes, während die Regelungen auf Länderebene von Landesgleichstellungsgesetzen festgelegt werden. Der Privatsektor bleibt von diesen Vorgaben völlig unberührt.

Dass es mit der Umsetzung von Barrierefreiheit schneller gehen kann, haben die USA vorgemacht. Per Gesetz, dem Americans with Disabilities Act (ADA) von 1990, wurde das Land in wenigen Jahren weitgehend behindertengerecht. Entscheidend war, dass die Vorschriften für staatliche Einrichtungen und für private Anbieter galten. Tatsächlich waren Bahnhöfe und Haltestellen, Bürgersteige, öffentliche Transportmittel, Verwaltungsgebäude, Schulen und Universitäten, aber auch Firmengebäude, Kultureinrichtungen, Restaurants, Sportstätten, Kinos und Hotels in erstaunlich kurzer Zeit barrierefrei oder zumindest barrierearm. Das ADA richtet sich nicht nur gegen bauliche Barrieren. Restaurants sind verpflichtet, Speisekarten in Blindenschrift zur Hand zu haben. Kinos müssen zumindest einzelne Filmvorführungen mit Untertiteln für Hörgeschädigte anbieten. Aktuell wird diskutiert, das Gesetz auf den ungehinderten Zugang zum Internet auszuweiten. Barrierefreiheit ist in den USA selbstverständlich geworden.

Auschnitt aus Wimmelbild zeigt Häuser und Menschen

Blick nach Europa

Auch in Europa gibt es Länder, die deutlich früher als Deutschland gesetzlich Weichen gestellt haben. Norwegen ist das erste Land, das mit seinem Antidiskriminierungs- und Zugänglichkeits-Gesetz von 2008 Universal Design gesetzlich vorschreibt. Mangelnde Barrierefreiheit in der baulichen Umwelt, bei Personenbeförderungsdiensten und in der Informations- und Computertechnologie wertet das Gesetz als Diskriminierung. Bis 2025 soll Norwegen „universell designt“ sein.

Im Vereinigten Königreich verabschiedete das Parlament vor über 20 Jahren den Disability Discrimination Act, mit dem Anbieter von Waren und Dienstleistungen verpflichtet wurden, Anpassungen vorzunehmen, um ihre Angebote allen zugänglich zu machen. Das kann auch eine mobile Rampe sein, die ein Ladenbesitzer bei Bedarf vor sein Geschäft legt. Auf dieses Gesetz geht zurück, dass London als weltweit einzige Stadt eine komplett barrierefreie Taxiflotte hat.

Die Kommission der Europäischen Union will ebenfalls weitergehende Richtlinien für Barrierefreiheit einführen. Ende 2015 hat sie einen Entwurf für den European Accessibility Act vorgelegt, der Anforderungen an wichtige Produkte und Dienstleistungen festlegen soll, darunter für Geldautomaten und Bankdienstleistungen, Computer, Telefone und Fernsehgeräte, Telefon- und audiovisuelle Dienstleistungen, Personenbeförderungsdienste und den elektronischen Handel.

Fazit: Es tut sich was in Sachen Barrierefreiheit. In vielen Bereichen ist die Sensibilität für das Thema gewachsen, engagierte Einzelkämpfer und Organisationen, aber auch neue Technologien sorgen dafür, dass Hürden fallen. Von dieser Entwicklung profitieren alle. Aber: Noch ist Deutschland nicht barrierefrei. Bessere gesetzliche Vorgaben und mehr Einsatz der Privatwirtschaft könnten helfen, das zu ändern. 


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