Zukunft ermöglichen

Weshalb große Wohnheime seinerzeit fortschrittlich waren, man heute aber auf Netzwerke für Inklusion inmitten der Stadt setzt, das und vieles mehr erläutern zwei „alte Hasen“, die sich schon seit mehr als 17 Jahren für eine moderne Förderpolitik der Aktion Mensch einsetzen.

Friedhelm Peiffer (l.) und Norbert Müller-Fehling

Friedhelm Peiffer und Norbert Müller-Fehling im Interview

Interview Stefanie Wulff und Robert Fechner 

Fotos Michael Englert

 

Wenn Sie sich gegenseitig beschreiben müssten, was fällt Ihnen spontan ein?

Müller-Fehling: Friedhelm Peiffer und ich haben viele Gemeinsamkeiten. Wir sind beide Sozialarbeiter und haben beide in der Vergangenheit beim Paritätischen Wohlfahrtsverband gearbeitet. Unsere Aufgabe dort war, Dinge zu ermöglichen, die die Mitgliedsorganisationen des Paritätischen dann umgesetzt haben. Das Gleiche machen wir heute durch die Förderpolitik der Aktion Mensch. Ich schätze die Arbeit des Ermöglichens, die Friedhelm Peiffer macht, sehr. Es gelingt ihm, sowohl die Situation des Einzelnen in den Blick zu nehmen, ihn aber auch immer im Kontext gesellschaftlicher Zusammenhänge zu sehen.

Peiffer: Vieles von dem, was Norbert Müller-Fehling gesagt hat, trifft auch auf ihn selbst zu. Ich schätze an ihm sehr, dass er sich so gut in die Situation von Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen hineinversetzen kann. Weil wir beide sportbegeistert sind, fällt mir folgender Vergleich ein: Norbert Müller-Fehling ist eigentlich das, was im Fußball ein Führungsspieler ist: Er kann ein Spiel lesen, er ist ein Stratege. Er weiß um die konkrete Situation von Menschen mit  Behinderung und gibt Impulse für den gesellschaftlichen Wandel.

Als die Aktion Sorgenkind vor 50 Jahren gegründet wurde, waren Sie beide noch Kinder. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesen frühen Jahren?

Müller-Fehling: Ich erinnere mich vor allem an die eindringlichen Fernsehbilder. Die Botschaft war: Unter uns gibt es Menschen mit großen Problemen, denen wir helfen müssen und mit denen wir Mitleid haben müssen.

Peiffer: Damals herrschte ein großer Mangel an Angeboten für Menschen mit Behinderung. Die Familien wurden mit ihren behinderten Kindern und Angehörigen komplett alleingelassen und waren nicht im Blick der Öffentlichkeit.

Müller-Fehling: Kurz vor der Aktion Sorgenkind hatten sich die großen Elternorganisationen  gegründet, unter anderem die Lebenshilfe und unser Verband, der bvkm, der damals noch Spastikerverband hieß. Die Eltern organisierten sich, weil es keine Kindergärten, keine Schulen, keine therapeutischen Angebote, keine beruflichen Perspektiven für ihre Kinder gab. Und keine Wohnmöglichkeiten über das Elternhaus hinaus. Die erste Phase der Aktion Sorgenkind war wesentlich vom Aufbau geprägt: durch die Finanzierung von Sonderimmobilien für Menschen mit Behinderung. So wurde Wohnen, Bildung und Arbeit ermöglicht.

In den späten 1970er-Jahren gab es die ersten Starthilfen. Erstmals wurde nicht mehr ausschließlich „umbauter Raum“ gefördert.

Norbert Müller-Fehling

In den 1970er-Jahren wuchsen die Bekanntheit und die Möglichkeiten der Aktion Sorgenkind. Wie änderte sich die Förderpolitik in diesen Wachstumsjahren?

Müller-Fehling: In den späten 1970er-Jahren gab es die ersten Starthilfen. Erstmals wurde nicht mehr ausschließlich „umbauter Raum“ gefördert, sondern eine Förderung eingeführt, um Dienste und Angebote für Menschen mit Behinderung aufzubauen.

Peiffer: Das war eigentlich der erste Paradigmenwechsel in der Geschichte der Aktion Sorgenkind: weg von einer objekt- oder einrichtungsbezogenen Perspektive, hin zu einer subjektbezogenen Perspektive. Für Familien war es sehr wichtig, dass Angebote in ihrem Wohnumfeld aufgebaut wurden, jenseits der Spezialeinrichtung, also zum Beispiel Familienentlastende Dienste oder Frühförderstellen, an die sie sich wenden konnten.

Müller-Fehling: Ohne die Unterstützung der Aktion Mensch hätte etwa die Frühförderung niemals bundesweit flächendeckend aufgebaut werden können. Das Gleiche gilt für die Familienentlastenden Dienste.

Peiffer: In den 1970er-Jahren spielte auch die Psychiatrie-Enquete eine wichtige Rolle. Der Bericht über die Lage der Psychiatrie machte Missstände sehr deutlich. Menschen mit psychischer Behinderung dauerhaft in geschlossenen Anstalten unterzubringen, wurde nicht mehr als tragbares Konzept angesehen. Die Aktion Sorgenkind nahm das Thema auf und erweiterte ihre Zielgruppe um Menschen mit psychischer Behinderung.

Wurde dieser Paradigmenwechsel auch auf andere Menschen mit Behinderung übertragen? Welche Entwicklungen prägten die 1980er-Jahre?

Müller-Fehling: Zu dieser Zeit ist die Krüppelbewegung entstanden. Das waren Menschen mit Körperbehinderung, die ihren Anspruch formulierten, in dieser Gesellschaft selbstständig leben zu können. Damals war man noch weit davon entfernt, über Leichte Sprache oder die Selbstvertretung von Menschen mit geistiger Behinderung nachzudenken. Die Vorkämpfer, das waren die körperbehinderten Menschen. Teile der Bewegung stellten die Arbeit der Aktion Sorgenkind infrage. Kann eine Organisation Bestand haben, die große Wohnheime mit langen Fluren für Menschen mit Behinderung fördert, weit ab vom sonstigen Leben?

Peiffer: ... und die auch noch „Sorgenkind“ heißt ...

Müller-Fehling: Das ist richtig: Mit einer solchen Bezeichnung konnten sich Erwachsene mit einer körperlichen Behinderung natürlich nicht identifizieren. Das hat die Aktion Sorgenkind in Konflikte gebracht, denn längst vertrat sie einen anderen Anspruch: den der Teilhabe und Selbstbestimmung.

Wie sind die Ideen der Krüppelbewegung eingeflossen in die Arbeit der Aktion Mensch? 

Müller-Fehling: Es gab in den Gremien der Aktion Mensch schon viele Ideen, die in dieselbe Richtung gingen wie die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Ich würde es eher als ein Zusammenspiel sehen: Es gab fortschrittliche Kräfte in den Verbänden, die auch in der damaligen Aktion Sorgenkind mitgearbeitet haben, und die haben den Druck, der durch die Krüppelbewegung aufgebaut wurde, nutzen können, um eine Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Peiffer: Die Aktion Mensch ist ja eine stark auf Zukunft ausgerichtete Organisation. Zu den Aufgaben von uns beiden gehört es, Diskussionen darüber anzustoßen, welche Ansätze und Konzepte zukunftsweisend sind. Uns hat in der Vergangenheit geholfen, dass grundlegende Veränderungen zu einer Zeit stattfanden, als die Aktion Mensch ein großes Wachstum ihrer Lotterie verzeichnete. Mit diesem großen Zuwachs im Rücken war es wesentlich einfacher, sich mit neuen Konzepten auseinanderzusetzen.

Friedhelm Peiffer und Norbert Müller-Fehling im Gespräch

Welche neuen Dinge waren das konkret? 

Müller-Fehling: Wir haben das genannt: weg von „Bau-Steine-Erden“, sprich: der Förderung großer Sonderimmobilien, hin zu einer projekthaften Förderung, die den einzelnen Menschen in den Blick nimmt. Dazu gehörte die Entwicklung neuer Konzepte, das Erproben von Ideen, wie Menschen mit Behinderung im Sozialraum leben können. Gleichzeitig wurden Maßnahmen gefördert, die die Lebensqualität in den bestehenden großen Einrichtungen verbessern, zum Beispiel, dass die Menschen nicht mehr in Drei- oder Vierbettzimmern leben müssen.

Peiffer: Ganz wichtig war auch der Aufbau eines neuen Förderprogramms Arbeit, das Alternativen beziehungsweise Ergänzungen zur klassischen Werkstatt förderte. Integrationsfirmen eröffneten neue berufliche Chancen und Wahlmöglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Dieses neue Programm haben wir 2000 eingeführt. In diesem Jahr ist viel Neues passiert, unter anderem fördert die Aktion Mensch seitdem auch Projekte für Kinder und Jugendliche ohne Behinderung.

Gab es in 50 Jahren Förderpolitik eigentlich auch eindeutige Fehlentwicklungen?

Müller-Fehling: Aus heutiger Sicht ist man leicht versucht zu sagen: Es war falsch, dass die Aktion Mensch humangenetische Beratung gefördert hat mit dem Ziel, Behinderung zu verhindern. Oder man findet es vielleicht seltsam, dass es direkt nach dem Fall der Mauer möglich war, gebrauchte Fahrzeuge zur Beförderung von Menschen mit Behinderung in den Osten zu geben und dafür ein Neufahrzeug beantragen konnte.

Peiffer: Aber man muss die Förderansätze immer aus der Perspektive der jeweiligen Zeit und deren gesellschaftlichen Bedingungen betrachten, sonst wird man ihnen nicht gerecht. In 30 Jahren wird man vielleicht im Nachhinein sagen: Im Jahr 2014 hat man Inklusion gefördert – wie rückständig!

Mit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention 2009 in Deutschland hat sich der Prozess hin zur Inklusionsförderung ja noch einmal dynamisiert. Hat die Aktion Mensch in dieser Hinsicht heute eine Vorreiterrolle?

Müller-Fehling: Die gesamten Förderrichtlinien der Aktion Mensch waren im Grunde immer ein Spiegel der aktuellen Behindertenarbeit der jeweiligen Zeit. Mal hat man sich eher etwas konservativer ausgerichtet, mal etwas progressiver. Heute, würde ich sagen, haben wir eine eindeutig fortschrittlichere Ausrichtung.

Peiffer: Das Förderprogramm Inklusion, an dem wir gemeinsam gearbeitet haben, ist eindeutig zukunftsweisend: Die Aktion Mensch unterstützt Projekte und Initiativen, die vor Ort unterschiedliche Akteure aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vernetzen. So soll das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ermöglicht und damit Inklusion vor Ort umgesetzt werden.

Müller-Fehling: Der klassische Ansatz der Behindertenhilfe war bisher: Menschen mit Behinderung haben bestimmte Bedürfnisse und wir, die Träger der Behindertenhilfe, sorgen dafür, dass er oder sie entsprechende Angebote bekommt. Diese Übernahme von Verantwortung für den ganzen Menschen kann aber auch sehr einschränkend sein: Menschen mit Behinderung bekommen ein Gesamtpaket und haben ansonsten keine Wahlmöglichkeiten. Bei diesem Prozess brauchen die Träger die Hilfe der Aktion Mensch. Man braucht zum Beispiel positive Erfahrungen, die zeigen, dass kleine Wohneinheiten für vier bis acht Personen im Stadtteil funktionieren und die Lebensqualität erhöhen können.

Peiffer: Wichtig ist, dass der Automatismus im Leben von Menschen mit Behinderung unterbrochen wird: Wenn ein Kind mit Behinderung geboren wird, gibt es den Sonderkindergarten, die Förderschule, die Werkstatt und das Wohnheim nebenan. Dazu wollen wir sinnvolle Alternativen schaffen.

Das gesamte gesellschaftliche Leben muss darauf ausgerichtet werden, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich daran teilnehmen können.

Friedhelm Peiffer

Wie sieht das konkret aus? Was sind die nächsten Schritte für die Förderung?

Peiffer: Wir müssen verstärkt Träger mit ins Boot holen, die bisher nichts mit dem Thema Behinderung zu tun hatten. Wir wissen aus Umfragen, dass Menschen mit Behinderung sehr gerne mit Nichtbehinderten zusammen sein möchten. Umgekehrt haben nicht behinderte Menschen bisher so gut wie keinen Kontakt zu behinderten. Das wollen wir ändern.

Welche Träger werden hierbei konkret angesprochen?

Peiffer: Zum Beispiel Bibliotheken, die ihr Angebot so ausrichten, dass es auch Menschen mit Behinderung nutzen können, die Volkshochschulen, Kultureinrichtungen, Sportvereine. Das gesamte gesellschaftliche Leben muss darauf ausgerichtet werden, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich daran teilnehmen können.

Müller-Fehling: Im ambulanten Bereich brauchen wir noch mehr Angebote für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Sie brauchen neben einer Assistenz auch Menschen, die sich in ihre Lage hineinversetzen können und sie dabei unterstützen, Entscheidungen über komplexe Zusammenhänge zu treffen. Das ist die Idee eines Case-Managements. Hier fehlen noch Strukturen im ambulanten Bereich.

Hat das Konzept der Inklusion eigentlich auch Grenzen?

Müller-Fehling: Diese Diskussion haben wir ja im Moment im schulischen Bereich. Da gibt es Eltern nicht behinderter Kinder, die fürchten, ihre Kinder kommen zu kurz. Und Eltern behinderter Kinder, die denken: Was soll mein Kind auf der Regelschule? Wir müssen diesen Prozess behutsam vorantreiben, alle mitnehmen und die richtigen Bedingungen schaffen. Heute ist ein schwerst mehrfachbehindertes Kind in einer Regelschule kaum vorstellbar. Das heißt aber nicht, dass es unmöglich ist oder dass es kein Ziel wäre.

Peiffer: Die Aktion Mensch kann diesen Prozess unterstützen, indem sie Menschen zusammenbringt und aufklärt. Sie kann ganz konkret Eltern in die Lage versetzen, sich aktiv in die Debatte um schulische Inklusion einzubringen. Die  Bedingungen an den Schulen selbst kann die Aktion Mensch nicht beeinflussen, denn sie darf gemäß ihrer Satzung keine öffentlichen Aufgaben übernehmen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, neue Konzepte auszuprobieren, Dinge zu ermöglichen und anzustoßen, die sich dann als machbar und vorbildlich erweisen und hoffentlich von der öffentlichen Hand übernommen werden.

Müller-Fehling: Hier verbindet sich für mich sehr gut meine Arbeit bei der Aktion Mensch mit der Arbeit, die ich ansonsten noch sozialpolitisch mache: Wir arbeiten im Moment sehr intensiv an einem Bundesteilhabegesetz. Die Aktion Mensch kann hier durch innovative Förderprojekte Impulse setzen, die beweisen, dass etwas möglich ist. Das lässt auch den Gesetzgeber nicht unbeeinflusst.


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