Zeit, durchzudrehen!

Die Festivalsaison beginnt.
Zeit für laute Musik, nasse Klamotten und Feste unterm Sternenzelt.

Imago-Starmedia
Zuschauermenge eines Festivals

Text: Kristin Oeing

Die Menge tanzt. Wild und ungestüm. Junge Männer und Frauen schubsen sich spielerisch gegeneinander, lachen, tanzen und grölen zur Musik. Am äußeren Rand sitzt ein junger Mann im Elektrorollstuhl, er schaut kurz hoch, lacht und fährt los.

Mittenrein in die tanzende Horde feierwütiger Menschen. Auf einmal springt ein anderer junger Mann hinten auf seinen Rollstuhl drauf, fährt singend mit, reckt die Faust in den Himmel. Die anderen Tanzenden werden auf das ungleiche Duo, einer stehend einer sitzend, aufmerksam, feuern sie mit Worten an, jubeln und hüpfen lachend um sie herum. Die Band auf der Bühne singt, „und in eins, zwei Tagen frag ich dann, wer hat zuletzt gelacht?!“ Da greifen einige junge Männer unter den Rollstuhl und heben ihn über die Köpfe der Menge, die kreischend applaudiert. Im Rollstuhl sitzt Alexander Eggert, 27, begeisterter Festivalbesucher, und grinst.

Am liebsten mittendrin

Seine Schwester hat die Szene beim Rock am Ring Festival im letzten Jahr mit ihrer Kamera festgehalten. Es war Alexander Eggerts drittes Festivaljahr, das Ticket für das Kommende hat er bereits gekauft. „Ich bin lieber mittendrin, als auf einer Extratribüne für Rollstuhlfahrer“, sagt der Informatikkaufmann, den eine Spastik in seiner Mobilität einschränkt, „dort habe ich mehr Spaß und kann mit meinen Freunden feiern.“

Dass es dort schon mal rabiater zugeht, stört ihn nicht. Etwas Abenteuerlust gehört eben auch dazu. Doch den Mut sich ins Getümmel zu stürzen, hat nicht jeder. Und so freuen sich viele Rollstuhlfahrer über die Extraplätze mit guter Sicht, die mittlerweile fast alle Veranstalter für sie bereithalten. Sei es in der ersten Reihe, auf einer Empore oder Tribüne. Auch behindertengerechte sanitäre Anlagen und Parkplätze, sowie Ermäßigungen oder Freikarten für die Begleitperson und barrierefreie Zugänge gehören vielerorts dazu. Alle geben sich Mühe, niemand soll ausgeschlossen werden, da sind sich alle einig. In der Praxis klappt das nicht immer, dann ist der Wille zur Improvisation gefragt. Wenn alle mit anfassen, ist vieles machbar.

Regenwetter und Schlammgruben

Und dann kann es losgehen. Der Festivalkalender ist prall gefüllt. Ob Metal, Techno, Klassik oder Rock, jetzt heißt es: Raus aus den miefigen Konzerthallen und rein ins sonnige Freiluftvergnügen. Doch die Sonne ist den Festivalfans nicht immer hold. Und bei Regenwetter verwandeln sich ungeteerte Wege schnell in Schlammgruben und werden zu Hindernisparcours. Der Rollstuhl streikt, die Laune sinkt. Dann sind selbst gut vorbereitete Veranstalter, wie die Verantwortlichen vom Tollwood-Sommerfestival im Münchner Olympiapark, chancenlos. „Bei Dauerregen schütten wir große Pfützen mit Kies auf, aber ab einem gewissen Punkt sind die Wege einfach nicht mehr befahrbar“, sagt Christiane Stenzel, 40, Ansprechpartnerin für Menschen mit Behinderung. Dann suchen sie individuelle Lösungen, holen Rollstuhlfahrer auch schon mal von den Parkplätzen ab und fahren sie bis vor die Musikarena. „Schließlich muss Kultur jedem zugänglich sein.“ Ihr Rat: Beim Veranstalter nachfragen, meistens findet sich eine Lösung.  

Schlammige Wege und Pfützen sind für Willi Stohr zwar auch ärgerlich, aber kein Hindernis. Denn der sehbehinderte 56-Jährige ist immer in Begleitung unterwegs, Familienmitglieder oder Bekannte, die ihm den Weg weisen. Den Sternenhimmel, die bunten Lichterketten und aufwendigen Bühnenshows sieht er nicht, „aber ich lasse sie mir beschreiben.“ Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Die Gerüche der „kulinarischen Köstlichkeiten“, wie er sie liebevoll nennt, und der Wind, der um seine Nase weht, dazu die vielseitigen Konzerte, das macht für ihn einen guten Festivaltag aus. Und Willi Stohr muss es wissen, seit 25 Jahren besucht er regelmäßig das Kulturfestival, die Liebe zur Musik treibt ihn an, von Black Sabbath bis zu Unheilig, von klassischen Konzerten bis zur Volksmusik.

Miniurlaub vom Alltag

So geht es auch Alexander Eggert. Eine Lieblingsgruppe hat er nicht, die Musik sei ohnehin Nebensache, „auf dem Festival will ich einfach mal einen kleinen Miniurlaub vom Alltag machen. Alle sind total locker drauf und genießen den Augenblick, da ist es leicht mit Menschen in Kontakt zu kommen.“ Und wo schläft er? „Auf dem Campingplatz, wie alle anderen auch. Mein VW-Bus ist mein Bett.“ Eben mittendrin, statt außen vor. So wie an jenem Tag im letzten Jahr als ihn die Feiernden samt Rollstuhl in die Luft hoben. „Ein bisschen Angst war auch mit dabei. Immerhin wiegt mein Rollstuhl 130 Kilos!“ Dreißig Sekunden Nervenkitzel pur, bis er wieder sanft auf dem Asphalt landete, berauscht von dem Erlebten. „Ein unvergessliches Highlight.“ Bis jetzt. Denn das nächste Festival steht schon vor der Tür. Dann ist es wieder an der Zeit, für ein paar Tage durchzudrehen.


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