Unvergessliche Momente

Drei eingefleischte Festival-Besucher mit Behinderung erzählen in kurzen Interviews, was für sie die Faszination der Veranstaltungen unter freiem Himmel ausmacht, und berichten von ihren schönsten und denkwürdigsten Erlebnissen.

Willi Stohr 56, aus München. Der blinde Verwaltungsfachangestellte ist seit 25 Jahren treuer Tollwood-Besucher.

Willi Stohr

Was macht die besondere Faszination eines Festivals für Sie aus?

Ich liebe Musik und komme aus einer Musikerfamilie. Mein Vater war Dirigent, ich spiele Akkordeon. Auf dem Festival ist die Musik überall, liegt immer in der Luft, ganz gleich ob Rock, Pop oder Klassik. Dazu die fröhlichen Menschen, ihr Lachen, der Duft nach kulinarischen Köstlichkeiten, es ist einfach ein wunderbares Ereignis.

Welches Festivalerlebnis wird Ihnen immer im Gedächtnis bleiben?

Der Auftritt von der Band Unheilig zum 25. Jubiläum des Tollwood-Festivals. Die Stimme des Grafen hat mich sehr berührt – vor allem, als er das Lied „Geboren um zu leben“ gesungen hat. Ein Gänsehautmoment. 

Und auf welche Festivalbegebenheit hätten Sie verzichten können?

Ich habe in den letzten 25 Jahren keinen Sommer ohne Festival verbracht. Natürlich ist man da von einem Auftritt schon mal enttäuscht, weil die Liedauswahl nicht so gut war oder der Musiker keinen guten Tag hatte. Der Auftritt von Bryan Ferry war so eine Enttäuschung, da hatte ich mir einfach mehr von versprochen.

Andrea Schütt 44, aus Korntal bei Stuttgart. Die gelernte Restaurant- und Bürokauffrau ist mit ihrem Rollstuhl „Mücke“ Stammgast in Wacken.

Andrea Schütt

Was macht die besondere Faszination eines Festivals für Sie aus?

Die Riesenparty an der frischen Luft! Die Menschen kommen aus aller Welt, sind offen, humorvoll und packen mit an. Letztes Jahr fehlte eine Rampe zum Frühstückszelt. Mein Rolli „Mücke“ und ich mussten draußen bleiben, obwohl mein Kaffeenotstand groß war. Ein australisches Paar sah mich und brachte mir kurzerhand einen Kaffee – sogar bis ans Zelt.

Welches Festivalerlebnis wird Ihnen immer im Gedächtnis bleiben?

Mein erster Festivalbesuch war eine richtige Schlammschlacht. Am letzten Tag war der Platz so matschig, dass unser Auto im Schlamm steckenblieb. Drei sturzbetrunkene Russen schoben uns unermüdlich an, bis das Auto befreit war. Anhalten und uns bedanken konnten wir nicht mehr. Im Jahr darauf kam plötzlich einer der Russen lachend auf uns zugerannt. Als wir ihm endlich danken konnten, war das sehr berührend. 

Und auf welche Festivalbegebenheit hätten Sie verzichten können?

Bei einem Festival muss man auch mal Abstriche machen, auf Annehmlichkeiten verzichten und entspannt bleiben. Wirklich genervt hat mich im letzten Jahr nur die Akustik auf der Rollitribüne. Wenn rechts und links zwei Bands gleichzeitig spielten, hatte ich Ohrsalat.

Alexander Eggert 27, aus Moers. Der Informatikkaufmann hat eine Spastik und fährt seit drei Jahren mit seinem VW-Bus zu Rock am Ring.

Alexander Eggert

Was macht die besondere Faszination eines Festivals für Sie aus?

Die lockere Atmosphäre. Ich spreche gerne neue Leute an, feiere und tausche mich aus. In der Disko ist das oft schwierig, aber auf dem Festival sind alle aufgeschlossen, da geht das ganz leicht.

Welches Festivalerlebnis wird Ihnen immer im Gedächtnis bleiben?

Als mich die tanzende Menschenmenge auf dem Rock-am-Ring-Festival samt E-Rolli hochgehoben hat. Sie haben mir zugejubelt, mit mir gefeiert und getanzt. Ein unvergesslicher Moment. 

Und auf welche Festivalbegebenheit hätten Sie verzichten können?

Den Regen. Im letzten Jahr fehlte die Plastikplane über der Rollstuhltribüne. Das war für viele E-Rollifahrer ärgerlich. Denn nach zehn Minuten im Dauerregen ist die Elektronik des Rollstuhls kaputt. Zum Glück habe ich immer meinen Regenumhang dabei, mit dem kann ich meinen Rolli schützen. Und Regenklamotten sind auf einem Festival eigentlich sowieso Pflicht. Für jeden.


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