Opa war ein NS-Mörder

Sohn und Enkel eines ehemaligen Nervenarztes aus Königslutter finden nach dessen Tod heraus, was der Großvater während der Zeit des Nationalsozialismus getan hat. Eine Familiengeschichte über das Euthanasieprogramm, über Wahrheiten, die sehr lange unter Verschluss gehalten wurden und über die Angst vor dem Fragenstellen.
 

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verschlossene Tür

Text: Torben Dietrich und Dagmar Puh

An den Heiligabend 1946 kann sich Henning Brandes* noch gut erinnern, obwohl er damals erst vier Jahre alt war. Der Grund: Sein Vater fehlte bei der Bescherung. „Wahrscheinlich hat meine Mutter uns Kindern damals etwas von einer dienstlichen Abwesenheit erzählt“, sagt Henning Brandes heute. In Wahrheit saß sein Vater Fritz im Gefängnis. Die amerikanischen Besatzungsbehörden hatten den Nervenarzt, der seit 1940 Leiter der Frauenabteilung des Landeskrankenhauses Königslutter war, wegen einer möglichen Beteiligung am Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten inhaftiert.

Dr. Fritz Brandes* (mit einer Kollegin) arbeitete bis 1965 in der Landesklinik Königslutter. Ein Nachruf beschreibt ihn als „Arzt mit großer Herzensgüte“.

Patienten systematisch ermordet

Die Klinik Königslutter wurde im Rahmen dieses Programms als Durchgangsstation für Menschen mit psychischen, geistigen und körperlichen Behinderungen auf ihrem Weg in die Vernichtungsstätte genutzt. Aufgrund der hohen Sterberaten in der Einrichtung selbst gilt es außerdem als sicher, dass dort Patienten im Zuge der sogenannten „wilden Euthanasie“ ermordet – also mit Medikamenten vergiftet oder systematisch ausgehungert – wurden. Juristisch eindeutig nachweisen ließen und lassen sich die Morde oft nicht. Denn Totenscheine wurden bewusst falsch ausgestellt, Akten vernichtet. So kam auch der Nervenarzt Dr. Fritz Brandes* nach einem Jahr in Haft frei und trat seine Stelle wieder an.

Für seinen Sohn Henning war das „Weihnachten ohne Papa“ der erste von vielen Hinweisen auf dunkle Flecken im Leben des Vaters. Später schnappte der Junge immer wieder Wortfetzen der Erwachsenen auf, die auf ein Tabuthema hinwiesen. „Das dürfen wir den Kindern nicht sagen ...“, war so einer. Von dem Gerichtsprozess, der 1950 gegen den Vater und andere Ärzte begann und später eingestellt wurde, bekamen er und seine Geschwister nichts mit. Sie genossen eine meist unbeschwerte Kindheit auf dem weitläufigen Klinikgelände, wo die fünfköpfige Familie lebte.

Henning Brandes* (rechts) und seine Geschwister genossen auf dem Gelände des Landeskrankenhauses unbeschwerte Tage.

Dunkle Geheimnisse

Später wurde es schwieriger, die Hinweise auf ein dunkles Geheimnis zu übersehen. So 1973, als Dr. Fritz Brandes wegen Mordes im Rahmen des Euthanasieprogramms vor einem Hamburger Gericht stand. Von Anklage und Prozess – das Verfahren wurde schließlich eingestellt – erfuhr ­Henning Brandes erst nach dem Tod seines Vaters. An dessen depressive Stimmung und seine zunehmenden Alkoholprobleme erinnert er sich aber genau. Und an sein eigenes, immer deutlicheres Gefühl, dass da etwas Unaussprechliches in der Vergangenheit des Vaters lag. Ein Gefühl, das Henning ­Brandes immer stärker belastete. Die entscheidenden Fragen stellte er seinem Vater trotzdem nie: Was hast du ­während des Dritten Reichs gemacht? Warst du an Ver­brechen beteiligt?

Nach dem Warum für seine Sprachlosigkeit gefragt, meint Henning Brandes: „Ich bin wohl nicht der Typ dafür.“ Außerdem sei da die Sorge gewesen, der Vater könne die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit nicht verkraften. Eine typische Sorge, wenn es darum geht, sich mit schuldhaftem Verhalten der Eltern auseinanderzusetzen – oder eben nicht, weiß Prof. Dr. Peter Kaiser vom Oldenburger Institut für Familienpsychologie (siehe Interview). „Das Mitleid mit dem Vater, die Angst, ihm zu nahe zu treten, ist einer der Gründe dafür, dass Fragen nach der Vergangenheit nie gestellt werden“, sagt der Psychologe.

Henning (links) und Sebastian Brandes*. Sebastian recherchierte, was sein Großvater Fritz während der Zeit des Nationalsozialismus getan hat.

Beteiligt am Euthanasieprogramm

Oft gelingt es erst, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, nachdem die Eltern verstorben sind – und die nächste Generation ins Spiel kommt. So auch im Fall Brandes: 2007 erfuhr Sebastian Brandes*, der Sohn von Henning, dass sein inzwischen verstorbener Großvater  sich bewusst beteiligt haben musste am Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten. „Ich habe dann angefangen, selbst zu recherchieren“, sagt der 37-Jährige.

In verschiedenen Archiven wurde er fündig. „Die mutmaßlichen Opfer meines Opas waren Patientinnen der Frauenabteilung. Depressive, neurotische oder körperlich behinderte Menschen – Hilfebedürftige eben.“ Auch Henning Brandes setzte sich nun endlich mit der Vergangenheit seines Vaters auseinander. „Die Recherchen in den Ermittlungs- und Prozessakten haben mich sehr schockiert und verstört“, bekennt er. 

Für schuldig befunden oder gar verurteilt wurde Dr. Fritz Brandes nie. Bis zu seiner Pensionierung blieb er Arzt in Königslutter. In einem Nachruf wurde er als „Arzt mit großer Herzensgüte“ und „aufrechter Mann“ gewürdigt. Henning und Sebastian Brandes sehen ihn vor dem Hintergrund des Familiengeheimnisses inzwischen mit anderen Augen. Vor allem der Enkel hält mit seinem Urteil nicht hinter dem Berg. „Mein Opa war auch ein Täter“, sagt er. „In den Dokumentationen über Euthanasie im Dritten Reich müsste auch sein Name stehen."

* Name wurde von der Redaktion geändert.


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