Sprechen Sie Emoji?

Lachende Gesichter, Einhörner, Sahnetorten – wenn wir uns digital unterhalten, haben wir fast immer Emojis auf dem Schirm. Seit 2011 erobern sie unsere Kommunikation und haben schon in Wörterbücher Einzug gehalten.
 

Text: Elisabeth Wicher

Die Deutschen verschicken am häufigsten lachende Gesichter. Am zweitliebsten Herzen in allen Variationen. Gesten wie Klatschen oder das Victoryzeichen sind weniger beliebt. Die Maus ist der Deutschen liebstes Säugetier – zumindest unter den Emojis. Die bunten Bildchen sind Teil unserer digitalen Gespräche geworden, sei es in sozialen Netzwerken, E-Mails oder Apps wie WhatsApp. 2015 wählte Oxford Dictionaries den Tränen lachenden Smiley gar zum Wort des Jahres. Wort, nicht Bild! Die Begründung der Jury: Das Emoji spiegele am besten den Ethos und die Stimmung des Jahres 2015 wider. „Ich finde es begrüßenswert, dass Wörterbücher Elemente aufgreifen, die hochfrequent verwendet werden“, sagt Michael Beißwenger, Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik an der Universität Duisburg-Essen (siehe Interview). „Andererseits ist es auch seltsam, denn ein Emoji ist ja natürlich kein Wort. Es ist ein Element, das eine Handlungsbedeutung transportiert, aber es bildet keine Wortformen.“

Unicode hat die Macht

Seit Anfang der 1980er-Jahre kommunizieren Menschen in Onlineforen. Schnell zeigte sich, dass ironische Aussagen von ernst gemeinten nur schwer zu unterscheiden waren – schließlich fehlen Gestik, Mimik und Tonfall. Daraufhin schlug der US-amerikanische Informatiker Scott Fahlmann vor, aus Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer ein lachendes Gesicht zu bilden – das erste sogenannte Emoticon war geboren.

Und es verbreitete sich in Windeseile. Aus dem klassischen, heute weltberühmten Smiley entstand eine Vielzahl anderer Gesichtsausdrücke. Emojis sind nun die Weiterentwicklung der Emoticons. Den Kern bilden noch immer Gesichtsausdrücke, daneben gibt es kulturelle Symbole wie das Herz und Illustrationen von Objekten. Wie die Emoticons werden sie dazu verwendet, Gefühle auszudrücken oder das Gesagte als Scherz zu kennzeichnen. Darüber hinaus werden sie rein illustrativ eingesetzt. Auch Menschen mit geistiger Behinderung greifen auf die bunten Bildzeichen zurück, um ihre Nachrichten zu unterstreichen.

Sprachwissenschaftlich gesehen sind Emojis Ideogramme, also grafische Symbole, die eine Idee oder ein Konzept repräsentieren. Dadurch können Emojis Sprachbarrieren überwinden – wobei es allerdings zu Missdeutungen kommen kann, denn der kulturelle Hintergrund der Nutzer ist entscheidend.

Ihren Ursprung haben Emojis in Japan. Das erste Emoji hat 1998 der japanische Mobilfunkanbieter NTT DoCoMo eingeführt. Der Smiley mit Träne, der im westlichen Kulturkreis häufig als Synonym für Erkältung verwendet wird, steht in Japan für Schlaf. Und der lachende Kothaufen kommt auch aus Japan: Dort bedeutet das Symbol nämlich Glück. Aktuell gibt es über 1.600 Emojis. Welches Zeichen es in die Menüs der Apps, E-Mails und sozialen Netzwerke schafft, entscheidet das kalifornische Unicode-Konsortium. Die Nichtregierungsorganisation, der Politiker, Universitäten und Vertreter großer Technologiekonzerne wie Google, SAP, Microsoft und Apple angehören, legt digitale Standards für Text fest – und wacht auch über Emojis.

Vielfältige Emojis

Wer möchte, dass ein neues Motiv in die offizielle Liste aufgenommen wird, wodurch es standardmäßig in den Apps auftaucht, muss dies bei Unicode beantragen. Zu den zuletzt offiziell aufgenommenen Symbolen zählen ein Döner, eine schwangere Frau und eine Person, die ein Selfie macht.

Die Vielfältigkeit der Emojis lässt sich auch damit erklären, dass viele Nutzer sich selbst beziehungsweise ihre vielfältige Gesellschaft durch Emojis repräsentiert sehen möchten. Deshalb gibt es Emojis unterschiedlicher Hautfarben und solche, die alternative Familienmodelle darstellen wie Familien mit zwei Müttern. Weil sich dennoch nicht jeder wiederfindet, gehen ständig neue Anträge bei Unicode ein. So auch der der 15-jährigen Berliner Schülerin Rayouf Alhumedi, die ein Hidschab-Emoji – eine Frau mit traditioneller islamischer Kopfbedeckung – entworfen hat. Ihre Begründung: Es gibt ein Symbol für einen Schneemann und sogar drei verschiedene für Speiseeis, aber keines für die vielen Frauen weltweit, die ein Kopftuch tragen.


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