Ungehobene Schätze

Barrieren, Vorbehalte und Berührungsängste halten Menschen mit Behinderung vom ersten Arbeitsmarkt fern. Das widerspricht nicht nur dem Prinzip der Inklusion, auch wirtschaftlich betrachtet ist es wenig sinnvoll.

Grafik zur Barrierefreiheit von Unternnehmen

Text Stefanie Wulff 

Illustrationen Jörg Block

Der BioMARKT im baden-württembergischen Öhringen beschäftigt 14 Angestellte. Drei von ihnen haben eine Mehrfachbehinderung und sitzen im Rollstuhl. Selbstverständlich bedienen sie ihre Kunden nicht weniger fachkundig und freundlich als ihre Kollegen ohne Behinderung. Auch die 740 Angestellten der Berliner Stadtreinigung, darunter viele Mitarbeiter mit Lernschwäche, engagieren sich in ihrem Job nicht weniger als ihre 4.560 Kollegen ohne Behinderung. Womöglich sind manche von ihnen sogar besonders motiviert, weil es für sie so besonders schwierig war, einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu finden. Beide Betriebe wurden neben drei weiteren vom UnternehmensForum mit dem Inklusionspreis 2013 ausgezeichnet.

Preise wie dieser sind gut und wichtig. Doch sie zeigen auch, dass Inklusion am Arbeitsplatz bei Weitem noch keine Selbstverständlichkeit ist. Bei gleicher oder sogar besserer Qualifikation werden Menschen mit Behinderung in der Jobsuche erheblich benachteiligt.

 

Grafik zu Personalverantwortlichen und Menschen mit Behinderung

Benachteiligung ist noch die Regel

2013 war die Arbeitslosigkeit unter ihnen mit 14 Prozent fast doppelt so hoch, wie die von Menschen ohne Behinderung. Auch sind sie im Durchschnitt erheblich länger arbeitslos, nämlich ein Jahr, während die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne Behinderung nur 36 Wochen beträgt. Selbst von einer sehr guten Qualifizierung profitieren Menschen mit Behinderung weit weniger: Während die Zahl arbeitsloser Akademiker in den letzten Jahren stetig sank, stieg sie bei Akademikern mit Behinderung zwischen 2009 und 2012 um 17 Prozent an. Insgesamt ziehen Menschen mit Behinderung aus dem wirtschaftlichen Aufschwung offenbar keinen Vorteil. Dabei hat sich Deutschland im Jahr 2009 mit der Ratifizierung der UN- Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderung freien Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Nach Artikel 27 haben Menschen mit Behinderung ein gleichberechtigtes Recht auf Arbeit, genau gesagt, das Recht, „den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderung zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird“.

Neben Zuschüssen zur Einrichtung und Umgestaltung von Arbeitsplätzen und befristeten Lohnzuschüssen für Neueinstellungen ist die Schwerbehindertenquote zurzeit das wichtigste gesetzliche Instrument, dieses Recht auf Zugang zur Arbeitswelt auch umzusetzen. Es ist vorgeschrieben, ab einer Größe von 20 Mitarbeitern fünf Prozent der Stellen in einem Unternehmen mit schwerbehinderten Mitarbeitern zu besetzen. Wer diese Beschäftigungsquote nicht erfüllen will, muss eine Ausgleichsabgabe zahlen, was Privatunternehmen dann auch vielfach nutzen: Während der öffentliche Dienst die Quote mit 6,5 Prozent seiner Stellen übererfüllt, liegt sie in der freien Wirtschaft bei lediglich vier Prozent.

Bauliche und bürokratische Hürden, nicht zuletzt aber auch Vorbehalte und Unwissenheit seitens der Arbeitgeber halten Menschen mit Behinderung trotz Quote und finanzieller Anreize vom ersten Arbeitsmarkt fern. Für die Unternehmen stellt unter anderem das Thema Kündigungsschutz eine große Hemmschwelle dar. Sie fürchten, einen Arbeitnehmer mit Behinderung „nie mehr loswerden zu können“. Dabei ist das so nicht richtig. Schwerbehinderte Arbeitnehmer, die länger als ein halbes Jahr im Unternehmen beschäftigt sind, dürfen zwar nur dann gekündigt werden, wenn das Integrationsamt zustimmt. Doch in 80 Prozent der Fälle wird den wenigen beantragten Kündigungen Schwerbehinderter zugestimmt.

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen scheuen sich, Menschen mit Behinderung  zu rekrutieren. Sie befürchten unkalkulierbare Kosten durch mögliche Krankheitszeiten, bauliche Maßnahmen und zu viel Bürokratie. Dies fällt umso mehr ins Gewicht, als gerade die kleinen und mittleren Unternehmen die größten Arbeitgeber darstellen: 66 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland sind bei ihnen angestellt. Dabei können kleine, ebenso wie große Unternehmen sehr von einer inklusiven Belegschaft profitieren. Eine größere Vielfalt innerhalb der Belegschaft wirkt anziehend auf andere Fachkräfte, fördert die Kreativität und zieht neue Zielgruppen an.

Grafik zu Leistungsunterschieden

Motivation und Leistungswille

Stellen Arbeitgeber Schwerbehinderte ein, bemerken 81 Prozent von ihnen keine Leistungsunterschiede im Vergleich zu nicht behinderten Mitarbeitern. Die meisten Personalverantwortlichen schätzen darüber hinaus deren Leistungswillen und Motivation. Das haben die Aktion Mensch und das Handelsblatt Research Institute herausgefunden im kürzlich erschienenen „Inklusionsbarometer Arbeit“, ein Instrument, mit dem der Grad der Inklusion in der Arbeitswelt gemessen werden kann.

Für viele Betriebe wird es immer schwieriger, Auszubildende und Fachkräfte zu finden. Eine Situation, die sich angesichts des demografischen Wandels künftig noch verschärfen wird. Ein Wandel auf dem Arbeitsmarkt muss also kommen. Damit er auch Menschen mit Behinderung zugute kommt, muss sich vor allem in den Köpfen etwas ändern. „Es scheint, dass sobald die psychologischen Barrieren beseitigt sind – das heißt der Wille zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung vorhanden ist –, auch alle anderen Hürden, zum Beispiel baulicher oder finanzieller Art, überwunden werden können.“ So ein Fazit der Studie „Chancen und Barrieren für hoch qualifizierte Menschen mit Behinderung“, die die Universität Köln unter Leitung von Professor Mathilde Niehaus kürzlich im Auftrag der Aktion Mensch durchgeführt hat. Als wichtigste Maßnahmen, um Berührungsängste abzubauen und mehr Menschen mit Behinderung in qualifizierte Arbeitsverhältnisse zu bringen, nennt die Untersuchung: Aufklärung, Information und Sensibilisierung. Die Porträts, Interviews und Berichte zum Thema Arbeit, das wir hier in den Fokus gestellt haben, sollen hierzu einen Betrag leisten.          


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