Zweierpack

„Sport ist Mord“ findet Filme­macher Niko von Glasow. Trotzdem hat er für seinen aktuellen und äußerst unterhaltsamen Film „Mein Weg nach Olympia“ ein Jahr lang verschiedene Sportler bei ihrer Vorbereitung auf die Paralympics 2012 in London begleitet. Eine von ihnen: die Schwimmerin Christiane Reppe. Der Sportmuffel und die Topathletin im Doppelinterview.
 

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: Christiane Reppe und Niko von Glasow beim Pfannkuchenessen.

if productions/Hajo Schomerus, Aktion Mensch

Interview: Christina Marx

 

 

Frau Reppe, Sie sind Leistungsschwimmerin. Herr von Glasow, Sie bezeichnen sich selber als jemand, der „mit Sport nichts am Hut“ hat. Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung erinnern?

Christiane Reppe: Unsere erste Begegnung war eigentlich sehr spannend, denn ich kannte bis dato Niko nicht und wusste auch nicht wirklich, wie er sich die Dreharbeiten vorstellt. Ich war anfangs etwas skeptisch, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie jemand mit einer solchen Einstellung zu Sport einen Film über die Paralympics drehen möchte. Doch nach dem ich den Film auf der Premiere sehen durfte, bin ich sehr beeindruckt und auch stolz, ein Teil des Films sein zu dürfen!!
Niko von Glasow: Ich habe Christiane zu Hause besucht mit meinem Kamerateam. Und wir haben zusammen Pfannkuchen gebacken. Ich hatte alle Zutaten dafür mitgebracht. Dabei ist das Eis gebrochen.

Was finden Sie am anderen besonders beeindruckend?

Reppe: Beeindruckend an Niko finde ich, wie viele tolle Ideen ihm im Kopf rumschwirren und er diese verwirklicht!
Von Glasow: Dass sie eine Blondine ist und dennoch intelligent.

Können Sportler und Sportmuffel Freunde sein?

Von Glasow: Ich finde Freundschaft ist gerade gut in Gegensätzen. Das bereichert ja. Wenn alle Freunde so wären wie ich, dann hätte ich wahrscheinlich wenige Freunde. Ich weiß nicht, ob ich mit mir befreundet sein wollte.
Reppe: Ich denke nicht, dass der Sport über eine Freundschaft bestimmt. Entweder man kann sich riechen oder nicht. Niko hat mir einmal sehr deutlich gemacht, dass ich mich vor niemandem verstecken muss und ich mein Leben noch vor mir habe! Ich danke ihm sehr und er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben!

Was bedeutet Leistung für Sie?

Reppe: Leistung ist für mich ganz simpel betrachtet der Quotient aus getaner Arbeit und der dazu benötigten Zeit.
Von Glasow: Das ist eine schwere Frage. Einmal Anerkennung von meinen liebsten Menschen. Das ist das Wichtigste. Und Anerkennung von der Welt. Aber das ist eine Illusion. Aber dennoch. Ich verstehe, dass man einer Illusion hinterherläuft.

Wann und auf welche Weise sind Sie zuletzt über Ihre Grenzen gegangen?

Reppe: Über meine Grenzen bin ich zuletzt das gesamte letzte Jahr gegangen, indem ich versucht habe ein ganz normales Leben ohne den Sport zu führen. Glücklicherweise liegt diese Erfahrung nun hinter mir!
Von Glasow: Ich überschreite meine eigenen Grenzen andauernd, leider. Gestern Abend zum Beispiel habe ich zuviel getrunken. Das war auf jeden Fall die Überschreitung einer eigenen Grenze. Das ist eigentlich falsch für den Körper und auch für den Geist, aber so bin ich halt. Die Grenzen von anderen überschreite ich nur, wenn ich dazu eingeladen werde, sie zu überschreiten. Wenn man eine Grenze sozusagen mit Liebe überschreitet, dann ist das o.k . Die Motivation einer Grenzüberschreitung ist total wichtig. An sich versuche ich Grenzen zu respektieren.

Im Film testen Sie ja auch mit Greg die Grenzen von Nähe aus.

Von Glasow: Ja da gibt es diese Szene, wo ich Greg nach seinem ersten Kuss frage, dann frage ich ihn, ob er darüber reden will. Er sagt „nein“. Und dann ist das für mich o.k. so.

Wie war Ihr „Weg nach Olympia“?

Reppe: Mein Weg nach Olympia war nicht immer einfach, hatte Höhen und Tiefen, doch ist es immer wieder Wert ihn zu gehen!!
Von Glasow: Steinig. So einen Film zu machen über ein Thema, was in den Stoßzeiten während der Paralympics vom Publikum und von den Medien total gepusht wurde. Und danach wird es eigentlich wieder vergessen. Und in dieses Vergessen sind wir als Kinofilm jetzt reingeraten. Die Leute wollen das in der Saison sehen und wenn die Saison vorbei ist, ist es vorbei. Es gibt diese berühmte Berührungsangst, die in uns allen ist. Wir wollen auf den Jahrmarkt gehen und dann darüber begeistert sein und das ist mit den Paralympics auch so.
Den Behindertensport gibt es in den Medien nur alle vier Jahre. So ist es für einen Film über Behinderung einfach schwer. Unser Film wird geliebt von den Menschen. Total sogar. Aber wir kriegen sie nicht ins Kino. Aber eines Tages gibt es ihn auf DVD und im Fernsehen und dann kommen sie millionenfach. Also auch diese Geschichte hat ein Happy End. Nein die Berührungsangst von uns allen ist sehr hoch.

Wie definieren Sie Erfolg?

Reppe: Erfolg sollte jeder für sich selbst bestimmen. Für mich ist es ein Erfolg, wenn ich mit mir und meiner Leistung zufrieden bin. Ich bin ein Mensch, der sehr schwer zufriedenzustellen ist, vor allem von mir selbst. Ein Erfolg wäre es zum Beispiel, wenn ich diese Eigenschaft irgendwann abschalten könnte.
Von Glasow: Wenn das Projekt als Ganzes gut verlaufen ist. Wenn auch meine Mitarbeiter und die Portätierten während der Arbeit und später die Zuschauer etwas mitnehmen. Ich habe keine Message. Aber ich möchte, dass Menschen einen kleinen Gedanken, eine kleine Freude mitnehmen?

Wie lange brauchen Sie, um Ihre Preise und Pokale abzustauben?

Von Glasow: Sie stehen in meinem Büro zwischen den Büchern. Ich habe immer noch mehr Bücher als Auszeichnungen. Und dann habe ich gottseidank eine Putzfrau, die mir hilft, sie abzustauben.
Reppe: Wenn ich ehrlich sein soll, stehen die Medaillen und Pokale bei mir nicht im Regal. Ich bin kein Mensch, der seine Trophäen immer allen präsentieren muss. Wenn ich Leistung bringen möchte, dann nur für mich selbst!!

Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: „Sport ist ...“

Von Glasow: Sport ist eine Möglichkeit, Glück zu erlangen. Aber nicht die einzige.
Reppe: Sport ist für mich die Luft zum Atmen und ein ganz und gar offenes Spiel mit der eigenen Zukunft!


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