Dolmetscher bauen Brücken

Sich zu verstehen, ist nicht immer einfach – weil man aus unterschiedlichen Kulturen kommt, nicht dieselbe Sprache spricht oder einer der Beteiligten eine Behinderung hat. Dolmetscher bauen Brücken. Einige Einblicke in Theorie und Praxis des Übersetzens.
 

Text: Anrdeas Unger
Illustration: Sebastian Lörscher

Ginge es einfach nur um Wörter und Sätze, wäre das Übersetzen eine reine Fleißaufgabe: Das Ziel wäre, möglichst viele Wörter in möglichst kurzer Zeit aufzunehmen und wieder auszuspucken. Aber so einfach ist es nicht. Weil es nicht nur darauf ankommt, was gesprochen wird, sondern auch wie. Weil nicht nur Wörter übersetzt werden, sondern Menschen. Daher kümmern sich gute Sprachmittler um Zusammenhänge und die Inhalte zwischen den Zeilen. Vivi Bentin, die als Freiberuflerin Englisch–Deutsch für Auftraggeber im politischen Berlin dolmetscht, sagt: „Wir dolmetschen nicht Wort für Wort. Wir suchen nach dem Sinn einer Aussage. Dieser Sinn wird dann in eine andere Sprache übertragen. Deshalb müssen wir zwei Dinge beherrschen: Wir müssen die Details korrekt wiedergeben. Und diese gleichzeitig so zusammenfügen, dass die Aussage die gleiche bleibt.“

Das gilt für alle Dolmetscher, egal, ob sie Text mündlich oder per Gebärdensprache übertragen – meistens live und ohne sich korrigieren zu können. Manche Dolmetscher arbeiten konsekutiv, das heißt, sie übertragen, sobald der Sprecher eine Pause macht. Andere dolmetschen simultan, hören und übersetzen also gleichzeitig. Und dann gibt es noch die relativ neue Sparte der Schriftdolmetscher: Sie übertragen gesprochenes Deutsch in geschriebenes, sodass Menschen mit Hörbehinderungen zum Beispiel Vorlesungen und Podiumsdiskussionen verfolgen können.

Das Gehirn vollbringt Höchstleistungen

Wenn Dolmetscher arbeiten, vollbringt ihr Gehirn Höchstleistungen. Wörter, Gebärden oder Gesten müssen wahrgenommen, verstanden, kurz memoriert und wiedergegeben werden. Deshalb wechseln sich oft zwei Dolmetscher ab. Etwa 15 Minuten könne sie ihre volle Konzentration aufrechterhalten, sagt Simone Scholl, eine erfahrene Gebärdensprachdolmetscherin und Dozentin am Institut für Deutsche Gebärdensprache der Universität Hamburg. Anschließend ist es gut, an einen Kollegen abzugeben. „Ich unterstütze ihn dann weiter. Zum Beispiel notiere ich Zahlen oder Eigennamen, die er sich in der Eile schwer merken kann.“

Mehrere Sprachen perfekt zu beherrschen, macht noch keinen guten Dolmetscher aus. Sondern auch eine breite Allgemeinbildung und sehr gutes Konzentrationsvermögen. „Und er sollte Spaß daran haben, immer an unterschiedlichen Orten und mit unterschiedlichen Menschen zu arbeiten“, sagt Simone Scholl. Hinzu komme Menschenkenntnis und ein sicheres, freundliches Auftreten.

Gute Dolmetscher zu finden, ist nicht leicht. In Deutschland darf sich jeder „Dolmetscher“ oder „Übersetzer“ nennen, diese Begriffe sind nicht geschützt. Umso wichtiger ist es, sich jemanden zu suchen, der viel Erfahrung oder eine anerkannte Ausbildung mitbringt. Wenn es um heikle Inhalte geht, etwa vor Gericht, ist es wichtig, dass der Dolmetscher vereidigt ist. Der Gedanke, sich Hilfe zu holen, um mit anderen besser kommunizieren zu können, ist nicht selbstverständlich. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fanden Pädagogen, dass Menschen mit Hörbehinderungen am besten geholfen sei, wenn man sie lehre, von den Lippen zu lesen. Gebärdenverbote wurden erlassen und rigoros durchgesetzt, hörbehinderte und taube Menschen galten als geistig behindert. Erst seit 2002 steht im Behindertengleichstellungsgesetz: „Die Deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.“ Gehörlose, die sehr gut von den Lippen lesen und mit ihrer Stimme sprechen, sind die Ausnahme. Die meisten können sich mit der Gebärdensprache viel flüssiger und freier ausdrücken.

Dolmetscher und Klient

Zwischen Dolmetschern und ihren Klienten entwickeln sich immer wieder Freundschaften. Fürs Übersetzen ist es einerseits gut, sich sehr genau zu kennen. Andererseits kann es gerade bei heiklen, persönlichen Angelegenheiten angenehmer sein, einen Fremden übersetzen zu lassen. „Jeder Dolmetscher hat Gehörlose im Freundeskreis. Klar übersetzt man da mal als Freundschaftsdienst“, sagt Simone Scholl, „aber nur bei neutralen Themen. Ich würde nie für gehörlose Freunde beim Arzt oder bei Gericht dolmetschen. Das ist viel zu persönlich.“

Wenn sich Dolmetscher und Gedolmetschte besonders nahestehen, ist es wichtig, auf die eigenen, aber auch auf die Bedürfnisse des anderen Rücksicht zu nehmen. Peter Hepp gibt ein Beispiel. Er ist taubblind und lässt sich von seiner Frau und seinen beiden Söhnen dolmetschen. „Wir sitzen am Mittagstisch beisammen, die drei erzählen, wie ihr Vormittag war. Das interessiert mich natürlich. Aber wenn sie mir ständig ihr Gespräch in die Hand lormen würden, käme vor lauter Solidarität niemand mehr zum Essen.“


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