Kampf der Hightech-Giganten

Endlich mal ein internationaler Wettkampf, bei dem Menschen mit Behinderung Prothesen nicht nur nutzen dürfen, sondern müssen. Schließlich soll der Cybathlon, der am 8. Oktober in der Schweiz stattfindet, die Entwicklung neuer Technologien fördern.

Bei der Generalprobe im Juli 2015 traten 30 Teams aus 15 Nationen gegeneinander an. Sie testeten Aufgaben, die in sechs Disziplinen zu lösen sind, darunter auch das Überwinden von Hindernissen in motorgetriebenen Rollstühlen.

Text Astrid Eichstedt
Fotos ETH Zürich/Allessandro Della Bella

Die zu lösenden Aufgaben sind Alltagssituationen nachempfungen. Hier dem Wäscheaufhängen mit einer Handprothese.

Die Idee, einen Wettkampf zu veranstalten, bei dem die Teilnehmer mit Behinderung von modernsten Prothesen und Assistenzsystemen unterstützt werden, kam Robert Riener im Urlaub. Der Professor für Sensomotorische Systeme am Departement für Gesundheitswissenschaften und Technologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hatte erfahren, dass ein Mann mit einer bionischen Beinprothese die 103 Stockwerke des Willis Tower in Chicago hinaufgestiegen war. Er dachte: „Warum organisieren wir so etwas nicht in der Schweiz?“ Nach dreieinhalb Jahren Vorlauf samt Generalprobe ist es nun so weit: Am 8. Oktober startet der Cybathlon in der Swiss Arena in Kloten. Rund 80 internationale Technologieteams treten in sechs Disziplinen an: beim virtuellen Hindernisrennen per Gedankensteuerung durch eine Gehirn-Computer-Schnittstelle (BCI), beim Radrennen mit Muskelstimulation sowie bei diversen Parcours mit Beinprothesen, Armprothesen, Exoskelett und Rollstuhl.

Die Probanden, sogenannte Piloten, die von ihren Teams ins Rennen geschickt werden, müssen keine sportlichen Höchstleistungen vollbringen, sondern alltägliche Aufgaben lösen wie das Überwinden von Treppenstufen, Wäscheaufhängen oder das Bestreichen einer Brotscheibe mit Butter. Am Ende werden die besten Entwickler und Piloten mit Medaillen ausgezeichnet. Robert Riener: „Um wirklich sinnvolle Situationen zu schaffen, wurden Menschen mit Behinderung in die Ausarbeitung der Aufgabenstellungen einbezogen.“ Schließlich sollen die beteiligten Forschungslabore und Firmen ihre technischen Hilfsmittel nicht nur leistungsfähiger, sondern auch alltagstauglicher machen. Und das klappt nur im gegenseitigen Austausch.

Über eine per EEG gesteuerte Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer (BCI) setzen einfache Gedankenbefehle Fguren eines Computerspiels in Bewegung.

Moritz Grosse-Wentrup vom Tübinger Max Planck Institut für Intelligente Systeme sieht das genauso. Beim Cybathlon leitet er eines der BCI-Teams. Im Alltag arbeitet er viel mit ALS-Patienten, die mit fortschreitender Krankheit immer weniger mit der Außenwelt kommunizieren können. Noch ist die Entwicklung nicht ausgereift, doch es ist zu hoffen, dass ihnen mit einem BCI eines Tages eine probate Kommunikationshilfe zur Verfügung steht. Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer ermöglichen die Steuerung äußerer Vorgänge durch bewusst vom Patienten stimulierte Gehirnströme, so beim Cybathlon die Steuerung einer Spielfigur in einem virtuellen Hindernisrennen. „Leider wird in der Forschung oft mit gesunden Probanden gearbeitet. Die Ergebnisse lassen sich aber nur sehr eingeschränkt auf Menschen mit Behinderung übertragen“, sagt Grosse-Wentrup. „Der Cybathlon macht klar, dass es um die Verbesserung der Lebensqualität von Patienten geht.“

Auf einer Rampe mit motorgesteuerten Beinprothesen hinabzusteigen ist nicht leicht.
 

Im Alltag angekommen

Die Exoskelette der Firma ReWalk Robotics werden bereits weltweit in Rehabilitationszentren und in Privathaushalten eingesetzt. Der Pilot ihres Teams, André van Rüschen, der auch im Kampagnenfilm „Neue Nähe“ der Aktion Mensch mitwirkt, war der erste, der dieses System in Deutschland testete und seither auch nutzt. Er liefere ein gutes Beispiel dafür, so Mela Ikanovic, zuständig für die Marktentwicklung der Firma in Europa und Asien, dass die Nutzung von Exoskeletten im Alltag angekommen sei: „Abgesehen vom psychologischen Auf-Augenhöhe-Effekt reduziert die regelmäßige Anwendung des Systems unter anderem Schmerzen und die Einnahme von Medikamenten beträchtlich, was klinische Studien bestätigen.“

Alles in allem soll der Cybathlon einen Anreiz für die Entwicklung und Verbesserung neuer Technologien schaffen, die den Alltag von Menschen mit Behinderung erleichtern. Er soll außerdem die Akzeptanz solcher Technologien fördern und nicht zuletzt Geldgeber aus Wirtschaft und Politik überzeugen. Robert Riener plant, ihn alle vier Jahre mit noch mehr Disziplinen zu veranstalten, daneben sollen ein- oder mehrmals pro Jahr kleinere Events stattfinden. „Doch erst müssen wir unsere Hausaufgaben machen und diesen ersten Event erfolgreich bestehen.“


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