„Wie geil ist das denn!“

Skaten im Rollstuhl, das gibt es in den USA schon eine ganze Weile. David Lebuser will den Sport jetzt in Deutschland bekannt machen. Bislang übt der Chairskater seine Tricks meist alleine. Nicht mehr lange, wenn es nach den Teilnehmern seines ersten Workshops geht.

Text: Nicola Meier

Fotos: Dörthe Hagenguth

BMX-Fahrer brettern über Geländer und Bordsteine, Skater üben ihre Slides und Grinds, Flips und Ollies. Hart knallen ihre Bretter bei jedem Trick auf den glatten Steinboden. David Lebuser balanciert seinen Rollstuhl auf der Spitze eines gut zwei Meter hohen Hügels, vor ihm die sogenannte „Bowl“, ein aus Beton gegossenes Becken voller Bodenwellen und Hügel. Ein letzter Blick nach unten, dann stößt er sich ab und rast in die Mondlandschaft hinein.

Davis Lebuser ist Deutschlands erster Skater im Rollstuhl. Er wohnt in Dortmund, aber am liebsten skatet er in Frankfurt am Main. Der 5000-Quadratmeter-Skatepark in der Nähe des Ostbahnhofs ist einer der größten Europas und wurde erst vor einem Dreivierteljahr eröffnet. David Lebuser mag ihn auch deshalb so gerne, weil er bis auf den höchsten Betonhügel alle Hindernisse im Park ohne Hilfe erreichen kann. „Ohne es zu wissen, haben sie einen richtig guten Park für Rollstuhlfahrer gebaut“, sagt er.

Der 26-Jährige trägt die Uniform der Skater: Jeans, T-Shirt und Vans-Turnschuhe, unter seinem Helm gucken halblange Haare hervor, unter seinem rechten T-Shirt-Ärmel ein Tattoo. Vor fünf Jahren hatte David Lebuser einen Unfall. Mehr gibt es dazu für ihn nicht öffentlich zu sagen, er hasst diese „Leid-und-Sensationsschiene à la RTL“.

Anfangs dachte er, Rollstuhlfahrer könnten nur mit Mühe von A nach B rollen und würden ansonsten Hilfe brauchen. „Als sie mir in der Rehaklinik zeigten, dass man mit einem Rollstuhl die Bordsteinkante hochfahren kann, dachte ich nur: Wie geil ist das denn!“ Er übte so lange, bis er 15 Zentimeter hohe Kanten schaffte, dann fing er an, Treppen hinunter zu fahren. Und fragte sich: Was geht da wohl noch? Auf YouTube fand er Videos des US-Amerikaners Aaron Fotheringham, dem Star unter den Rollstuhl-Skatern. Aaron „Wheelz“ Fotheringham schaffte vor drei Jahren als Erster den doppelten Backflip im Rollstuhl – einen doppelten Rückwärtssalto.  

 

Von der Rehaklinik in den Skatepark

David Lebuser fuhr das erste Mal zum Skatepark, als er noch in der Rehaklinik war – und legte sich hin. „Der Rollstuhl ging kaputt“, sagt er, „deshalb dauerte es eine Weile bis zum nächsten Versuch.“ Er wartete, bis er aus der Klinik entlassen wurde und einen gefederten Stuhl bekam, dann rollte er wieder in den Skatepark – und hörte nicht mehr auf mit dem Chairskating. Skater war David Lebuser schon vor seinem Unfall. „Ein sehr schlechter“, sagt er. Mittlerweile ist er ein ziemlich guter Chairskater. Seine Grenzen hätten sich durch diesen Sport verschoben, sagt er. „Ich brauche nirgendwo Hilfe, das fühlt sich gut an.“ Natürlich habe es in den Parks hier und da schon ein bisschen Ärger gegeben. Ein Rollstuhlfahrer im Skatepark, da fürchteten einige Betreiber erst einmal Versicherungsprobleme. Die meisten ließen ihn aber fahren.

David Lebuser wischt auf seinem Smartphone herum, eine Rollstuhlskaterin aus Israel hat ihm gerade einen Link weitergeleitet. Einer der Frankfurter Skater aus dem Park hat ein Bild von ihm beim Training auf Facebook gepostet: „This guy is killing it with a wheelchair“, hat er es kommentiert. „Haha, wie cool ist das denn“, schreibt David Lebuser und guckt, wer das Bild eingestellt hat. „Ach, der war das“, sagt er. „Der hat mir schon oft geholfen.“

Auch wenn er beim Üben in den Parks des Landes immer wieder Skater findet, die ihn mal auf einen Hügel oder aus einer Bowl schieben, war das Training für ihn bisher recht einsam, weil es in Deutschland keine anderen Chairskater gab. Zwar gibt es auf der Welt verteilt einige Rollstuhl-Skater, aber die meisten leben in den USA und in Australien. In Europa lassen sie sich an einer Hand abzählen. David Lebuser kennt bislang einen Rumänen und einen Holländer, außerdem die Israelin, die ihm den Link weitergeleitet hat. Über Facebook sind sie vernetzt, stellen Videos von ihren Tricks ein und tauschen sich aus.

Dass es für Rollstuhlfahrer in Deutschland bisher nur Angebote in den klassischen Sportarten wie Basektball oder Handbikefahren gab, enttäuschte David Lebuser. „Weil ich mir schon vorstellen konnte, dass viele Bock aufs Skaten hätten.“ Im Herbst letzten Jahres sprach er mit Vertretern des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands (DRS) darüber. Im Juli dieses Jahres wurde dann die Arbeitsgemeinschaft Actionsport gegründet, deren Leiter David Lebuser ist. „Die AG heißt extra nicht Chairskating-AG“, sagt er. Vielleicht findet sich ja jemand, der Fallschirmspringen macht, Bungeejumping oder Downhill. „Die AG soll all die Dinge vereinen, die sonst keinen Platz haben im Katalog der Behindertensportarten.“ Er selber will sich in der nächsten Zeit aber vor allem darum kümmern, anderen beizubringen, wie man im Rollstuhl skaten kann.

Charirskater David Lebuser zeigt sein Tattoo am Arm

Der erste Chairskating-Workshop

Seinen ersten Chairskating-Workshop gibt David Lebuser Anfang Mai 2013 in Hamburg. Zwanzig Rollstuhlfahrer sammeln sich mittags im Skatepark Rissen um ihn herum. Die Sonne brennt, aus den Boxen scheppern Blur und die Beatsteaks, Rage Against the Machine und die Red Hot Chili Peppers. Im Betonbecken zeigt David Lebuser seinen Teilnehmern, wie sie eine Rampe anfahren und wie sie sich richtig zurückrollen lassen, mit dem Oberkörper nach vorne, damit sie nicht hintenüber kippen.

„Ich bin hinter Dir, kann nichts passieren“, ruft  er, wenn einer gar zu zögerlich anfährt. Zu viel Angst sollte man allerdings nicht haben beim Skaten, egal ob auf dem Brett oder im Rollstuhl. Hinfallen gehört dazu. Einer der Teilnehmer kippt prompt aus dem Rollstuhl, als er ins Becken des Skateparks fährt. „Alles okay?“, ruft David Lebuser. „Du brauchst wohl noch einen Gurt! Dann bist Du an den Rollstuhl gefesselt.“ Er lacht. „An den Rollstuhl gefesselt sein“, diese Floskel mag er ebenso wenig leiden wie die mitleidigen Fragen nach seinem Unfall.

Eine gute Stunde lang übt er mit seinen Teilnehmern die Grundlagen des Skatens. Zum Schluss zeigt er ihnen, wie sie von oben die Wand ins Betonbecken runterfahren. An der Kante gucken einige skeptisch – es geht steil bergab. David Lebuser macht vor, wie es geht, und rauscht nach unten. „Vielleicht nicht ganz so schnell beim ersten Mal“, sagt er, „aber auch nicht zu langsam“. Richtig reinfahren gehöre schon dazu. „Du sagst vielleicht: ,Sicher ist sicher‘, wir wollen hier aber skaten.“

„Ich muss mich schon überwinden“, sagt Rebecca Groß, 19, die aus der Eifel hergekommen ist. „Aber es macht total Spaß.“ Philipp Cierpka, 22, ist extra aus Thüringen angereist, er hat zufällig auf Facebook von dem Workshop gelesen. Auch er kennt die Internetvideos von Aaron Fotheringham, er war auch schon mal in einer Rampe. Meistens fährt er aber durch die Stadt und übt an Treppen. Zum Skaten bräuchte er auch einen anderen Rollstuhl. Der DRS hat für den Workshop Sportrollstühle mitgebracht, wer selber keinen hat, kann einen von ihnen nehmen. „Robust, nicht zu leicht und gefedert“, so beschreibt David Lebuser den perfekten Rollstuhl fürs Skaten. Er weiß, wovon er spricht, er arbeitet in Dortmund bei einem Hersteller für Sportrollstühle. Dazu ein guter Helm, Ellenbogen- und Knieschoner – mehr braucht es nicht fürs Skaten.

Im Laufe des Nachmittags fahren nicht nur immer mehr Rollstuhlfahrer in den Skatepark, um sich erklären zu lassen, wie man Rampen anfährt und Drehungen macht. Auch immer mehr Fußgänger setzen sich in die Leih-Rollstühle, um auszuprobieren, wie es sich darin skaten lässt. Der Rollstuhl als cooles Sportgerät statt als Hilfsmittel zur Fortbewegung: David Lebuser gefällt es. „Inklusion pur!“, sagt er. Er wolle ja zeigen, dass Rollstuhlfahren nicht das Ende der Welt bedeute, sondern auch Spaß machen könne. „Das Gefühl dürfen auch gerne Nicht-Behinderte kennenlernen.“ Sicher gebe es böse Stimmen, die es falsch finden, wenn Nicht-Behinderte sich aus Spaß in den Rollstuhl setzen. „Aber das ist für mich altmodisch“, sagt er und lacht. „Das sind die Leute, die auch sagen: Damit fährt man nicht in den Skatepark.“

Abends hat David Lebuser Blasen an den Händen und ist k.o., aber zufrieden. Es sind mehr gekommen, als er gedacht hätte.

„Ich wollte mich nochmal bedanken“, verabschiedet sich Philipp Cierpka, bevor er fährt. Er will sich jetzt einen Park in Thüringen suchen, in dem er trainieren kann. Irgendwann würde er gerne mal einen Salto machen, sagt er, so wie Fotheringham. Natürlich ist auch Cierpka ein großer Fan des Amerikaners. „Ein Autogramm von ihm auf meinem Rollstuhl“, sagt er, „das wär’s“. Und dass er gerne mal mit ihm fahren würde. „Aaron ist cool“, sagt David Lebuser. Er kennt Fotheringham längst persönlich, in Los Angeles wird er ihn in ein paar Wochen bei einem Wettkampf wiedersehen. „Er wird natürlich gewinnen“, sagt Lebuser. Schon vor einem Jahr ist er in die USA geflogen, um sich dort mit anderen Rollstuhlskatern zu messen. Zwei Runden gab es im Skatepark von Venice, zwei Minuten fuhr jeder alleine, danach skateten alle Teilnehmer für zwanzig Minuten gemeinsam im Park und zeigten ihre Tricks. „Da gucken sie dann natürlich, wer das dickste Ding macht.“ Deshalb trainiert er zurzeit so viel in Frankfurt. Einradfahren, Drehungen und natürlich Sprünge, damit kann man in L.A. Punkte sammeln. Letztes Jahr hatte er einen Sturz in Runde eins. Trotzdem ist er Fünfter geworden. Dieses Jahr will er unter die ersten drei.


Weitere Artikel

Hat der Töne!
Felix Klieser spielt auf seinem Horn

Der Hornist Felix Klieser begeistert mit seiner Virtuosität ein großes Publikum. Sein Instrument spielt er mit den Füßen.

Porträt von Felix Klieser
Unterwegs in Hamburg
Menschen sitzen am Ufer der Landungsbrücken Hamburg

Barrierefrei durch die Hansestadt flanieren: Insidertipps – nicht nur für Rolli-Fahrer – von der Bloggerin Julia Gothe.

Tipps für Hamburg
Für den richtigen Kick
Der ehemalige Nationalspieler Mário Sérgio Fontes (rechts) hat die Blindenfußbälle Mitte der 1990er-Jahre mitentwickelt. Heute trainiert er regelmäßig blinde Jugendliche – wie hier im Hof einer Schule im brasilianischen Curitiba, Paraná.

In Brasiliens Gefängnissen stellen Häftlinge Blindenfußbälle her, die den Verbänden kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Reportage aus Brasilien

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?