Boxkampf gegen Vorurteile

Bashir Ramathan ist Ugandas einziger blinder Boxer. Wenn er die Boxhandschuhe überstreift, geht es ihm nicht nicht allein um sportliche Leistungen: Er kämpft auch gegen Vorurteile und für mehr Chancengleichheit vom Menschen mit Behinderung.

Text Hillary Heuler

Fotos Anne Ackermann

 

Der „East Coast Boxing Club“ ist ein unscheinbarer Ort, leicht zu verfehlen, wenn man nicht direkt danach sucht. Versteckt hinter einer Moschee in Naguru, einem von Kampalas Slums, erkennt man den grob gemauerten Raum nur an einem unscheinbaren Pappschild. An den Wänden hängen alte Plakate von lokalen Kämpfen zusammen mit abgewetzten Fotos von drahtigen Kindern, die Boxhandschuhe tragen.

 

Jeden Morgen füllt sich der Raum mit dem Geruch von Schweiß und dem Geräusch polternder Füße. Jungs aus der Nachbarschaft trainieren hart, sie träumen davon, sich ihren Weg herauszuboxen aus der erdrückenden Armut, die sie umgibt. Aber ein Mann, der schattenboxend alleine in der Ecke steht, kämpft gegen eine noch größere Ungleichheit.

 

Bashir Ramathan erblindete, als er Mitte 20 war. Er war Maurer und Bauarbeiter und in Naguru als ein starker, athletischer Mann bekannt. Eines Tages bekam er rasend starke Kopfschmerzen und verlor zuerst auf dem einen, dann auf dem anderen Auge die Sehkraft. Das alles passierte im Laufe einer Woche, die Ärzte konnten nichts für ihn tun. Bis heute weiß Bashir, der mittlerweile 41 Jahre alt ist, nicht, wieso er blind geworden ist. Aber er weiß, dass er immer noch stark und leistungsfähig ist. Er ist bereit, der Welt zu beweisen, dass sich für ihn nichts verändert hat.

 

Jeden Tag vor dem Morgengrauen wacht Bashir auf, betet in der Moschee und verbringt dann mehrere Stunden im Box Club. Er springt Seil, hebt Gewichte und kämpft, wenn er einen Partner findet, ein paar Kämpfe. Seine Gegner kämpfen mit verbundenen Augen, geduckt, mit den Handschuhen schützend vor dem Gesicht, während Bashir um sie herum tanzt und kräftige Schläge austeilt, bevor er sich außer Reichweite duckt. Es ist eine listige Technik, sie lässt ihn oft gewinnen.

 

„Ich nutze meine Sinne“, erklärt Bashir mit einem verschmitzten Grinsen. „Meistens meine Ohren. Ich höre die Schritte des Gegners. Und ich bewege mich nach einem Treffer schneller weg. Sie wissen, ich bin schneller.“

 

Als Teenager widersetzte sich Bashir seinen Eltern, um boxen zu können. Er sagte ihnen, er spiele Fußball, und schlich stattdessen heimlich in den Box Club. Als er sein Augenlicht verlor, erinnerte er sich an seine frühere Begeisterung für diesen Sport. Und er entschied sich,  wieder damit anzufangen. „Zuerst versuchten die Leute, mich zu entmutigen“, erzählt er. „Aber dann mussten sie von mir erfahren, dass auch Blinde boxen können.“

 

Bashir und seine Frau Hajjat erziehen fünf Kinder in einer kleinen Zwei-Zimmer-Hütte, die zusammengehalten wird von getrocknetem Schlamm und altem Holz. Mit seinem weißen Stock auf den unebenen Boden tippend, bewegt er sich durch den Slum, überwindet offene Abwasserkanäle und weicht rasenden Motorrädern aus. Seine Nachbarn nennen ihn den „Deutschen“, weil seine Zähigkeit und Stärke sie an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erinnert. Sein Talent macht ihn zur lokalen Legende. „Dass ich boxe, hat sie überrascht.“, sagt Bashir. „Sie sagen: ‚Boxer? Blind? Du lügst. Wie kann dieser Mann boxen?’“

Bashir Ramathan

Hillary Heuler

Dick Katende, ein ehemaliger Box-Nationaltrainer, arbeitet im Box Club. Er erklärt, dass Bashirs Kämpfe nicht immer planmäßig verlaufen. „Einmal hatte der Schiedsrichter vergessen, die Hände der Boxer richtig auszurichten. Also ging er noch mal langsam zu ihnen zurück. Bashir hatte das Gefühl, jemand sei nah, das müsse der Gegner sein. Also legte er los, bumm, bumm, bumm, und traf den Schiedsrichter“, erzählt Katende lachend.

 

Seine Frau Hajjat hat einen kleinen Gemüsestand auf dem lokalen Markt. Sie war zunächst entsetzt, als sie erfuhr, dass er angefangen hatte zu boxen. „Ich fand es sehr riskant“, erzählt sie. Aber eines Tages überredet er sie, ihm einmal beim Boxen zuzuschauen. So wurde sie zuversichtlicher. „Es gab mir Kraft zu sehen, dass er so stark war, wie er sich fühlte“, sagt sie.

 

Für blinde Menschen in Uganda ist es schwierig, sich Respekt zu verschaffen. Traditionell würden Blinde in ihren Gemeinschaften als „nutzlos“ angesehen, erklärt Scovia Nansuwa von der Uganda National Association of the Blind (UNAB). Oft endeten blinde Menschen bettelnd auf der Straße.

 

Langsam beginnt sich diese Haltung zu ändern, blinde Kinder werden öfter zur Schule geschickt. Sie verbessern dort ihre Mobilität und erlernen die Brailleschrift. Allerdings sind nur wenige Ressourcen für blinde Menschen in Uganda vorhanden. Für die meisten ist es äußerst schwierig, eine reguläre Arbeit zu finden. „Diese Leute sind ehrlich und sie sind fleißig. Sie wollen der Welt beweisen, dass sie mehr können, als die anderen denken“, erzählt Nansuwa. „Aber die Welt gibt ihnen nicht die Möglichkeit dazu.“

 

Was den Sport betrifft, so gibt es zwar andere blinde Athleten in Uganda, zum Beispiel im Bereich Leichtathletik und Cricket. Die blanke Körperlichkeit des Boxens schrecke aber viele ab, sagt Innocent Tumwesigye, Sportkoordinator der UNAB. „Sie sagen, ‚Wenn ich jemanden nicht sehen kann, wie soll ich dann gegen ihn kämpfen?’“

 

Derzeit ist Bashir der einzige blinde Boxer in seinem Land. Er ist überzeugt, dass das weniger mit den blinden Jugendlichen selbst, sondern vor allem mit der Haltung ihrer Eltern und Lehrer zu tun hat. „Sie wissen, wie sie uns entmutigen können“, sagt er. Bashir selbst hat Skepsis und Entmutigung nicht zugelassen, ständig sucht er nach Herausforderern. 2009 kämpfte er einmal einen Benefizkampf mit einem blinden Boxer aus Tansania. Aber seine knappen Ressourcen machen es ihm unmöglich, selbst zu ausländischen Athleten zu reisen oder inländische Turniere zu organisieren. Deshalb muss Bashir oft Monate oder sogar Jahre auf den nächsten echten Kampf warten.

 

Bashir träumt davon, einen Verein für blinde Boxer in Uganda zu gründen und blinde Kinder zu trainieren. „Ich will zu ihren Schulen gehen und sie überzeugen“, sagt er. Er weiß, dass die Leute Angst haben werden. „Aber wenn es einen Verein für blinde Boxer geben würde, würden sie kommen“, ist er überzeugt.

 

Bashirs Geschichte hat bereits viel Aufmerksamkeit der Medien erregt. Journalisten und Filmemacher aus der ganzen Welt besuchten ihn. Das war zwar eine gute Werbung für ihn, trotzdem waren Auswirkungen frustrierend begrenzt. Katende und die anderen Trainier hoffen, dass Bashirs Box Karriere ihn trotzdem irgendwann irgendwohin bringen wird. Aber Katende gibt zu, dass Bashir einen harten Weg vor sich hat. „Es gibt nicht viele blinde Boxer, die seine Herausforderung annehmen können. Aber er ist sehr couragiert und kämpft immer fair.“


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