Mit dem Ohr am Ball

Blinder BVB Fan Frank Schultze

Einige hundert blinde Fußballanhänger, wie die des Dortmunder Fanclubs „Blinddate“, feiern oder leiden jeden Samstag mit ihrer Mannschaft in deutschen Stadien. Ein Besuch beim Spektakel in schwarz-gelb.

In zwei Stunden geht das Spiel gegen Mainz los, und rund um den „Signal Iduna Park“, der früher den klangvollen Namen Westfalenstadion trug, ist die Hölle los. „Wir treffen uns in der Roten Erde, links vom Getränkestand“, hat Daniela Gabauer mir am Telefon durchgegeben. Der idyllische Biergarten unter hohen Platanen ist schnell gefunden, der Stand auch, aber wie erkenne ich die Mitglieder des „BVB Fanclubs Blinddate“? Früher trugen Blinde und Sehbehinderte wenigsten bisweilen eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten. Doch so eine Binde würde vor einem Dortmundspiel kaum ins Auge fallen: Hier ist jeder von Kopf bis Fuß in schwarz-gelb, die Farben des BVB, gehüllt.

 

Text Mathias Becker

Fotos Frank Schultze

 

Vor dem Anpfiff eine Wurst zur Stärkung

Frank Schultze

Ich muss die Grüppchen zwischen den Biertischen genau studieren, bis ich den weißen Blindenstock, gefaltet wie eine Zeltstange, in der Hand des großgewachsenen Mannes entdecke. Ihm gegenüber unterhält sich eine rundliche Frau mit ihrem Nebenmann. Ihr Blick geht oft ins Leere und ist doch von einer verschmitzten Freundlichkeit. Rund ein Dutzend Sehbehinderte und ihre Begleiter trudeln nach und nach ein, grüßen sich herzlich, pflegen Dortmunder Rituale: Geschichten über die Borussia bei Bratwurst und Kaltgetränk austauschen. Über „Kloppo“, wie sie ihren Trainer Jürgen Klopp nennen, oder über Mario Götze und Robert Lewandowski, die Torgaranten des BVB, die zum Erzrivalen Bayern München wechseln wollen. Die beiden sind mir bekannt, aber wer ist dieser „Pöhler“, dessen Name auf Daniela Gabauers Kappe steht? Auf meine Frage schaut sie einen Moment lang entgeistert zu mir herüber – dann wächst ein Grinsen auf ihrem Gesicht. „Pöhler ist Ruhrpott-Slang und heißt so viel wie Straßenkicker“, klärt sie mich auf. Pöhler. Die ersten Borussen waren Bergleute, und die Liebe zum Verein ist offenbar bis heute ein Bekenntnis zur Bodenständigkeit. „Wir hatten uns mal darauf geeinigt, nicht weiter als 300 Kilometer zu Auswärtsspielen zu fahren“, erzählt Gabauer. Doch in dieser Championsleague blieb ihnen gar nichts anderes übrig: „Als feststand, dass der BVB im Finale steht, haben wir sofort Tickets für das Endspiel in London gebucht.“

 

„Früher wären wir jetzt schon längst im Stadion“, erzählt Daniela Gabauer. Die 37-jährige gelernte Bürokauffrau hat den „BVB Fanclub Blinddate“ vor elf Jahren gegründet. Damals war es wichtig, früh da zu sein, wollte man entspannt Stehplätze auf der Südtribüne ergattern, am besten etwas am Rand und nicht mitten im Hexenkessel. Trotzdem: „Die Stimmung war packend, aber vom Spiel haben wir nichts mitbekommen“, sagt Daniela Gabauer. Sie muss jetzt lauter reden, denn um uns herum schwellen die Fanchöre an: „Olé, hier kommt der BVB!“, frei nach „Go West“ von den Pet Shop Boys. Zudem sei es damals schwer gewesen, sich durch die Massen zu manövrieren, etwa, wenn man mal auf die Toilette musste. Alles Probleme von gestern, denn seit 2006 sind 40 Sitzplätze für Blinde und Sehbehinderte in den ersten Reihen der Osttribüne reserviert.

Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff setzen sie sich in Bewegung: Jürgen Schmidt, der Lebensgefährte von Daniela Gabauer, marschiert voran, teilt die johlenden Massen auf dem Weg zum Eingang wie Moses das Meer. In seinem Windschatten folgt ein Vereinsfreund im Rollstuhl. Daniela Gabauer geht ein paar Meter weiter selbstständig hinterher. Sie nimmt die Welt nur schemenhaft wahr, hat aber gelernt, sich zu orientieren.

Klaus Berling, 54, der Mann mit dem gefalteten Blindenstock, ist auf Hilfe angewiesen. Unter normalen Umständen kann er sich mit seinem Stock selbstständig bewegen, „aber nicht in diesem Gedränge.“ Also liegt seine Hand auf der Schulter von Heinz Kemper, 57 Jahre alt, Dortmund-Fan seit er denken kann und seit drei Jahren Blinddate-Mitglied – obwohl er nicht mal eine Brille trägt.

Der Fanclub finanziert sieben ermäßigte Dauerkarten vor und kann bis zu vier Karten für jedes Heimspiel dazukaufen. Wer die Karten dann in Anspruch nimmt, zahlt, wobei jedes Ticket zugleich für eine Begleitperson gilt, macht zwei Tickets zum Preis von einem. Die 2,50 Euro Monatsbeitrag werden in Ausflüge oder Vereinsschals investiert. Für Kemper, der als Frührentner ein wenig aufs Geld achten muss, klang das nach einem fairen Deal. Bei einem Vereinstreffen im „Lüchtemeier“, einem Lokal in der Dortmunder Nordstadt, wo die Mitglieder einmal im Monat zum Stammtisch zusammenkommen, lernte er die anderen kennen. Er trat bei. „Irgendwie hat das gepasst“, sagt er. Mehr als 40 Mitglieder, Blinde und Sehende, hat der Verein mittlerweile, zudem besteht seit Kurzem eine Freundschaft zum Frauenfanclub „BVB Schicksen“, die auch vor den Spielen in der „Roten Erde“ anstoßen.

Lebensfreude pur: Jürgen schmidt (l.), Daniela Gabauer und Stefan Wewer.

Frank Schultze

Heute hat er Klaus Berling, der aus Nordhorn in Niedersachsen mit dem Zug angereist ist, vom Bahnhof abgeholt. Die Kosten für die Karte teilen sich die beiden, das ist der Deal. Kurz bevor sie in Block 5 ankommen, wo die 40 Plätze für Blinde und Begleiter reserviert sind, wendet Kemper sich an Berling: „Klaus, wie ging eigentlich das Hinspiel gegen Mainz aus?“ „Zwei zu eins für uns“, antwortet Berling prompt. Er kennt alle Ergebnisse der laufenden Saison auswendig. Nicht nur die von Borussia Dortmund. Alle. Das Einzige, was ihm noch leichter über die Lippen geht, sind Witze über Schalke 04, den Intimfeind der Borussen. Als Kemper und Berling einen Gulli passieren, aus dem übler Gestank zieht, rümpft er die Nase und sagt schmunzelnd: „Ich glaub‘, da liegt n‘ Schalker drin.“ Gabauer, Berling und die anderen mussten sich gedulden, bis Borussia Dortmund ihnen den Weg in die erste Reihe der Osttribüne ebnete. 2002, im Gründungsjahr von „Blinddate“, ging der Umbau des Westfalenstadions in die letzte Phase. 80 645 Zuschauer sollten künftig in Deutschlands größter Fußballarena Platz finden. Anzahl der Plätze für Rollstuhlfahrer: 72. Für Sehbehinderte: null. „Ich hab‘ dann da angerufen und denen gesagt, was mich alles stört“, sagt Daniela Gabauer. An reservierte Plätze hatte sie da noch gar nicht gedacht. „Es gab keine Leuchtleitsysteme für Menschen, die schlecht sehen, und keine Laternen auf dem düsteren Weg zwischen Südausgang und U-Bahn-Station.“ Und was passierte auf ihren Anruf? „Erstmal gar nichts.“

Irgendwann müssen sich die Mühlen der BVB-Bürokratie dann doch in Bewegung gesetzt haben, denn vier Jahre später klingelte Gabauers Telefon: Man lud sie zu einem Treffen ein, und plötzlich ging alles ganz schnell. Gabauer und der Verein einigten sich auf 40 Sitzplätze auf der Ost – aber in Hörweite der stimmungsgeladenen Südtribüne. Zudem kündigten ihr die Vereinsvertreter an, dass zwei vom BVB eigens dafür engagierte Reporter die Spiele künftig live kommentieren würden. Über Kopfhörer würden sie und die anderen jeden Spielzug miterleben können. „Ich war total überrascht“, sagt Daniela Gabauer heute. Ihr imponierte vor allem die Ernsthaftigkeit, mit der das Projekt aufgezogen wurde. In anderen Stadien gab es zwar bereits Blindenreporter, „aber die Qualität der Kommentare könnte manchmal etwas besser sein“, sagt sie diplomatisch. „Dass die sehbehinderten Dortmund-Fans einen Verein gegründet hatten, war enorm wichtig“, sagt Uwe Plesse, der beim BVB für alle Fragen rund um Fans mit Einschränkungen verantwortlich ist. „Das hat allen Verantwortlichen signalisiert, dass hier keine halben Sachen gefragt sind.“ So wurden von Anfang an Feedback-Runden mit den Blindenreportern Martin Feye und Marcus Bliemetsrieder vereinbart. „Da wurde zum Beispiel der Wunsch geäußert, dass wir die Spielzüge stärker verorten“, berichtet Martin Feye. „10 Meter in der gegnerischen Hälfte“, „20 Meter vor dem Tor“, „kurz vor dem gegnerischen Strafraum“. Der Stadionrasen ist grüngestreift, ein Streifen ist fünf Meter breit, das macht die Verortung im Grunde einfach. „Wichtig war uns außerdem, dass sachlich berichtet wird“, sagt Daniela Gabauer. Oft genug verschweigen Blindenreporter die Fouls der eigenen Mannschaft einfach. „Wenn einer von uns gefoult hat, will ich das wissen“, sagt sie. Die Kritik steigerte das Niveau von Feye und Bliemetsrieder, die schon als Jugendliche Radio-Ikonen wie Manni Breuckmann oder Günther Koch nacheiferten. Gäbe es eine Meisterschale für die besten Blindenreporter der Liga, würden sie – die mittlerweile Kollegen aus anderen Vereinen in der Kunst, Sichtbares in Hörbares zu verwandeln, schulen – sicher zu den Favoriten gehören.

Die Kommentatoren Markus Bliemetsrieder und Martin Feye bei der Arbeit.

Frank Schultze

Das 1:0 bekomme ich gar nicht mit. In der 32. Sekunde drischt Marco Reus den Ball ins Mainzer Tor. Hätte ich doch bloß die Kopfhörer aufgesetzt und den Empfänger eingeschaltet! Ich hätte gehört, wie auch Martin Feye kaum hinterherkommt: „Da ist der lange Pass auf Götze ... mit dem Kopf ... der Ball ist frei ... Reus schießt und TOR! TOR TOR!“. Im Spielverlauf sind die Borussen zwar das überlegene Team, verfehlen das Tor aber immer wieder. Erst in der 87. Minute trifft Robert Lewandowski zum 2:0 Endstand, diesmal ist Markus Bliemetsrieder am Mikro: „Piszczek auf Kevin Großkreutz ... auf Leitner, der ist im 16-Meter-Raum, spielt den Ball auf Piszczek, Flachpass, Lewandowski, Tooooor!“. Gabauer, Berling, Kemper und die anderen springen vor Freude aus den Schalensitzen. Dann warten sie auf den Abpfiff. Klaus Berling, das Kinn auf der Brust, in der Hand das Übertragungsgerät. Und Heinz Kemper, den Blick abwechselnd auf den Ball und die Stadionuhr gerichtet, statt Übertragungsgerät eine Selbstgedrehte in der Hand. Beide mit der Liebe zu ihrer Borussia im Herzen. Hier, tief im Westen, gibt es kaum einen stärkeren Kitt.

Wer sich dafür interessiert, als Blindenreporter zu arbeiten, kann sich bei der Deutschen Fußball Liga in der Abteilung Fanangelegenheiten nach Qualifizierungsangeboten erkundigen.

Deutsche Fußball Liga GmbH

Guiollettstraße 44-46, 60325 Frankfurt/Main, Telefon 069/ 65005-0

 


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