Mit Gebärden und Tablet

Beatrice Gold ist ohne Zunge auf die Welt gekommen. Über einen Tabletcomputer teilt sie sich Fremden mit. Die Familie hat eine eigene Gebärdensprache entwickelt.
 

Beatrice Gold wohnt erst seit Kurzem allein. Für das Gespräch mit Mutter Kathrin braucht sie nur Gebärden und Mimik.

Text und Foto Hella Wittenberg

Am Samstagvormittag ist es still in den Gängen des Internats des Berufsbildungswerks Oberlinhaus in Potsdam. Kein hektisches Kommen und Gehen wie unter der Woche, wenn jeder Auszubildende zu seiner Lehrstätte hastet oder davon zurückkehrt. Selbst der Aufenthaltsraum bleibt am Wochenende oft für lange Zeit leer. Aber an diesem verregneten Tag machen es sich dort Beatrice Gold und ihre Mutter Kathrin auf dem einladenden Sofa gemütlich. Still ist es jetzt nicht mehr, denn es gibt viel zu erzählen. Die 17-jährige Beatrice will berichten, wie es ihr in den ersten Wochen im brandenburgischen Potsdam ergangen ist. Sie macht ein berufsvorbereitendes Jahr, auch um zu entscheiden, welche Ausbildung in Wirtschaft und Verwaltung sie im Oberlinhaus beginnen möchte. Ein beständiges Tippgeräusch ist zu hören, ganz so, als würde jemand eine Schreibmaschine bedienen. Als das Klackern aufhört, erklingt eine Stimme. Es ist Siri, die Sprachassistenz für Apple-Produkte. Die Technik gibt Beatrice eine Stimme, denn sie wurde ohne Zunge geboren. Von Kind an nutzt sie technische Geräte, um mit anderen zu kommunizieren.

Beatrice überlegt genau, was sie sagen will. Sie hört konzentriert zu und tippt nicht sofort los, wenn man etwas von ihr wissen will. Vorher durchdenkt sie jede Formulierung genau. Die Worte, die auf ihrem Display erscheinen und – nachdem sie auf das Lautsprechersymbol geklickt hat – dann ertönen, wirken stark und gewichtig. Beatrice lächelt die Schwere weg. Bereits zur Schulzeit war der LightWriter, ein tragbares Kommunikationshilfsmittel, ihr täglicher Begleiter. „Das Gerät hat an der Vorderseite ein Display, das es mir ermöglichte, auch mal nur ‚mitzudenken‘, statt alles aussprechen zu lassen“, erläutert Beatrice. „Die Lehrer wussten so immer, ob ich mit dem Lernstoff mitkam.“ Als Beatrice noch nicht Schulkind war, drückte sie auf bestimmte Bilder eines PowerTalkers, um sich mitzuteilen. Doch damals wie heute ist die Technik nicht so schnell wie die junge Frau. Dann kommen Gebärden zum Einsatz. Um schon im Kleinkindalter mit Beatrice kommunizieren zu können, hat die Familie die herkömmliche Gebärdensprache modifiziert. „Ein zweijähriges Kind hat noch nicht die Motorik, um beispielsweise Gebärden über dem Kopf zu machen. Also entwickelten wir etwas Eigenes“, erzählt Kathrin Gold. In ihrer Familiensprache gibt es viele Abkürzungen, sodass ein Gebärdendolmetscher Probleme beim Übersetzen hätte. „Nur mit Leuten, die mich gut kennen, kommuniziere ich mit den Händen“, sagt Beatrice. „Sonst greife ich zum Tablet. Das habe ich vor einem Jahr bekommen, und es erleichtert auch das Zugehen auf fremde Personen.“ Die Deutsche Gebärdensprache zu lernen, ist eines ihrer Zukunftsprojekte.

Auf eigenen Beinen

Bevor sich Beatrice für die Ausbildung in Potsdam entschied, hatte sie einige Bewerbungsgespräche. Manche Arbeitgeber glaubten nicht, dass sie den Job bewältigen könne, da sie keine Anrufe machen kann. Doch sie blieb hartnäckig. Das hilft ihr auch im Alltag in Potsdam, wo sie zum ersten Mal allein wohnt und nicht mehr ihre Mutter um sich hat, die auch ohne Tablet und Familiensprache ganz gut weiß, wie es ihrer Tochter geht.

In dem knapp 400 Einwohner zählenden Dorf Wehnde in Thüringen, aus dem Beatrice stammt, konnte sie sich immer auf ihre Familie verlassen. Aber nun sieht sie ihre Eltern und ihre Geschwister nur jedes zweite Wochenende. Die 17-Jährige muss allein einkaufen oder jemanden nach dem Weg fragen, wenn sie nicht weiterweiß. „Ich komme damit besser klar als erwartet“, sagt Beatrice. Sie lehnt sich auf der Couch zurück und grinst ihre Mutter an. „Ich stecke nicht den Kopf in den Sand, wenn es schwierig wird. Ich möchte anderen zeigen, dass man keine Angst haben muss.“


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