Drauf geklickt ... und erledigt

Ein fiktiver Dialog über neue Technologien und Chancengleichheit – wenn, ja wenn Barrierefreiheit umgesetzt würde.
 

Text  Prof. Dr. Klaus Miesenberger
 

Nicki Neu: Eigentlich genial das Internet der Dinge. Ich kann mit immer mehr Dingen in der Umgebung interagieren, sie befragen und steuern. Früher für jedes einen eigenen Schalter, heute alles mit einem „Klick oder Wisch“ erledigt. Oder du redest mit dem Ding einfach, und es antwortet.

Alex Alt: Alles doch nur Firlefanz. Ob ich das Licht mit dem Schalter oder dem Handy einschalte, die Tür „intelligent“ aufmache, den Ofen über Befehle einschalte, weiß, was im Kühlschrank ist, so wichtig ist das auch wieder nicht. Und wenn das Auto selbst fährt und ich mir keine Wege mehr merken muss, das macht doch bloß bequem und dumm.

Der alltägliche Nutzen digitaler Technik für Menschen mit Behinderung liegt auf der Hand.

Grafik: Kerstin Wakob, MENSCHEN. das magazin

Nicki Neu: Aber nützlich ist es schon. Und was ist, wenn du den Lichtschalter eben nicht selbst bedienen kannst, weil dir die Arme fehlen, die Tür wegen einer Muskelschwäche nicht aufbringst, du nicht weißt, welcher Schalter am Ofen was macht, weil du es schlecht oder nicht siehst oder du es einfach nicht verstehst, so wie Menschen mit Lernschwäche. Programmiere mal einen alten Videorekorder, dann merkst du, wie easy das heute ist über Internet und mit Handy. Die Sendung gesucht, draufgeklickt, an das Ding gesandt und erledigt. Sobald man alle Knöpfe virtuell am Smartphone hat und dieses smarte Ding barrierefrei ist, ist man nicht von Hilfe abhängig. Weißt du, was für ein Gefühl das ist, ständig fragen zu müssen? Dieses Selbstständigsein zu Hause nennt man Ambient Assisted Living – AAL. Menschen mit Behinderung können es gar nicht erwarten!

Alex Alt: Daran hab ich eigentlich nicht gedacht. Für die wenigen, ja, okay!

Nicki Neu: Na ja, es sind immerhin 15 Prozent der Bevölkerung und in deinem Alter ist die Wahrscheinlichkeit bald auch 50 Prozent, dass du in den nächsten Jahren eine Behinderung hast.

Alex Alt: Aber alte Menschen und Menschen, die eine Behinderung haben, können doch kein Handy bedienen!

Nicki Neu:  Schätz mal, wie viele unterschiedliche Elemente du am Handy bedienst. Zähl mal auf!

Alex Alt: Telefon, Navi, Zeitung, Börse, E-Banking, Ticketing ...

Nicki Neu: Und jetzt überleg mal: Eigentlich sind es immer dieselben wenigen Icons, Fenster, Schalter, Slider. Und immer dieselben wenigen Aktionen: wischen, ein oder mehrmals drücken, zoomen, drehen. Einmal erlernt, immer verwendet, auch wenn du das Handy dreimal im Jahr wechselst und dir hunderte Apps runterziehst, bedienen tust du alles immer gleich. Für Menschen mit Behinderung bedeutet das mehr Selbstständigkeit und Chancengleichheit.

Alex Alt: Aber wie arbeiten Menschen mit Behinderung mit dem Zeug, beispielsweise ein blinder Mensch?

Nicki Neu: Es sind auch wieder nur diese 15 oder wie viele auch immer Elemente und Aktionen, die statt visuell per Sprachausgabe präsentiert werden. Und wenn du die Arme nicht verwenden kannst, springt das System selbst von Gruppe zu Gruppe oder Element zu Element und mit einem Drücker aktivierst du sie. Und wenn du was nicht verstehst, kannst du andere Symbole, Bilder, Sequenzen etc. verwenden. Wenn du was nicht hörst, kommen Untertitel oder Gebärdenvideos oder Animationen. Du passt dir dein System an, wie du es willst, und Menschen mit Behinderung nutzen für ihre Anpassung die sogenannten Assistierenden Technologien, kurz: ATs.

Alex Alt: Genial, wenn das alles von selbst funktioniert! Aber da gibt’s doch sicher einen Haken?

Nicki Neu: Leider ja. Die Anwendungen müssten barrierefrei entwickelt werden, damit die ATs was damit anfangen können. Und auch die Inhalte, die wir alle reinstellen.

Alex Alt: Und wird das schon umgesetzt?

Nicki Neu: Die Betriebssysteme der Großen unterstützen das schon sehr gut. Die kommen aus den USA, wo die Gesetze viel schärfer sind und man erkannt hat, dass man mit diesen 15 Prozent auch gut Geld verdienen kann. Entwickler von Programmen und Apps und vor allem wir alle, wenn wir Inhalte reinstellen, erzeugen immer noch unendlich viele Barrieren.

Alex Alt: Digitale Barrierefreiheit ist doch, was diese Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Richtlinien für barrierefreie Webinhalte verlangen, die das World Wide Web Consortium verfasst hat. Hab mich grade darüber im Büro geärgert, weil wir das bei jedem Einkauf in Zukunft überprüfen sollen.

Nicki Neu: Es sind sicher eine Menge Richtlinien, aber wir Menschen sind eben alle unterschiedlich, und die Menge an ATs ist nicht ohne. Aber die, die Accessibility beherrschen, sagen, es ist eigentlich null Aufwand und gar nicht so schwer. Mehr eine Frage, ob man will oder nicht!

Alex Alt: Muss ich mir wegen der Arbeit ohnehin ansehen. Und für unseren Verein soll ich ja auch die Website aktualisieren. Vielleicht brauch ich sie dann meiner Mutter nicht mehr vorlesen.


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