Geht doch!

Dennis Winkens ist 28 Jahre alt und hat seinen Traumjob gefunden: Er ist Onlineredakteur und Administrator für die Homepage seiner Firma. Nicht ganz selbstverständlich, denn seit einem Unfall vor zehn Jahren ist er vom Hals an abwärts gelähmt.
 

Ein gutes Team: Dennis Winkens und sein Chef Klaus Gierse.

Text  Marion Theisen
Fotos  Evi Blink

Ein Sechser im Lotto“ – so bezeichnen sie sich gegenseitig. Dennis Winkens und sein Chef Klaus Gierse haben sich vor etwa vier Jahren auf der Messe Rehacare in Düsseldorf kennengelernt. Der Unternehmer produziert und vertreibt therapeutische Stehhilfen für Rollstuhlfahrer, außerdem bewegliche, speziell angepasste Sitze für Elektrorollstühle. Und er wollte Dennis unbedingt als Mitarbeiter für die Onlinekommunikation haben.

Zuerst konnte Dennis allerdings nur von zu Hause aus arbeiten, weil die Räume der moso GmbH für ihn nicht zugänglich waren. Aber als die Firma 2014 einen neuen Firmensitz in Remscheid bekam, achtete Klaus Gierse von Anfang an darauf, dass das Gebäude barrierefrei war. So hat Dennis dort seit einem Jahr sein eigenes Büro. Auch für Klaus Gierse ein echter Gewinn: „Dennis ist zwar von außen betrachtet deutlich eingeschränkt, ist aber fachlich total fit und einfach ein netter Kerl. Er tut uns hier richtig gut.“ Nun möchte Gierse die Erfahrungen, die er beim Bau des Gebäudes gesammelt hat, gerne mit anderen Arbeitgebern teilen. „Das war kaum teurer als jeder andere Bau auch“, sagt er heute. Für den speziellen Aufzug, automatische Türantriebe und eine Brücke zwischen den beiden Gebäudeteilen hat er Fördergelder vom Landschaftsverband Rheinland bekommen. Nun kann sich Dennis im ganzen Haus frei bewegen und sich zum Beispiel bei den Kollegen in der Werkstatt über neue Entwicklungen informieren. Schließlich soll er die auf der Homepage per Text und Bild in Szene setzen.

Dennis Winkens

Technik hilft an vielen Stellen

Seine Mutter Beate, die ihn zu Hause pflegt und ihm im Job als Arbeitsassistenz zur Seite steht, braucht er in der Firma nur für bestimmte Tätigkeiten und Handgriffe, zum Beispiel um etwas zu kopieren. Den Elektrorollstuhl bewegt er über Tasten in der Kopfstütze. Aufzug, Rollläden und Licht bedient er über ein iPad, das ebenfalls am Rollstuhl befestigt und mit den Tasten in der Kopfstütze verbunden ist. „Es ist ein gutes Gefühl für mich, dass ich nicht ständig jemanden um Hilfe bitten muss“, sagt Dennis und lächelt.

Dennis und sein Chef haben viel Spaß daran, neue technische Lösungen für das Haus und die Mitarbeiter mit Behinderung zu finden. Und sie sind froh, dass es dafür mittlerweile bezahlbare Lösungen gibt. Mit moderner Haustechnik ist es heutzutage jedem möglich, über eine App Licht und Rollos zu bedienen oder andere technische Geräte wie Waschmaschine, Herd oder Kühlschrank zu steuern. Im Moment arbeiten die beiden Männer an einer elektronischen Vorrichtung, die verhindert, dass die automatischen Türen im Haus nicht mehr für jeden ohne Weiteres aufgehen. 

Im Privatleben, vor allem im öffentlichen Raum, begegnen Dennis Winkens schon deutlich mehr Barrieren als in der eigenen Firma. Jeder Termin, jeder Ausflug will gut organisiert sein. Sind da Stufen oder Treppen? Welchen Eingang kann er nutzen? Wo ist der Aufzug? Selbst wenn mit Barrierefreiheit geworben wird, ist das noch keine Garantie, so hat Dennis das beispielsweise in einem Kino erlebt. Was ist das für ein Gefühl, wenn man vor Türen öffentlicher Einrichtungen steht und nicht weiterkommt? „Das ist schon eine Art Ausgrenzung. Manchmal stelle ich mir diesen typischen Hundeaufkleber vor: ,Wir müssen leider draußen bleiben.‘ Klingt ein bisschen makaber, aber so kommt es mir schon manchmal vor.“

Über eine Brücke kann Dennis Winkens problemlos von einem Gebäudeteil in den anderen wechseln.

Arbeitgeber verschenken Potenzial

Firmenchef Klaus Gierse zufolge verschenkt die Wirtschaft enorme Ressourcen, wenn sie sich nicht langsam daran macht, mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zur Verfügung zu stellen. Denn weit mehr als die Hälfte der aktiven Rollstuhlfahrer bräuchten keinen Bau, der 100 Prozent der DIN-Norm entspricht: „Kein Behinderungsbild ist wie das andere. Sicherlich hat die DIN-Norm für die Gestaltung von Arbeitsplätzen und Umgebung ihre Berechtigung, aber es gibt auch viele Behinderungsbilder, wo sie nicht erforderlich ist. Da wünsche ich mir ein bisschen mehr Flexibilität. Sonst werden viele mögliche Arbeitsverhältnisse verhindert.“

Ebenso hoch ist die Hürde der Mobilität: ohne Auto kein Job – ohne Job kein Auto. Dennis Winkens und seine Mutter Beate legen die rund 80 Kilometer zur Arbeit mit einem umgebauten Transporter zurück, den das Arbeitsamt mit finanziert hat. Möglich war das, weil er seinen Vertrag schon in der Tasche hatte, als er den Antrag stellte. Dennis fährt über eine Hebebühne im Heck hinein und ganz bis nach vorne auf den Beifahrersitz durch. „Das ist wesentlich angenehmer, als im hinteren Bereich zu sitzen“, sagt er. Alle, die auf skeptische Arbeitgeber oder Vorbehalte beim Arbeitsamt stoßen, ermutigt er, nicht aufzugeben: „Da muss man gut kommunizieren. Wenn man das aktiv in die Hand nimmt, klappt es auch.“


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