Mobilität beginnt im Kopf

Der Psychologe und Buchautor Georg Fraberger beschäftigt sich viel mit dem, was wirklich wichtig ist im Leben. Dass er ohne Arme und Beine zur Welt kam, gehört für ihn eindeutig nicht dazu. Irgendwann will sich der 41-Jährige, der in der orthopädischen Ambulanz am Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) arbeitet, seinen Traum vom eigenen Sportwagen erfüllen – auch wenn sich die wahre Mobilität seiner Meinung nach ganz woanders abspielt.
 

Interview  Astrid Eichstedt
Fotos      Marcel Koehler

Georg Fraberger

Herr Fraberger, Ihr erstes Buch heißt: „Ohne Leib, mit Seele“. Was wollten Sie damit zum Ausdruck bringen?

Zum Überleben ist es zwar wichtig, ein gewisses Ausmaß an Körper zu haben. Aber das, was man ist, ist man unabhängig vom Körper. Das versuche ich zu sagen. Und das versuche ich auch zu leben. Dieser Titel trifft das kurz und präzise.

Im Klappentext steht: „Wir müssen unsere Seele frei entfalten können.“ Ein schöner Satz. Können Sie den erläutern?

Was ich als Psychologe immer wieder sehe, ist: Menschen, die das tun, was ihnen Freude macht, gehen fast über ihre körperlichen Grenzen hinweg. Sie schaffen es, nächtelang aufzubleiben, tolle Projekte auf die Beine zu stellen, auch wenn sie kein Geld haben. Auf der anderen Seite sehe ich Menschen, die alles haben, die aber nicht das machen, was sie gerne tun würden. Denen fehlt es dann auch an Kraft. Die werden müde und kommen nicht weiter im Leben.

Und wie ist das bei Ihnen?

Tja, wie ist das bei mir? Ich habe das, was mir anscheinend liegt, versucht, in die Psychologie hineinzulegen. Es ist auch nicht so, dass ich sage: „Juchhu, ich arbeite so gerne in einem so großen Krankenhaus.“ Das war am Anfang nicht so. Ich habe schon lernen müssen, auch dafür dankbar zu sein, dass hier überall Aufzüge sind. Inzwischen gelingt es mir, dass ich auch als Psychologe der sein kann, der ich bin.

Was bedeutet für Sie Mobilität?

Mobilität beginnt im Kopf. Und mobil zu bleiben oder mobil zu denken, heißt auch: sich an der Sprache festzuhalten. Sprache ist ja auch verlängerte Bewegung. Außerdem brauche ich auch immer einen anderen Menschen, mit dem ich mobil sein kann. Schließlich ist Mobilität für mich stets mit einem Zweck, mit einem Sinn verbunden. Ich habe zwar viel Freude am Fahren. Aber es macht mir noch viel mehr Freude, wenn ich einen Grund habe, wohin zu fahren.

Wenn ich mir die endlosen Gänge im AKH anschaue, kann ich mir vorstellen, dass Sie auch auf ganz praktische Weise sehr mobil sind und dass Sie mit Ihrem fahrbaren Untersatz schneller sind als Ihre Kollegen.

Das stimmt. Da bin ich mit dem Rollstuhl im Vorteil.

Aber Mobilität hat ja auch etwas mit Motivation zu tun: sich selbst oder andere zu ermuntern ...

Ich habe mir erlaubt, in meinem Buch Motivation neu zu definieren. Die klassische Definition ist: Motivation ist die Energie, die der Geist dem Körper zur Verfügung stellt, um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich mir aber anschaue, was Menschen mit ihrer Energie alles tun, dann komme ich zum Schluss: Motivation ist die Energie, sich selbst zu zeigen. Man kann sich beispielsweise zeigen, indem man anderen hilft. Oder man zeigt sich, indem man künstlerisch tätig ist oder durch die Wissenschaft, indem man etwas erkennt. Aber auch religiöser Fanatismus ist motiviert durch den Wunsch, sich zu zeigen.

Abgesehen von ihrem Zweck gelingt die Motivation ja mal besser oder schlechter: Sie haben die Matura gemacht, studiert, promoviert. Mussten Sie sich dazu auch immer wieder motivieren?

Ja, das musste ich. Ich weiß auch nicht, ob ich das ohne Behinderung überhaupt gemacht hätte. Denn dann hätten mir ja mehr Möglichkeiten offengestanden. Vom Taxifahren bis zum Rennfahren. Wahrscheinlich hätte ich dann einen anderen Beruf ergriffen.

Georg Fraberger hat einen Faible für schnelle Autos. Privat fährt er eine Familienkutsche. Aber irgendwann würde er gerne mal einen echten Rennwagen steuern.

Als Psychologe in der orthopädischen Ambulanz sind Sie ja oft mit Menschen konfrontiert, die durch einen Unfall Gliedmaßen verloren haben oder entstellt wurden. Wie helfen Sie diesen Menschen? Wie motivieren Sie sie?

Das weiß ich nicht. Diese Frage habe ich aufgehört, mir zu stellen. Ich betrachte die Psyche im Übrigen eher mechanisch. Ich sehe mich als Handwerker der Emotionen. Und ich hoffe, dass ich bei den Menschen, die mit Ängsten und Problemen zu mir kommen, etwas umbauen kann. Ich zeige ihnen, dass man auch mit körperlichen Defiziten oder scheinbaren Defiziten normal leben kann, und versuche, sie dabei zu unterstützen, ihre Traumata irgendwie zu verarbeiten. Ich versuche, ihnen zu zeigen, dass ich das, was sie als Menschen ausmacht, sehe, und auf diesen Wert hinzuweisen. Egal, wie dieser Mensch ausschaut. Dass dieser Mensch mir anfangs nicht glaubt, davon gehe ich leider aus.

Sie haben eine ausgesprochen positive, lebensbejahende Ausstrahlung. Gab es auch mal Situationen, in denen Sie sich gelähmt fühlten, alles hinschmeißen wollten?

Ja, klar hatte ich Sinnkrisen. Ich bin schon abhängig davon, gemocht zu werden oder akzeptiert zu werden als der, der ich bin. Und auch ich habe Goethes Werther gelesen, mehrmals. Und habe gedacht: „Das kenne ich doch, das Gefühl.“ Auch als Psychologe frage ich mich immer mal wieder: „Wozu?“ Weil man doch manchmal an seine Grenzen stößt. Man kann nicht immer helfen. Oft braucht es auch viel Zeit, bis sich etwas ändert. Und dann muss ich mir den Wert selber geben und sagen: „Ja, das ist trotzdem sinnvoll.“

Nervt es Sie eigentlich, wenn in Berichten über Sie zu lesen ist: Trotz seiner Behinderung hat er Karriere gemacht, ist er optimistisch, ist er so aktiv. Oder empfinden Sie das tatsächlich so?

Also manchmal bin ich ganz froh über dieses „trotz“, denn es wäre falsch, wenn ich sagte, die Behinderung hätte gar keinen Einfluss auf mein Leben. Da steckt schon viel, viel dahinter. Und es freut mich, dass man das nicht sieht, dass man den Aufwand gar nicht sieht.

Dieser Aufwand hat ja auch viel mit Technik zu tun. Welche Bedeutung hat für Sie der technische Fortschritt?

Der ist für mich sehr wichtig. Meine Prothese (Georg Fraberger trägt rechts eine Arm- und Handprothese, Anm. d. Red.) ist auch ein Teil meiner Identität, ebenso wie mein Rollstuhl. Also, wenn ich jetzt eine tolle Prothese habe, dann ist das super. Aber ich muss genauso toll sein, wenn ich die künstliche Hand nicht mehr habe. Wenn die weg ist, muss ich mich noch genauso toll fühlen.

Sie haben mal gesagt: Ich habe mich entwickeln dürfen. Können Sie das erläutern?

Ich habe das große Glück gehabt, dass meine Eltern mich so genommen haben, wie ich bin, und dass sie mich nicht vor den Problemen geschont haben. Und zwar in jedem Lebensbereich: Schule, Uni, Liebe, Erfolg. Da habe ich mich dann, glaube ich, entwickelt, meinen eigenen Weg gefunden.

Was die Liebe zu Ihrer Frau betrifft, so hatten Sie auch großes Glück. Sie war gleich die erste, die auf Ihr Inserat bei einer Singlebörse im Internet geantwortet hat.

Ja, meine Frau war damals nach einer gescheiterten Beziehung nach Graz gezogen. Sie war dort einen Monat, hatte noch keine Arbeit. Uns war ziemlich schnell klar: Wir wollten eine Beziehung. Und dann hat sie gesagt, dass sie in Graz keine Arbeit aufnimmt, sondern nach Wien zieht. Einen Monat später war sie in meiner Wohnung. Damals haben uns alle abgeraten, aber wir haben es trotzdem gemacht.

Wo sehen Sie Ihr größtes Talent?

Im Fahren. Ich glaube, ich kann ganz gut Rollstuhl fahren. Und Auto fahren kann ich auch ganz gut.

Stimmt es, dass Sie gerne mal einen Sportwagen fahren würden?

Ja, genau! Ich arbeite dran.

Was reizt Sie daran?

Ich stelle es mir toll vor, Geschwindigkeit so zu erleben. Ich habe jetzt auch ein schönes Auto. Aber ich glaube, zu fahren und dabei an die Grenzen der Physik gehen zu können, stelle ich mir etwas lebendiger vor als jetzt, wo ich die Grenze noch lange nicht erreiche. Aber ein Rollstuhl, der so schnell führe, würde mir auch genügen.


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