Inklusion geht uns alle an

Matthias Berg, 53,  ist Sportler, Hornist, Jurist und gefragter Motivations-Trainer. Aufgrund einer Contergangschädigung hat er verkürzte Arme. Im Interview erzählt er, in welcher Weise sich die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung aus seiner Sicht in den letzten 50 Jahren geändert haben.


 

Matthias Berg

Interview: Uli Jansen

 

Herr Berg, Sie sind drei Jahre und sechs Tage älter als die Aktion Mensch. Daher sind Sie uns in punkto Lebenserfahrung ein wenig voraus. Wie hat sich die Gesellschaft im Umgang mit dem Thema Behinderung in den vergangenen 50 Jahren Ihrer Meinung nach verändert?

Aus ganz persönlicher Sicht hat sich die Gesellschaft spürbar und sichtbar positiv entwickelt. Als Jugendlicher und junger Erwachsener war ich immer wieder unangenehmen Momenten ausgesetzt, wie herablassendes Kopfschütteln, erschreckte Gesichter oder gar Auslachen. Auch verbale Attacken kamen vor, etwa „Krüppel“, „Kurzärmle“ oder „geh doch zurück ins Heim“. Aber das ließ nach. Zum einen, weil ich älter wurde – da traut man sich solche Widerlichkeiten nicht mehr so leicht – und zum anderen, weil es den angenehmen Gewöhnungseffekt gibt. Sobald meine Umgebung und ich uns aneinander gewöhnt hatten, wurde es entspannter und freundlicher. Nicht nur meine Umgebung, auch ich habe mich verändert. Als ich zu meiner Grundhaltung gefunden hatte, „was kratzt es eine deutsche Eiche, wenn sich eine Wildsau an ihr reibt“, ging es mir bedeutend besser. Ich wurde innerlich ruhig und eine Art heitere Gelassenheit dehnte sich in mir aus. Das strahlt wohl auch auf andere aus.

Gesellschaftlich prägend ist aber auch der gesetzliche Rahmen, der das staatliche und gesellschaftliche Handeln beeinflusst. Das Grundgesetz wurde ergänzt und Benachteiligung aufgrund von Behinderung verboten (1994). Das Sozialgesetzbuch IX hat einen wichtigen Paradigmenwechsel eingeläutet (2001), weg von der Fürsorge hin zu Selbstbestimmung und Teilhabe. Gleichstellungs- und Gleichbehandlungsgesetze erleichtern das Arbeitsleben (seit 2002) und die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) erhebt erstmals die Rechte von Menschen mit Behinderung zu echten Menschenrechten und bringt uns die Inklusion (2006). Letztere übrigens sensationell plastisch und selbsterklärend von der Aktion Mensch übersetzt: „Mit allen, von Anfang an“. Besser geht´s nicht.

Und apropos Aktion Mensch. Seit 1964 begleitet die Aktion Mensch das Anliegen von behinderten Kolleginnen und Kollegen. Damals von Hans Mohl ins Leben gerufen, den ich noch persönlich gekannt und erlebt habe. Die 3 Säulen haben sich glänzend bewährt: (1.) Lotterie – sorgt für attraktive Gewinne und gleichzeitig für eine anständige Finanzausstattung der beiden anderen Säulen. (2.) Projekte – damit kurbelt die Aktion Mensch das Ideenkarussell an und bringt diverse Initiativen und Themen in unsere Gesellschaft. Und (3.) Kampagnen – hier gelingt es ohne erhobenen Zeigefinger mit einem verschmitzten Lächeln, uns alle zum Nach- und Überdenken zu motivieren. Mit diesen 3 Säulen rückt die Aktion Mensch das vordergründig schwierige und eher ungeliebte Thema „Menschen mit Behinderung“ mit bemerkenswerter Leichtigkeit immer wieder in die Mitte der Gesellschaft. Einfach großartig !!

Seit seinem 7. Lebensjahr spiel Matthias Berg Horn. Später studierte er neben Jura auch Musik, wurde als Hornist vielfach bei Wettbewerben ausgezeichnet und konzertiert weltweit mit diversen Orchestern und Ensembles. Auch zwei Solo-CDs (Horn und Klavier sowie eine Weihnachts-CD mit Horn und Gitarre) sind mit ihm produziert worden.

In Ihrem neuen Buch "Mach was draus!" beschreiben Sie, wie Ihre Mutter im Jahr 1961 auf einmal allein am Milchwagen steht, nachdem es in Ihrem kleinen Ort die Runde macht, dass Sie mit verkürzten Armen auf die Welt kamen. Vorher war der Lebensmittelhändler ein Treffpunkt für alle Mütter der umliegenden Straßen, jetzt traut sich keine mehr, Ihrer Mutter Gesellschaft zu leisten. Der Grund: Die Unsicherheit. Würde dieses "Aus-dem-Weg-gehen" heute so auch noch passieren?

Das würde nicht nur passieren, sondern es passiert tagtäglich. Denn die Gewöhnung an Menschen, die mehr „anders“ sind als ein landläufig akzeptiertes Anderssein, wie relativ klein, relativ groß, relativ normale Haare, relativ kurz- oder weitsichtig, relativ mobil, relativ helle Haut und ähnliche Merkmale, ist ein Prozess, der etwas Zeit braucht. Sobald das Wörtchen „relativ“ zu einem „besonders“ wird, wird es ungewöhnlich. Menschen werden unsicher und schauen, oft sogar noch verstohlen, hin. Wer mir zum ersten Mal die Hand geben will oder sollte oder muss und auf keinerlei Erfahrung zurückgreifen kann, weiß nicht, wohin er bei meinen durch Contergan deutlich kürzeren Armen mit je drei Findern greifen soll. Das hat aber nichts mit bösem Willen oder Ablehnung zu tun, sondern ist reine Unsicherheit. Also mache ich einen Schritt nach vorne, strecke meine Hand aus und mein Gegenüber weiß, dass er da jetzt durch muss: Hände schütteln ist angesagt – und es funktioniert. Überall, wo es Gewöhnung und Erfahrung noch nicht gibt, hat es sich aus meiner Sicht super bewährt, Brücken zu bauen und sich Zeit zu geben. Zeit zu schauen, zu beobachten, zu fragen, in Kontakt zu kommen. Der Aktion Mensch gelingt es durch ihre geförderten Projekte und die Kampagnen, mitten im Leben mannigfaltige Erfahrungen im Umgang miteinander zu ermöglichen. Das ist für mich eine der Kernkompetenzen der Aktion Mensch.

Als Mensch mit Behinderung kann ich mich darüber ärgern, dass Leute dumm schauen, lachen oder blöde Bemerkungen machen. Ich kann´s aber auch sein lassen und mich nicht ärgern. Das ist allein meine Entscheidung, in meinem Kopf. Ich habe mich entschieden, mich nicht zu ärgern, den Menschen Zeit der Gewöhnung zu gönnen und ihnen freundlich gegenüberzutreten. Ich sage mir, es ist Verunsicherung und nicht Ablehnung. Meine Erfahrungen damit sind übrigens bestens.

Inklusion braucht Ihrer Meinung nach Zeit. Dies ist in unserem oft hektischen Alltag Mangelware. Was raten Sie den Menschen, wie eine inklusive Gesellschaft funktionieren kann?

Inklusion, also die Maxime „mit allen, von Anfang an“, geht uns alle an – egal ob mit ohne Behinderung. Das heißt, es ist keine Sache, die nur „die anderen“ etwas angeht. Natürlich beginnt Inklusion im Kopf – hat man ja nun oft genug gehört und gelesen. Die Bundesregierung hat schon vorgelegt und 2011 den Nationalen Aktionsplan Inklusion veröffentlicht. Dieser muss jetzt von den Ländern aufgegriffen werden, die ihre eigenen Aktionspläne daran anknüpfen, gefolgt von immer konkreteren örtlichen Plänen. Jeder Aktionsplan braucht seinen Maßnahmenplan. Neue Gesetze müssen den Vorgaben der UN-BR-Konvention entsprechen und alle vorhandenen Gesetze auf Mängel oder Nachsteuerungsbedarf untersucht werden und schon kann´s losgehen – jedenfalls theoretisch. Liebe Politik in Bund Land, Regionen, Kreisen und Kommunen – das ist euer Part, ein paar sind gut unterwegs, ein paar treten noch auf der Stelle und plustern die Bäckchen (zumeist die Kosten-Nöler) – auf geht´s!

Und die Menschen? Die legen so lange schon mal los. Vereine aller Art, Initiativen, Verbände, Kindergärten, Schulen, Unis, Arbeitgeber, Städte und Gemeinden und viele mehr. Jede und jeder ist aufgefordert an ihrer und seiner individuellen Stelle mit anzupacken, Verantwortung zu übernehmen und sich ein Projekt auszudenken. Auch hier zeigt die Aktion Mensch, wie es gehen kann. Dort gibt es zwischenzeitlich hunderte von Ideen, Vorschlägen, Rezepten und Beispielen, was alles vor Ort möglich ist. Die Aktion Mensch hilft dabei tatkräftig mit, aus guten noch bessere Ideen zu machen und fördert diese finanziell. Auf diese Art und Weise, Schritt für Schritt, Idee für Idee, Projekt für Projekt, Begegnung für Begegnung, Erfahrung für Erfahrung, Beispiel für Beispiel werden wir alle langsam aber sicher vorankommen. Es wird Schrittmacher geben, wie die Aktion Mensch und es wird Beharrungskräfte geben, wie der ein oder andere Bedenkenträger, es wird an vielen Stellen wunderbar funktionieren und es wird den einen oder anderen Dämpfer geben. Gewinnen werden alle Menschen, ganz gleich ob mit oder ohne irgendeine Einschränkung, denn menschliche Vielfalt ist gesellschaftliche Bereicherung. Ich habe für mich dabei gelernt, dass die Mischung aus Freundlichkeit und Hartnäckigkeit eine unschlagbare Kombination ist. Die Politik spuckt schon mal gerne in fremde Hände – die Aktion Mensch und wir spucken in die eigenen und legen los.

Hartmut Reiche, MENSCHEN. das magazin

2010 moderierte Matthias Berg (Mitte) eine Matinee, die Bundespräsident Wulff zum Thema Inklusion veranstaltete.

Sie sind nicht nur Jurist, stellvertretender Landrat, Goldmedaillengewinner der Paralympics, Hornist und Co-Kommentator im ZDF. Sondern Sie haben aus den Erfahrungen als Motivationstrainer jetzt das fast 300 Seiten umfassende Buch geschrieben, eine Art Anleitung zu mehr Kraft, Gelassenheit und mehr Leben. Können sich Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen an die Anleitung halten?

Der Einstieg ins Buch führt über Ausschnitte aus meinem Leben und hat damit natürlich erstmal mit meiner Contergan-Behinderung zu tun. Der Anlass zu diesem Buch war aber eigentlich ein anderer. Nämlich die Frage, wie es gelingen kann, auch mit eher ungünstigen Startbedingungen gleich auf drei Gebieten außerordentlich erfolgreich unterwegs zu sein: in der Musik, im Leistungssport und in der Juristerei. Zunächst habe ich daraus Vorträge und Seminare entwickelt. Daraus wiederum entstand dann das Buch, das die wesentlichen Erlebnisse, Rückschlüsse und Entscheidungen für eine erfolgreiche Grundhaltung enthält. Denn die Grundvoraussetzung für ein erfülltes Leben ist unsere Haltung uns selbst gegenüber und gegenüber anderen. Das Buch ist im besten Sinne „inklusiv“ verfasst, weil es sich an alle richtet, die, egal ob mit oder ohne Behinderung, an ihrer Grundhaltung arbeiten möchten und eine Menge Spaß daran haben. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle eine Menge Talente in uns tragen. Mein Buch soll dabei helfen, diese zu entdecken und bestmöglich in Gebrauch zu nehmen.
 

Sie haben das Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" in Ihrem Buch abgedruckt. Warum?

Die dritte Strophe hat einen wunderbaren, bildhaften und im Hinblick auf die Inklusion geradezu prophetischen Text: Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn. Weich, sanft, glasklar und einfach grandios gedichtet. Eine Aufforderung, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was wir nicht auf den ersten Blick erkennen können und erst dann zu urteilen, wenn wir auch die nicht sofort sichtbaren Dinge erkannt und durchdacht haben. Warum es mir gerade Matthias Claudius, den Dichter des Abendliedes, angetan hat? Steht im Buch, auf Seite 5 ganz unten – es ist mein Ururururgroßvater.


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