Wir machen mobil

Zu Fuß oder mit dem Auto, freiwillig oder weil’s sein muss, um die Ecke oder die halbe Welt – es gibt viele Möglichkeiten und Anlässe, mobil zu sein. MENSCHEN. das magazin hat für diese Ausgabe verschiedene Facetten von Mobilität unter die Lupe genommen. Und bei Menschen mit und ohne Behinderung nachgefragt, was sie mobil macht – und was sie einschränkt. Die Antworten finden Sie auf den nächsten Seiten. Los geht’s.
 

Foto Fatih Kurceren, MENSCHEN. das magazin

Stefan Fricke auf dem Weg zur Arbeit. Er ist beruflich und privat viel auf Achse.

Text Astrid Eichstedt

Foto Fatih Kurceren, MENSCHEN. das magazin

Es kommt vor, dass der Landtagsabgeordnete Stefan Fricke, 53, aus einer S-Bahn rollt und der Fahrstuhl defekt ist. „Das sind so Sachen, die mich nerven. Oder dass ich meine Fahrten mit dem ICE wegen der Hebebühne einen Tag vorher anmelden muss und nicht mal spontan sagen kann: Ich schaffe das zeitlich nicht und nehme einen späteren Zug.“

Stefan Fricke

Stefan Fricke lässt seinen Wagen gerade für seine besonderen Bedürfnisse umbauen. Zwar wird der Softwareentwickler, der als Abgeordneter für die Piratenpartei im nordrhein-westfälischen Landtag sitzt, sein Auto auch beruflich nutzen. „Doch noch ist nicht klar, welche Umbaukosten am Ende bei mir hängenbleiben. Die Frage solcher Kostenübernahmen ist derzeit Gegenstand einer Debatte im Parlament. Da wird sich hoffentlich in der Gesetzgebung etwas ändern“, sagt er.

Durch seine Handicaps aufgrund einer Conterganschädigung belaufen sich die Kosten inklusive TÜV- und autogerechtem E-Rolli auf 120.000 Euro. Seinen Führerschein hat er im Herbst 2014 in Köln in einer der Fahrschulen gemacht, die Menschen mit erheblichen körperlichen Einschränkungen diese Möglichkeit bieten. Sein eigenes Auto fahren zu können, wird Stefan Fricke die Pendelei vom Wohnort Köln nach Düsseldorf deutlich erleichtern und eine neue Unabhängigkeit bescheren. „Die schnellste und nächstliegende Verbindung von zu Hause bis zum Düsseldorfer Landtag mit dem Regionalexpress kann ich nicht nutzen, weil der Halt in Köln-Mülheim nicht barrierefrei ist.“

Auch bei Auslandsreisen stößt der Abgeordnete häufig auf Barrieren. So musste er einmal eine Nacht auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle verbringen, weil ihm die Mitarbeiter der Cathay Pacific Airways wegen nicht barrierefreier Toiletten den Weiterflug auf die Philippinen verweigerten und auf dem Flug von Köln/Bonn nach Paris zudem sein E-Rolli verloren gegangen war, mit dem er das nächste Hotel hätte aufsuchen können. Im vergangenen Herbst musste er als Mitglied einer Auslandsdelegation des Landtags kurzfristig von einer Reise in die Türkei zurücktreten. Der Bustransfer vor Ort wäre nicht zu leisten gewesen. Als verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion setzt sich Stefan Fricke denn auch nicht zuletzt für mehr Barrierefreiheit ein. „In dieser Hinsicht“, sagt er, „gibt es noch viel zu tun.“

Foto Evelyn Dragan, MENSCHEN. das magazin

Dass Esther Blas-Merino, 58, ehrenamtlich einen Gymnastikkurs für Flüchtlingsfrauen leitet, hat auch persönliche Gründe. Als sie 1963 mit ihrer Familie aus Spanien nach Deutschland übersiedelte, wurde sie sehr freundlich aufgenommen. „Wenn man die guten Erfahrungen weitergibt, bringt einem das etwas für sich selbst und für die Gemeinschaft.“

Esther Blas-Merino

In den Biografien der Frauen, die am Gymnastikkurs von Esther Blas-Merino teilnehmen, spielt Mobilität eine besondere Rolle. Für sie bedeutete das tage-, wochen- oder monatelange Unterwegssein Entwurzelung, Entbehrung, Traumatisierung, aber auch Hoffnung auf ein besseres Leben. Laut UNO sind derzeit rund 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Gewalt, Krieg und bitterer Armut. Die Teilnehmerinnen des Kurses für Flüchtlingsfrauen kommen aus Eritrea, Syrien, dem Libanon und dem Irak. Einige leben schon länger in der hessischen Gemeinde Egelsbach, andere wohnen erst seit Kurzem im örtlichen Flüchtlingsheim. Solange ihr Asylantrag nicht bewilligt ist, zwingt sie die Residenzpflicht zur Immobilität: Sie dürfen sich nur in dem von der zuständigen Behörde festgelegten Bereich aufhalten. Über die Erlebnisse ihrer Flucht sprechen sie nicht. Esther Blas-Merino: „Im Kurs wird viel gelacht, und es herrscht eine lockere Atmosphäre. Wie es in den Frauen aussieht, dass sie Ängste haben, merkt man ihnen nicht an.“ Die Kursleiterin beobachtet aber, „dass es den Frauen gut tut, einmal etwas nur für sich selbst zu tun“ und dass der Sport Kräfte mobilisiere, die befreiend wirken.

Das Projekt „Sport und Flüchtlinge“ der Sportjugend Hessen, das vom Bundesfamilienministerium mit einer Anschubförderung unterstützt wurde, startete im Oktober 2014. Egelsbach ist eine von drei hessischen Modellkommunen, in denen das Potenzial von Sportvereinen für die Integration von Flüchtlingen ausgelotet wird. Über den Sport sollen die Teilnehmer Normalität erleben, sich willkommen fühlen und Kontakte knüpfen. Es gibt einen Frauen- und einen Männerkurs. Bislang waren die Migrantinnen unter sich, das will Esther Blas-Merino ändern. Probleme erwartet sie nicht. „Bevor wir zum ersten Mal im Fitnessstudio waren, habe ich gefragt, ob sie Probleme damit haben, dass da auch Männer sind.“ Hatten sie nicht. Sie wollten bloß entsprechend gekleidet sein. Eine hat einfach ihren Wintermantel übergezogen.

Flüchtlingshilfe der Sportjugend Hessen
Flüchtlingshilfe der Aktion Mensch

 

Foto Fritz Beck, MENSCHEN. das magazin

Am liebsten ist Michael Prall, 39, in virtuellen Welten unterwegs. Bei gutem Wetter erkundet der leidenschaftliche Gamer aber auch gern die reale Welt in Bussen und Bahnen. Weil sein betagter Rolli hin und wieder eine Reparatur braucht, hat die Krankenkasse ihn kürzlich angemahnt, er fahre zu viel. „Das haben die wirklich gesagt.“

Michael Prall

Der Lkw fährt durch die Stadt, bremst, als die Ampel auf Rot schaltet, biegt später ab in Richtung Autobahn. Dort wechselt er auf die linke Spur. Michael Prall, der den Wagen steuert, gibt Gas. Er will seine Ladung möglichst schnell abliefern. Plötzlich taucht ein langsamer Pkw vor ihm auf. Der Lkw bremst – zu spät – es kracht!

Doch Michael Prall ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Er sitzt im Rollstuhl in seinem Zimmer im AWO-Wohnheim in Freiburg-Littenweiler und spielt sein Lieblingscomputerspiel „Euro Truck Simulator“. Im Regal stehen 70 weitere Computerspiele. Die allermeisten drehen sich ums Unterwegssein: per Bus, Taxi, im Streifenwagen oder eben im Lkw.

Seit wann er Computerspiele spielt? „Schon ewig! Bei schlechtem Wetter manchmal den ganzen Tag.“ Und auch mal die halbe Nacht.

Mit dem Unterwegssein im Spiel hat sich der 39-Jährige ein Stück Freiheit und Souveränität erobert. In der virtuellen Welt lassen sich die Grenzen seiner realen Mobilität prima überwinden. Michael Prall ist von Geburt an geistig und körperlich behindert. Sein großes Interesse an Technik hat ihn schon früh an den Computer herangeführt. Ein Spracherkennungsprogramm unterstützt ihn beim Lesen und Schreiben, sodass er inzwischen auch viel in sozialen Netzwerken unterwegs ist. Er pflegt seinen Facebook-Account, nutzt YouTube und schreibt E-Mails.

Weil er seine Finger nicht gut bewegen kann, verwendet Michael Prall beim Computerspielen die Fäuste zur Navigation. Damit er die Pfeiltasten besser trifft, wurden sie auf seiner Tastatur erhöht.

Allerdings sind für ihn längst nicht alle seine Spiele so gut handhabbar wie der „Euro Truck Simulator“: „Wenn’s nicht klappt, ärgere ich mich. Ich freue mich drauf, und dann geht’s nicht.“ Irgendwann will er Spielehersteller anschreiben, um sie zu ermuntern, mehr Spiele für Menschen mit Handicap zu entwickeln.

Michael Prall bei YouTube
 

Foto Evi Blink, MENSCHEN. das magazin

Dass die Automobilindustrie mehr und mehr Technologien entwickelt, die es den Fahrern erleichtern, das Auto zu nutzen, findet Welf Stankowitz, 58, vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat gut. „Und diese Technologien“, sagt er, „kommen in besonderer Weise auch Menschen mit Beeinträchtigungen zugute.“

Welf Stankowitz

Nichts wird in der westlichen Kultur so sehr als Sinnbild von Mobilität verehrt wie das Auto. „Es ist eine Erweiterung unserer physischen Fähigkeiten. Wir können damit viel schneller vorankommen als mit unseren Beinen. Somit stellt es eine Hilfe für alle Menschen dar, ob mit oder ohne Behinderung. Die Entwicklung von Fahrassistenzsystemen und individuell angepassten Unterstützungssystemen macht diese Hilfe noch effizienter“, sagt Welf Stankowitz, Referent beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat in Bonn.

Zwar werden völlig autonom agierende Fahrzeuge, in deren Entwicklung die Automobilindustrie derzeit viel Geld steckt, für den Stadtverkehr noch lange nicht tauglich sein. Doch schon jetzt gibt es viele technische Finessen, die Menschen mit und ohne Behinderung zugutekommen. Zum Beispiel automatische Lichtsysteme. Wer die verwendet, braucht die Scheinwerfer nicht mehr an- und auszuschalten. Ähnlich ist es mit Regensensoren, die bei Bedarf automatisch den Scheibenwischer anstellen, oder Notbremsassistenten, die eigenständig Gefahrensituationen und Hindernisse erkennen. Letzteren nutzt Welf Stankowitz selbst. „Zurzeit“, so berichtet er, „wird an einer Gestenerkennung gearbeitet. Sie schauen nach links oder rechts und setzen so den Blinker in Gang.“ Darüber werden sich nicht nur Autofahrer freuen, die den Kopf schlecht wenden können. „Demnächst kommt eine Einparkhilfe auf den Markt, die per Schlüssel oder Handy zu bedienen ist. Der Fahrer kann aussteigen und zusehen, wie sein Auto selbstständig einparkt.“

Während die Fahrassistenzsysteme allen Menschen nützen, können individuell angepasste Hilfen mangelnde Sinnes- oder Muskelkraft ausgleichen. Einige Firmen haben sich darauf spezialisiert, Fahrzeuge den individuellen Bedürfnissen von Fahrern mit Behinderung anzupassen. Billig ist das jedoch nicht. Und wer keinen Job hat, den Wagen also nicht für Fahrten zum Arbeitsplatz braucht, darf derzeit kaum auf die Kostenübernahme seitens der Krankenkassen hoffen.

Infos zu Fahrschulen
Infos zu Fahrzeugumbau

 

Sandra Stein, MENSCHEN. das magazin

„Ich fahre gerne Rad, weil ich dann in Bewegung bin. Weil ich Spaß daran habe. Weil ich durch ein regelmäßiges Fahrradfahren abnehmen kann. Ich kann besser Lebensmittel transportieren. Weil ich an der frischen Luft sein kann.“ Ermöglicht hat dies ein Fahrradkurs für Menschen mit geistiger Behinderung, den Petra Borowski, 32, in Dortmund besucht hat.

Petra Borowski

Fürs Radfahren braucht man zwar keinen Führerschein, aber Kenntnisse der Verkehrsregeln sind von Vorteil. Auch sollte man schnell reagieren und seine Bewegungen gut koordinieren können. Alles gar nicht so einfach. Petra Borowski hat eine geistige Behinderung. Sie wollte gern Fahrrad fahren, fühlte sich dabei aber unsicher. „Ich konnte nicht gut auf- und absteigen. Und ich kannte die Verkehrsschilder nicht.“ Deshalb nahm die 32-Jährige an einem Fahrradtraining für Menschen mit geistiger Behinderung teil.

Veranstaltet wird der Kurs jeden Sommer von der Caritas in Kooperation mit Lehrbeauftragten der Verkehrspolizei und der Stadt Dortmund. An vier aufeinanderfolgenden Vor- und Nachmittagen werden den Teilnehmern der Umgang mit dem Rad im Straßenverkehr sowie technische Fertigkeiten vermittelt. Praxisnahe Verkehrssituationen werden vorgestellt, und ein angemessenes Verhalten wird trainiert. In kleinen Unterrichtssequenzen werden Verkehrsschilder erklärt. Darüber hinaus schult ein Hindernisparcours die koordinativen Fähigkeiten.

Die abschließende Prüfung hat Petra Borowski mitgemacht und bestanden. Seitdem klappt das Radeln besser: „In den Kursen habe ich auf- und absteigen gelernt. Und das sichere Fahren mit dem Fahrrad. Ich habe einige Verkehrsschilder gelernt, Abstand zum Vordermann einzuhalten und richtig zu bremsen.“

Petra Borowski lebt in einer kleinen Wohnung im Dortmunder Stadtteil Nette, in der sie von den für betreutes Wohnen zuständigen Mitarbeitern des Caritasverbands begleitet wird. Derzeit hat sie aber kaum Möglichkeiten zum Fahren: Ihr Rad wurde gestohlen. „Ich vermisse mein Fahrrad sehr“, erzählt sie. Wenn sie wieder ein eigenes Rad besäße, würde sie damit zum Einkaufen fahren, aber auch Ausflüge machen und ihre Schwester und ihren Neffen besuchen. Erst mal bereitet sich Petra Borowski allerdings auf ihre Mutterschaft vor. Sie ist im vierten Monat schwanger.

Infos zu Schulungsangeboten in Dortmund gibt Peter Staudinger vom Caritas-Wohnhaus St. Michael, Tel. 0162 4135062.

In Berlin bietet die „Radfahrschule“ auf Anfrage Kurse für Menschen mit Behinderung an.


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