Kleine Kommunen, große Ziele

Im Rahmen der Initiative Kommune Inklusiv unterstützt die Aktion Mensch fünf Kommunen dabei, inklusiver zu werden. Was haben die ländlich geprägten Gemeinden Nieder-Olm und Schneverdingen in den nächsten Jahren vor? Und worum geht es insgesamt bei Kommune Inklusiv?

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Parklandschaft mit verschiedenen Heidepflanzen und Spaziergängern

Der Heidegarten in Schneverdingen

Vor einer bunten Häusersilhouette stehen Menschen darunter der Schriftzug Kommune Inklusiv

Mit der Initiative Kommune Inklusiv unterstützt die Aktion Mensch das bunte und respektvolle Zusammenleben in fünf ausgewählten Kommunen. Die Ortschaften sind über ganz Deutschland verteilt. Die Aktion Mensch begleitet sie bei der Entwicklung von Plänen und Ideen, um lokal langfristig inklusive Lebensumfelder gestalten zu können.

Text: Dagmar Puh
Fotos: Andreas Reeg
und Isadora Tast

Dienstags ist Markt in Nieder-Olm. Gracia Schade trifft man dort fast jede Woche. Zum Einkaufen kommt die Koordinatorin des örtlichen Netzwerks von Kommune Inklusiv aber nicht her – zumindest nicht in erster Linie. Stattdessen ist sie hier mit Menschen mit und ohne Behinderung verabredet, die dasselbe wollen wie sie: ein Lebensumfeld gestalten, in dem jede und jeder problemlos und selbstverständlich am öffentlichen Leben teilhaben kann. "Meist diskutieren wir bei einem Glas Wein über unsere Ideen und kommen dabei auch mit anderen Leuten auf dem Markt ins Gespräch", erzählt Schade. "Dadurch ergeben sich oft ganz neue Perspektiven." Der informelle Inklusionstreff am Weinstand illustriert, was Nieder-Olm und viele seiner Bewohnerinnen und Bewohner ausmacht: Unkompliziert sind sie, lebensfroh, engagiert – und offen für Neues.

Die Verbandsgemeinde Nieder-Olm liegt in der Region Rheinhessen, ganz in der Nähe der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Sie besteht aus den Ortsgemeinden Essenheim, Jugenheim, Klein-Winternheim, Ober-Olm, Sörgenloch, Stadecken-Elsheim, Zornheim und der Stadt Nieder-Olm. Weinberge und sanfte Hügel prägen die Landschaft rund um die Ortschaften.

Carlolina Zibell
Hintergründe und Ziele

Carolina Zibell, Projektleiterin bei der Aktion Mensch, erläutert im Interview Hintergründe und Ziele der Initiative "Kommune Inklusiv".

Interview mit der Projektleiterin lesen

Mehrere Menschen mit und ohne Behinderung stoßen im Freien an

Jeden Dienstag wird der Weinstand auf dem Markt von Nieder-Olm zum Inklusionstreff.

Die Schönheit der Gegend, die gute Anbindung an Mainz und die entspannte Lebensart machen die Verbandsgemeinde zu einer bevorzugten Wohngegend. In den letzten 40 Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt. Aktuell leben hier rund 34.500 Menschen, davon etwa 10.000 in der Stadt Nieder-Olm. 

Ort der Vielfalt und demenzfreundlich

Wie sich das Zusammenleben für all diese Menschen positiv gestalten lässt, ist eine Frage, die die Kommune schon länger umtreibt. Eine Reihe guter Antworten wurden bereits gefunden. Für ihren Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit wurde die Verbandsgemeinde 2010 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Ort der Vielfalt ausgezeichnet. Ein Jahr später entstand ein Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, erarbeitet vom Beirat für Menschen mit Behinderung und der kommunalen Verwaltung. "Viele der Ziele, die im Plan aufgeführt sind, haben wir inzwischen erreicht", sagt Annette Hambach-Spiegler, Abteilungsleiterin Bürgerdienste und damit zuständig für den Bereich Inklusion.

Sie unterstützt den Kommune-Inklusiv-Prozess vonseiten der Verbandsgemeinde. "Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Beschäftigtenquote von Menschen mit Behinderung ist gestiegen. Und wichtige Amtsschreiben erhalten die Bürgerinnen und Bürger nun auch in Leichter Sprache." Außerdem ist die Verbandsgemeinde eine von bundesweit nur rund 50 Demenzfreundlichen Kommunen. Der Arbeitskreis Demenzfreundliche Verbandsgemeinde organisiert Veranstaltungen für Menschen mit und ohne Demenz und informiert über die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz.

Ralph Spiegler

Ralph Spiegler setzt sich als Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm für ein inklusives Miteinander ein.

Spezialfall Verbandsgemeinde

Im Rahmen von Kommune Inklusiv sollen weitere Teilhabebeschränkungen fallen. Genau genommen geht es in Nieder-Olm darum, acht Gemeinden inklusiver zu machen. "In einer Verbandsgemeinde ist jedes Mitglied rechtlich eigenständig und regelt viele Angelegenheiten selbst", erläutert Bürgermeister Ralph Spiegler. "Außerdem hat jeder Ort andere Rahmenbedingungen, von der Geografie über die Einwohnerzahl bis zu den Vereinsstrukturen. Deshalb unterscheiden sich die Teilhabemöglichkeiten von Ort zu Ort teils erheblich." Mit Beratung und Unterstützung bei konkreten Projekten soll das Netzwerk von Kommune Inklusiv dazu beitragen, dass sich die Bedingungen angleichen.

Aktuell arbeiten im Netzwerk sieben Partnerorganisationen mit. Die Gesellschaft für ambulante und stationäre Altenhilfe ist dabei, genauso wie die Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie, die Lebenshilfe Mainz-Bingen und die Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter und chronisch Kranker, die Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen und die Landesantidiskriminierungsstelle Rheinland-Pfalz. Unter dem Motto "Alle sind wichtig! Für ein gutes Miteinander" wurden schon eine Reihe von Projektideen entwickelt, die den Zugang von Menschen mit Behinderung, älteren Menschen und Geflüchteten in den Bereichen Freizeit, Arbeit, Bildung und Gesundheit verbessern sollen.

Zwei Frauen arbeiten in einer Großküche

In der Küche der Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung

Pläne für die Zukunft

Die Fokussierung auf diese Zielgruppen und Handlungsfelder hat sich im Laufe der Zusammenarbeit mit Aktion Mensch ergeben. "Ursprünglich hatten wir ein viel breiter angelegtes Konzept im Kopf, so eine Art Alles-für-alle-Ansatz", berichtet Schade. "Im Austausch mit der Aktion Mensch und den anderen Modellkommunen haben wir aber gemerkt, dass wir uns damit eher verzetteln." Trotz der Reduzierung ist der Katalog der Maßnahmen, die ab 2018 umgesetzt werden sollen, beeindruckend. Geplant sind zum Beispiel Infoblätter in Leichter Sprache über Gesundheitsvorsorge, ein Angebot, das Unternehmen und arbeitssuchende Menschen mit Behinderung oder Fluchthintergrund zusammenbringt sowie eine Freizeitassistenz für Menschen mit kognitiver Einschränkung. Als Erstes soll der Bildungstreff starten, bei dem Menschen mit kognitiver Einschränkung, aber auch Geflüchtete und ältere Menschen, ihre Lese- und Schreibfähigkeiten trainieren und Hilfe beim Umgang mit Briefen von Behörden bekommen. "Dieses Angebot hat für uns Priorität, weil wir damit mehrere Zielgruppen erreichen", erklärt Annette Hambach-Spiegler. "Danach sehen wir, was sich wie entwickelt."

Eine Aktion steht allerdings felsenfest: Beim Nieder-Olmer Fassenachtsumzug 2018, dem wichtigsten Ereignis im lokalen Kalender, wird das Kommune-Inklusiv-Netzwerk mit einem eigenen Festwagen dabei sein. "Da zeigen wir Gesicht", sagt Gracia Schade, "und werden garantiert sehr viel Spaß haben!"

Kunstwerk in Form eines riesigen Pfeils in den Himmel steht auf einer Wiese

Die Sonnenuhr in Schneverdingen ist eine der größten in Deutschland.

Schneverdingen wird inklusiv

"Herzlichen Glückwunsch! Wir haben Ihre Gemeinde für die Teilnahme an unserer Initiative Kommune Inklusiv ausgewählt." Als diese Nachricht von Aktion Mensch in Schneverdingen ankam, hat Bürgermeisterin Meike Moog-Steffens erst mal tief durchgeatmet. "Ich habe mich sehr gefreut, schließlich haben wir uns ja mit viel Einsatz um die Teilnahme beworben", sagt Moog-Steffens. "Aber es gab schon auch den Gedanken: Ist das nicht doch eine Nummer zu groß? Schließlich sind wir eine kleine Kommune mit begrenzten Ressourcen."

Diese Bedenken sind inzwischen verschwunden, denn vor allem die überschaubare Größe der Gemeinde stellt sich mehr und mehr als eine wesentliche Stärke im Kommune-Inklusiv-Prozess heraus. Rund 18.800 Menschen leben in Schneverdingen, verteilt auf die gleichnamige Kleinstadt mit ihren etwa 13.000 Bewohnern und zehn umliegende Dörfer. Man kennt sich, der Austausch untereinander, aber auch zwischen Verwaltung und Bürgern, ist eng. Und dann ist da noch die besondere Mentalität der Schneverdinger. "Die Leute hier sind unglaublich engagiert und gestalten das Leben in ihren Ortschaften sehr, sehr aktiv mit", sagt Gerhard Suder, Geschäftsführer der Lebenshilfe Soltau, der die Bewerbung bei Kommune Inklusiv angestoßen hatte.

Vier Personen mit 3D Brillen sitzen in Kinosesseln

Das Kino "Lichtspiel" wird von Freiwilligen betrieben.

Bürgerbeteiligung und Engagement

Davon zeugt sehr eindrücklich das Stadtmarketing, ein Bürgerbeteiligungsprozess, der schon 2005 begonnen hat. Damals organisierte die Stadtverwaltung einen Workshop, bei dem jeder seine Ideen für ein attraktiveres Schneverdingen einbringen konnte. Daraus ist ein fortlaufender Prozess entstanden, in dem vor allem Ehrenamtler aktiv sind – und in dessen Rahmen mehr als 180 Projekte umgesetzt wurden. Seit einigen Jahren hat Schneverdingen beispielsweise ein Kino. Und einen Bürgerbus, der Menschen mit Mobilitätseinschränkungen von den Dörfern in die Stadt und wieder zurück bringt.

"An die Erfahrungen und Strukturen aus dem Stadtmarketing können wir mit Kommune Inklusiv sehr gut anknüpfen", sagt Ulrike Schloo. Sie koordiniert gemeinsam mit Oliver Hofmann das Netzwerk der Initiative in Schneverdingen. Aktuell gehören unter anderen das örtliche Mehrgenerationenhaus, der Kulturverein Schneverdingen, der Turnverein Jahn, die Freiwillige Feuerwehr und Hilfen aus einer Hand, ein Träger der Kinder- und Jugendhilfe, dazu. Alle Netzwerkmitglieder sind etablierte Akteure, die mit ihren Angeboten seit Langem unterschiedlichste Menschen zusammenbringen und beim Abbau von Barrieren helfen. Das Ziel, das sie im Rahmen von Kommune Inklusiv anstreben, heißt: "Schneverdingen für alle". Neben Vereinen und Unternehmen sind Einzelpersonen im Netzwerk engagiert.

Eine davon ist Claudia Kaube, die infolge eines Multiple-Sklerose-Schubs seit zwei Jahren eine Gehbehinderung hat. "Vorher waren Inklusion und Barrierefreiheit für mich praktisch Fremdwörter", erzählt sie. "Aber durch meine neue Lebenssituation hat sich der Blick sehr geweitet." Ihre Heimatstadt erlebt Kaube ganz neu, seit sie mit Rollator und Liegerad unterwegs ist: das Kopfsteinpflaster, die kurzen Ampelphasen, die wenigen Gastrobetriebe mit barrierefreier Toilette. "Es gibt noch einiges zu tun", sagt Kaube. Besonders wichtig ist ihr, dass Menschen mit Behinderung, aber auch andere Gruppen, in Schneverdingen präsenter werden und selbstbewusst für ihre Interessen eintreten. "Gut wäre zum Beispiel ein Haus, wo sich alle Selbsthilfegruppen treffen und auch das Flüchtlingscafé angesiedelt sein könnte", meint sie.

Zwei Frauen sitzen im Grünen auf der Bank und treten dort installierte Fitnessgeräte

Ulrike Schloo (rechts) koordiniert gemeinsam mit Oliver Hofmann (nicht im Bild) das Netzwerk von Kommune inklusiv in Schneverdingen.

Inklusion - was ist das eigentlich?

Ob die Idee von Claudia Kaube in die Tat umgesetzt wird und welche anderen Projekte im Rahmen von Kommune Inklusiv entstehen werden, ist – Stand Oktober 2017 – noch offen. Die Entscheidung hängt unter anderem davon ab, was die Schneverdinger wollen. Denn natürlich setzt auch Kommune Inklusiv auf Bürgerbeteiligung. Ende August fand im Saal des Freizeitbegegnungszentrums das erste Forum statt, bei dem Interessierte Fragen stellen und Vorschläge einbringen konnten. Fast 100 Menschen nahmen die Gelegenheit wahr. Bei der Veranstaltung wurde unter anderem deutlich, dass der Begriff Inklusion vielen noch unklar ist.

"Die meisten denken nur an Inklusion in der Schule", sagt Ulrike Schloo. Damit sich das bald ändert, steht Öffentlichkeitsarbeit ganz oben auf der To-do-Liste der beiden Koordinatoren. Angedacht sind beispielsweise eine Filmreihe im Schneverdinger Kino zum Thema Inklusion und Hospitationen der Koordinatoren bei verschiedenen Einrichtungen und Vereinen. "Dabei wollen wir mit noch mehr Menschen ins Gespräch kommen und ausloten, wo es vielleicht noch Teilhabebeschränkungen gibt, die wir gar nicht auf dem Schirm haben", sagt Oliver Hofmann. "Und gleichzeitig natürlich auch mehr Bewusstsein für Inklusion schaffen."

Mehrere Kinder laufen aus einem alten Bauernhaus auf eine Wiese

In der Kindertagesstätte Lütenhof fühlen sich Kinder mit und ohne Behinderung wohl.

Hoch motiviert

Dass die Schneverdinger großes Interesse daran haben, ihre Kommune lebenswert für alle zu gestalten, beweisen die Nachfragen, die seit dem Forum bei den Koordinatoren und im Rathaus eingehen. Wann es denn nun losgehe, wollen die Leute wissen. Da zeigt sich, dass es in Schneverdingen doch ein Problem mit Kommune Inklusiv gibt: Intensive Bürgerbeteiligung und die im Rahmen der Initiative vorgesehenen Abläufe passen nicht immer gut zusammen.

"Kommune Inklusiv ist ja so angelegt, dass die Abläufe in allen Modellkommunen vergleichbar sind und die Vorbereitung viel Raum einnimmt", schildert Gerhard Suder. "Es sollen ja gut durchdachte und nachhaltige Strukturen entstehen, die weit über das Ende der Initiative hinaus tragen." Den Schneverdingern sei die lange Vorlaufzeit aber schwer zu vermitteln. "Die wollen die Ärmel hochkrempeln und loslegen."


Dieser Beitrag ist in Ausgabe 2 / 2017 von Menschen - Inklusiv leben erschienen.