Die Kümmerer

Die Menschen, die Straßen, die Viertel machen eine Stadt zur Stadt. Quartiermanager kümmern sich im Auftrag der Verwaltung um den sozialen Zusammenhalt in einem Stadtteil. Ein Arbeitsbesuch bei Stadt-Werkern in Hamburg, Chemnitz und Lindlar.

Text und Fotos: Timour Chafik

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Nathan Arileshere im Gespräch mit einem Polizisten

Nathan Arileshere im Gespräch mit einem Polizeibeamten.

Nathan Arileshere, Hamburg-Bahrenfeld

"Ich bin jemand, der den Menschen zuhört und sie miteinander vernetzt. Ja, ich bin Vernetzer, bin Ansprechpartner. Dazu muss ich immer unterwegs sein. Im Allgemeinen hat Stadtentwicklung viel mit Wohnfeldentwicklung zu tun, mit Parkplätzen und ansprechender Weihnachtsbeleuchtung. Hier in Bahrenfeld ist es aber eher das Zusammenspiel zwischen Geflüchteten und Ehrenamtlichen, zwischen Bewohnern, Initiativen und Vereinen. Die soziale Infrastruktur steht für mich und für das Viertel im Vordergrund.

Bahrenfeld hat jede Menge Gutverdiener, aber auch viele, die am Existenzminimum leben. Es ist ein gegensätzlicher Stadtteil, der aber offen ist, der sich gestalten lässt und der andere an der Gestaltung teilhaben lässt. 2015 hatten wir 30.000 Einwohner, auf die noch einmal 6.000 Geflüchtete kamen. Heute sind es knapp 4.000 Geflüchtete. Egal, wie viele es auch sein mögen: Entscheidend ist, wie wir zusammenleben. Und das ist das Schöne an meiner Arbeit und an Bahrenfeld: Es ist ein Stadtteil, in dem integriert statt getrennt wird, in dem Inklusion tagtäglich stattfindet."

Quartiersmanagement Soziale Stadt

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat die Aufgabenfelder des Quartiersmanagements zusammen mit praktischen Hinweisen für die Umsetzung in einer Broschüre zusammengefasst.

Annett Illert vor Graffitiwand

Annett Illert

Annett Illert, Chemnitz Mitte-West

"Als Netzwerkerin und Koordinatorin in Chemnitz Mitte-West bewege ich mich zwischen zahlreichen Vereinen, Initiativen und Stadtteilakteuren. Ich bin auch die Verbindung zum Bürger, ob er jetzt Bewohner oder Gewerbetreibender ist. Natürlich ist das ein Spannungsfeld, weil die unterschiedlichsten Handlungsfelder miteinander verknüpft werden müssen: Soziales und Bauen, Gesundheit und Wirtschaftsförderung, Wissenschaft und Monitoring. Ich mache das seit 17 Jahren mit viel Freude. Weil ich die Interessen von Menschen vertreten kann, die niemand mehr hört – weil sie nicht in der Lage sind, selbst zu sprechen oder ihre Interessen zu artikulieren. Was das für Menschen sind? Im Verhältnis zur Gesamtstadt Chemnitz sind wir ein junges Quartier. Hier wohnen viele Familien mit Kindern. Aber es sind auch Familien, denen es besser gehen könnte, die in einer Bedarfsgemeinschaft leben und Transferleistungen brauchen. Im Quartier Mitte-West beziehen ein Viertel der Bewohner Arbeitslosengeld I oder II. Um diese Menschen wollen wir uns ebenfalls im Bürgerzentrum der Neuen Arbeit Chemnitz e. V. kümmern. Wir wollen sie mitnehmen und beteiligen."

Christoph Ronecker beim Autofahren

Christoph Ronecker

Christoph Ronecker, Lindlar

"Mobilität und Alleinsein sind zwei unserer Kernthemen hier in Lindlar, einer Stadt im Oberbergischen Kreis mit rund 22.000 Einwohnern. Wie in anderen ländlichen Räumen nimmt auch hier der Anteil älterer und hochaltriger Menschen zu – ein demografischer Wandel, der von Symptomen wie Fachkräftemangel, Pflegenotstand oder auch einem eingeschränkten öffentlichen Personennahverkehr begleitet wird. Viele ältere Menschen fühlen sich einsam und gehen sogar aus diesem Grund ins Altenheim. Eine erfolgreiche Quartiersentwicklung verhindert das, indem sie soziale Netzwerke knüpft, damit die Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Das heißt für meine Arbeit, dass ich lebendige Nachbarschaften initiieren und das Füreinander stärken möchte. Das kann so konkret und greifbar sein wie unser Projekt Lindlar Mobil, kurz: Limo. Das ist ein ehrenamtlicher Fahrdienst für ältere Mitbürger mit inzwischen 20 Fahrerinnen und Fahrern. Das Tolle dabei: Weil wir extrem gut untereinander vernetzt sind, kriegen wir dank Limo auch mit, wenn die Nutzer noch anderen Unterstützungsbedarf haben."


Dieser Beitrag ist in Ausgabe 1/2017 von Magazin "Menschen. Inklusiv leben"  erschienen.