Die Botschafterin

ältere Frau aus Somalia mit Kopftuch und karriertem Hemd

Lul Autenrieb ist Inklusionsbotschafterin der Interessengemeinschaft Selbstbestimmt Leben, ehrenamtliche Integrationslotsin und Gründerin des Internationalen Frauen- und Familien-Forums in Bonn.

Seit vielen Jahren begleite ich Menschen mit Behinderung, Migrationshintergrund und Gewalterfahrung. In dieser Zeit habe ich viele Frauen kennengelernt, die Hilfe brauchten. Diese Begegnungen haben mich inspiriert, ein zentrales Forum in Bonn-Tannenbusch zu gründen, in dem die Frauen über ihre Probleme und Ängste sprechen und sich in schwierigen Lebenslagen unterstützen können.

Auch meine eigenen Erfahrungen haben mich dazu bewogen. Ich wurde in Somalia geboren, mit sechs Jahren beschnitten und mit 17 zwangsverheiratet. In der Ehe durchlebte ich geistige, aber vor allem körperliche Qualen. Mit der Folge, dass ich heute im Rollstuhl sitze. Jahrelang konnte ich über all das nicht sprechen. Irgendwann merkte ich aber, dass ich das Schweigen brechen muss, um Kraft zu schöpfen. Genau dieser Philosophie folgt auch das Internationale Frauen- und Familienforum in Tannenbusch.

Wir sprechen im Forum nicht nur über persönliche Schwierigkeiten. Genauso oft diskutieren wir Themen wie Familie, Gesundheit, Bildung oder die aktuelle Politik. Deshalb ist das Forum für alle geöffnet – auch für Männer. Wenn man Gehör findet, lässt sich vieles verbessern. So habe ich die Frauen im Forum für die Themen Gewalt und Genitalverstümmelung sensibilisieren können. Am Anfang war meine Offenheit zwar komisch für sie, aber dadurch sind sie selbst viel offener geworden.

Seit seiner Gründung im Jahr 2015 ist das Forum sehr gut in Tannenbusch angenommen worden. Die Struktur vor Ort hat viel mit diesem Erfolg zu tun: Unser Stadtteil ist ein bunter und lebendiger Blumenstrauß mit vielen Geschichten und Schicksalen. Außerdem lebt hier ein Großteil unserer Teilnehmerinnen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Für unser Forum sind kurze Wege sehr wichtig: Auch außerhalb unserer Treffen muss es die Möglichkeit zur Begegnung geben. So haben sich viele Nachbarn kennengelernt und sind zu Freunden geworden. Es macht mich glücklich, zu sehen, dass der Stadtteil enger zusammengerückt ist. Gleichzeitig sorgt das dafür, dass zu unseren Treffen immer mehr Menschen kommen. Wer Lust hat, bei uns mitzumachen, kann einfach vorbeikommen.

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