Sieben Dinge, auf die es in einer inklusiven Gesellschaft ankommt

Impulsvortrag von Dr. Daniel Dettling, Zukunftsinstitut Frankfurt: „Vorteil Vielfalt: Die Prinzipien einer inklusiven Gesellschaft“ im Rahmen des Expertenaustausches am 17.09.2019 in Bonn

Das Ziel einer inklusiven Gesellschaft ist Teilhabe für alle. Um die zu erreichen, muss man nicht die Menschen verändern, sondern die Umgebung. Die gute Nachricht dabei: Wir hatten noch nie so gute Werkzeuge wie heute, um diese Veränderungen möglich zu machen.

Die Welt verändert sich schnell; dadurch fühlen sich viele Menschen überfordert. Natürlich haben sie Hoffnungen, was ihre Arbeit, Bildung, Wohnung oder auch ihre Freizeit betrifft. Aber es gibt auch viel Unsicherheit, eine Wahrnehmung, die durch die Sozialen Medien verstärkt wird. Und insgesamt haben viele das Gefühl, dass alles immer schlechter wird.

In der Hirnforschung gibt es erste Antworten darauf, woher diese Einschätzung kommt: Das Gefühl der Angst entsteht im Stammhirn. Eigentlich ist es gut für uns, denn sonst würden wir Gefahren nicht erkennen. So macht uns aber alles Fremde erst einmal Angst, und das wirkt sich darauf aus, wie wir Informationen im Gehirn speichern. „Früher war alles besser“ – das sind Einschätzungen, die dadurch entstehen. Denn das, was früher war, kennen wir jetzt. Und das Unbekannte, das vor uns liegt, macht uns Angst. Unser skeptischer Blick auf die Zukunft ist also einerseits gut zu erklären. Andererseits ist er irrational, da ja nicht alles in der Zukunft schlecht sein kann.

Wird der soziale Zusammenhalt schwächer?

Umfragen zeigen, dass Menschen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren die Gesellschaft zunehmend als aggressiv und rau wahrnehmen. Sie finden, dass der soziale Zusammenhalt immer schlechter wird. Es gibt aber auch Zahlen, die dagegen sprechen: Denn noch nie waren so viele Menschen sozial engagiert wie gerade jetzt. Einen ähnlichen Widerspruch gibt es, wenn man befürchtete und tatsächliche Todesursachen betrachtet: Viele haben Angst vor islamistischen Terroranschlägen. Tatsächlich stirbt daran aber weltweit nur einer von etwa zwei Millionen Menschen. Mit Herzerkrankungen oder Krebs muss hingegen jeder siebte im Laufe seines Lebens rechnen. Auch hier zeigt sich: Das Unwahrscheinliche, Unbekannte macht uns viel mehr Angst als das, wovon wir fast täglich hören. Die Zukunftsforschung kümmert sich daher nicht so sehr um das, was aus der Vergangenheit fest in unseren Köpfen verankert ist. Sie schaut lieber ganz frei nach vorne.

Impulsvortrag von Dr. Daniel Dettling, Politikexperte und Zukunftsforscher

Produktive Störungen

Zeichnung: Zwei Pfeile mit Text Trend und Gegentrend

Fortschritt verläuft nicht linear, sondern ist immer auch das Ergebnis von Störungen, die oft produktiv und kreativ wirken. Nimmt man zum Beispiel die Globalisierung als aktuellen Megatrend, könnte man Nationalismus und Populismus als Gegentrend dazu sehen. Im Störfeld zwischen diesen beiden Bewegungen engagieren sich Menschen, gehen auf die Straße und rufen tolle Projekte ins Leben. Sie werten ihre Kommunen, die lokalen Räume auf und lassen eine Bewegung entstehen, die man neudeutsch „Glokalisierung“ nennen könnte. Noch ein Beispiel: Viele Geflüchtete oder auch Menschen mit Behinderung stehen am Rande der Gesellschaft. Die Debatten um ihre Integration verängstigt viele Bürger*innen. Sie sorgen sich darum, dass Parallelgesellschaften entstehen. Dadurch kommt es zur Gegenströmung, der Exklusion, also dem Ausschluss. Es fehlt etwas Drittes, das beide Strömungen in sich vereint: Das ist die Inklusion, bei der keiner außen steht, sondern alle zu einer neuen Gesellschaft verschmelzen. Aus der jetzt noch bestehenden Störung – auch in Bezug auf Menschen mit Behinderung oder mit einer anderen sexuellen Orientierung – kann also die neue inklusive Gesellschaft entstehen. Voraussetzung dafür ist, dass diese Gesellschaft Barrieren abbaut, und zwar nicht nur in Form von Rampen und Aufzügen, sondern auch in den Köpfen. Denn dort entscheidet sich, ob in Zukunft alle Menschen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können.

Dieses Leitbild einer umfassenden Inklusion ist in Deutschland noch relativ neu. Auch wenn schon vor zehn Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet wurde. Sieben Grundsätze helfen dabei, diese Gesellschaft zu erreichen und sie widerstandsfähig zu machen:

1. Resonanz

In seinem Buch „Resonanz“ beschreibt der Soziologe Hartmut Rosa die Beschleunigung der sozialen Welt als Wesenskern moderner Gesellschaften. Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit wächst und die Menschen vermissen den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Resonanz, also sich aufeinander zu beziehen, zum Beispiel in ganz konkreten Begegnungen vor Ort, ist die Antwort von Hartmut Rosa auf dieses Problem. So könne man in der Gesellschaft wieder gemeinsame Perspektiven entwickeln, zum Beispiel die der Inklusion. Der Raum für diese Veränderung ist die demokratische Bürgergesellschaft.

2. Selbstwirksamkeit

Wenn eine Gesellschaft resonant wird, sich also die Leute in ihr aufeinander beziehen, wird sie gleichzeitig auch selbstwirksam. Die Menschen haben das Gefühl, dass es auf sie ganz speziell ankommt. Leider gibt es im Moment eher eine Bewegung in die andere Richtung: Dass nämlich der einzelne den Eindruck hat, er könne sowieso nichts ändern, bei Wahlen oder auch in seinem persönlichen Umfeld in Schule, Arbeit, Freizeit oder Politik. Ein Mangel an Selbstwirksamkeit kann zu Sucht, Krankheit und Kriminalität führen. Wir haben einen größer werdenden Mangel an  Selbstwirksamkeit in allen Institutionen, dies führt zum Beispiel  dazu, dass extremistischere Parteien gewählt werden.

3. Konnektivität

Auch das Prinzip der Konnektivität kann dabei helfen, Sozialräume inklusiver zu machen. Es drückt aus, dass sich die Gesellschaft immer mehr vernetzt. Zugespitzt könnte man sagen: „Das Konnektiv löst das Kollektiv ab.“ Die Vernetzung tritt an die Stelle der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen. So gehen früher klar getrennten Bereiche ineinander über: Arbeit und Privates, Freunde und Familie, digital und analog. Vernetzung wird zum neuen Grundprinzip des Lebens. Dabei wird Digitalisierung zu einem wichtigen Werkzeug für die Überwindung von Barrieren. Sie verbindet Menschen und wertet damit soziale Zusammenhänge wieder auf. In so genannten „dritten Räumen“ können Menschen sich begegnen, weil Arbeit durch die Digitalisierung zunehmend flexibel wird. So kann man beispielsweise an der Bushaltestelle oder im Straßencafé arbeiten – und gleichzeitig auf sozialer Ebene mit seiner Umgebung in Kontakt treten. Mit jeder technischen Revolution ging immer auch eine gesellschaftliche Revolution einher. Wir sind mittendrin in dieser Entwicklung.

4. Kollaboration

Der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin hat 2007 geschrieben: „Im kommenden Zeitalter treten Netzwerke an die Stelle der Märkte, und aus dem Streben nach Eigentum wird Streben nach Zugang.“ (in seinem Buch Das Verschwinden des Eigentums). Geld spielt in der sogenannten Sharing Economy eine kleinere Rolle als zum Beispiel Wissen oder Kreativität. Denn wenn ungenutzte Ressourcen gemeinsam genutzt werden sollen, kann es dabei natürlich auch um Zeit, Talent, Wissen oder Zuwendung gehen. Im Gesundheitsmarkt lässt sich das gut beobachten: Der erste (Staat) und zweite (Fitness-Studios, Apps etc.) Gesundheitsmarkt haben zwar Zuwachsraten. Die sind aber gegen die des dritten Gesundheitsmarktes ziemlich gering: Da nämlich geht es um Peer-to-Peer-Groups, Ratgeber und Ähnliches. Dieser Markt ist die neue Form der sozialen Teilhabe und wird in großen Teilen digital verbreitet.

Schaubild mit Text: Teilhabe-Ökonomie. Das CO-Prinzip

5. Ko-Kreation 

Besonders in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Bildung und Mobilität geht es im Moment darum, gemeinsam Visionen und Räume zu entwickeln. Dieses so genannte Co-Prinzip wird ganz plastisch im Nachbarschafts-Netzwerk „nebenan.de“ gelebt: Hier verabredet man sich online zum Arbeiten, Gärtnern oder für andere Aktionen – und verändert damit konkret den Sozialraum in der eigenen Umgebung. Das Netzwerk hat schon viele Angebote großer Investoren abgelehnt und möchte sich lieber weiter durch Zuwendungen von lokalen Unternehmen finanzieren. Im Co-Working-Space treffen sich Menschen zum Arbeiten. Das vermeidet nicht nur das Pendeln, sondern sorgt auch für vitale Innenstädte und Dorfkerne.

Drei Menschen mit dem Textzusatz "Die Vision: Jeder Mensch hat ein Talent".

6. Das neue Wir

Die Verbindung von Individualität und Vernetzung ist wichtig für die Gesellschaft. So braucht eine inklusive Gesellschaft selbstbewusste „Ichs“. Nur so kann ein besseres „Wir“ entstehen. Es ist längst erwiesen, dass homogene Gruppen besonders unkreativ sind. Wenn alle die gleiche Meinung und Erfahrung haben, können Ideen sich nicht weiter entwickeln. Daher sollten wir nicht immer nur darüber nachdenken, was jemand nicht kann. Denn jeder Mensch hat ein Talent. In vielen kreativen Zusammenhängen ist das Besondere und das Verrückte das neue „normal“. Nur so kann es neue Ideen geben. Individuum und Gemeinschaft stehen sich so gegenüber und brauchen sich gegenseitig. Nur mit dem neu gefundenen WIR wird unsere Gesellschaft zukunftsfähig.

Schaubild mit Text

7. Kommunikation

Eine inklusive Gesellschaft führt zu mehr Wirtschaftswachstum, Wertschöpfung und Kreativität – und damit zu einer höheren Lebenszufriedenheit für jeden einzelnen. Das lässt sich messen. Die politische Entscheidung für Inklusion muss zuerst in den Kommunen passieren. Die Inklusionsgesellschaft hat drei Dimensionen: nämlich in der Innenpolitik, der Wirtschafts- und der Gesellschaftspolitik. Die Menschen wollen in einer weltoffenen Gesellschaft leben, möchten in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen möglichst wenig bevormundet werden, aber sie brauchen auch Ordnung und Sicherheit sowie klare Spielregeln. Um diese Ziele zu erreichen, müssen sich die einzelnen Mitglieder der Bürgerdemokratie in Entscheidungen einbringen, um so gemeinsame Prozesse in Gang zu bringen. Auch das geschieht am besten vor Ort in den Kommunen und Sozialräumen. Zivilgesellschaft, Staat, Wirtschaft und das Individuum bilden auf diese Weise eine wichtige Schnittmenge. So kommt es zur neuen Solidarität 4.0 die auf Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung basiert. Hartmut Rosa zufolge ist Zugehörigkeit das wichtigste Gefühl. Beides hängt eng zusammen, denn Solidarität braucht Subsidiarität: Jedes Individuum muss seine persönlichen Talente entfalten können, um gesellschaftlich ein Gefühl der Solidarität zu erzeugen. Dafür braucht es die kleinen Räume jenseits von Staat und Markt, in denen Begegnung und Engagement möglich wird: Vereine, Initiativen, Genossenschaften zum Beispiel. Um in diese Bereiche hineinzuwirken, ist Kommunikation besonders wichtig.

Wir brauchen einen ressortübergreifenden Pakt für Inklusion, kommunal, aber auch auf Bundesebene. Denn nur in einer inklusiven Gesellschaft können wir angemessen über Inklusion streiten, und „Streitkultur ist die beste Leitkultur“. Inklusion kann nur entstehen, wenn Beziehungen gelingen. So bedingen sie sich gegenseitig. Früher war nicht alles besser, nur anders. Die Zukunft liegt vor uns, und wir haben alle Möglichkeiten, sie zu verändern.