„Die ganze Gesellschaft schützen“

Adriano Mannino ist Philosoph und Sozialunternehmer. Er leitet das Solon Center for Policy Innovation der Parmenides Stiftung in Pullach bei München. Nikil Mukerji ist Philosoph und Ökonom sowie Geschäftsführer des Studiengangs Philosophie Politik Wirtschaft an der Universität München. Beide sind Mitglieder einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die Strategien zum Umgang mit der Covid-19-Pandemie und anderen Katastrophenrisiken entwickelt.

Porträt eines Mannes

Nikil Mukerji

Ein Virus kennt keine Fairness und diskriminiert auf seine Weise. So wissen wir über das Coronavirus bisher, dass die Risikoverteilung eher asymmetrisch ist: Ältere und Vorerkrankte sind durchschnittlich häufiger von schweren Verläufen ­betroffen. Zusätzlich geht man inzwischen aber davon aus, dass auch milde Verläufe seelische und körperliche Langzeitfolgen wie chronische  Erschöpfung oder Depressionen auslösen können, bei alten ebenso wie bei jungen Menschen.

Ziel muss es also sein, möglichst die ganze Gesellschaft vor der Infektion zu schützen. Mit einem philosophisch orientierten Blick aufs Ganze plädieren wir deshalb für eine Strategie zur Risikoprävention, die wir Cocooning Plus nennen. Darunter verstehen wir zuallererst die konsequente Eindämmung der Virusausbreitung in der Gesamtbevölkerung durch Maßnahmen wie eine Maskenpflicht, verbindliches Abstandhalten und Kontaktbeschränkungen – ergänzt durch den besonderen Schutz von Risikogruppen wie Älteren und Vorerkrankten über freiwillige Abschirmungsangebote. Die Services, die wir uns darunter vorstellen, so etwa die Zuteilung von FFP2-Masken oder eine staatlich bereitgestellte Unterstützung beim Einkaufen, sind auch dazu gedacht, die Freiheit der Risikogruppen angesichts der Gefahrensituation zu erhöhen.

Adriano Mannino (l.) und Nikil Mukerji

Adriano Mannino

Pflicht, zu Hause zu bleiben

Sollte es trotzdem zu einer Krisensituation kommen, in der die Überlastung des Gesundheitssystems droht, halten wir es für legitim, Gruppen mit einem hohen Risiko für schwere Krankheitsverläufe dazu zu verpflichten, für einen bestimmten Zeitraum zu Hause zu bleiben, um sich selbst und damit indirekt auch andere zu schützen.

Es geht uns dabei nicht um eine selektive Maßnahme: Zwang würde in einer solchen Krisensituation ja nicht nur diejenigen treffen, die man einer Risikogruppe zuordnen kann, sondern alle – die Arbeitenden, die nicht mehr ins Büro können, die Kinder, die nicht mehr in die Schule oder in die Kita dürfen, die Eltern, die Homeschooling machen müssen. Jeder und jede hat dann eine Solidaritätspflicht und ist aufgerufen, im Angesicht der Katastrophe beizutragen, was jeweils möglich ist. Erstes Ziel muss aber immer bleiben, solche Grenzsituationen durch gemeinsame Eindämmungsmaßnahmen zu vermeiden.
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Aufgeschrieben von Sarah Schelp

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