Gemeinschaft im Klassenrat lernen

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Schüler in einer Klasse melden sich.

Klassenzusammenhalt durch regelmäßige Treffen und Gespräche

Probleme löst man am besten, indem man darüber spricht, und zwar in der Gruppe. Das ist das Prinzip des Klassenrates, der mittlerweile in vielen Schulen fester Bestandteil des Schulkonzepts ist. Schüler und Lehrer treffen sich regelmäßig, um aktuelle Probleme und Konflikte zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Dr. Reinhard Stähling, Schulleiter der inklusiven Grundschule Berg Fidel in Münster, gibt Einblicke in diese Methode.

Das Konzept des Klassenrates existiert schon sehr lange. Als reformpädagogisches Modell wurde es um 1920 entwickelt. Der Klassenrat hat primär die Funktion, Probleme unter den Schülern zu lösen und dabei Konflikte oder Herausforderungen offen anzugehen. Es ist wichtig, dass jedes Kind aus der Klasse am Klassenrat teilnimmt. Denn um Konflikte nachhaltig zu lösen, muss die ganze Klasse beteiligt sein. Konflikte im Klassenverbund entstehen nie nur zwischen zwei Kindern. Wenn sich zwei Kinder streiten, dann hat meist ein Dritter mitgehört, ein Vierter ist indirekt beteiligt und weitere heizen möglicherweise das Problem an. Das bedeutet: die gesamte Gruppe muss zusammenarbeiten, um zu einer Lösung zu kommen.

Probleme greifbar machen

Es ist wichtig, dass Pädagogen und Schüler hierbei den Überblick behalten. Dabei kann ein Klassenratbuch helfen, erklärt Reinhard Stähling: „Der Klassenrat funktioniert bei uns über ein Klassenratbuch. Kinder, die Probleme haben, schreiben dort im Laufe der Woche etwas rein. Einmal in der Woche gibt es dann einen festen Termin, an dem die ganze Klasse zusammensitzt und in das Buch guckt. Dort steht dann mit Namen und Datum notiert, was es für einen Vorfall gab, über den geredet werden soll.“

Auf Grundlage dieser Einträge tagt der Klassenrat, dabei gibt es in Reinhard Stählings Schule ein festes Vorgehen: „Zuerst hat der das Wort, der ins Buch geschrieben hat. Also der, der ein Problem hat. Er trägt vor, und die anderen hören erst einmal alle zu. Auch derjenige, der angesprochen wird. Danach hat dann der, der angesprochen wurde, der Konflikt-Partner, das Wort. Er darf auch so lange reden, wie er möchte und alles richtig stellen und erläutern aus seiner Sicht.“

Das Klassenratbuch

Ein petrolfarbenes Recheck mit dem weißen Symbol eines Buches.
  • vorhandene Probleme werden von den Schülern selbst regelmäßig in das Buch eingetragen
  • an einem festen Tag kommen Schüler und Pädagogen zusammen und sprechen darüber
  • zunächst sprechen die Schüler, die in das Buch eingetragen haben, danach ergibt sich ein Dialog mit den Konfliktpartnern
  • verschiedene Perspektiven werden vorgestellt und helfen den Schülern dabei, Lösungsansätze zu finden und für künftige Konflikte dazu zu lernen.

Rollen im Klassenrat

Ein petrolfarbenes Rechteck mit einem weißen Symbol, auf dem drei stilisierte Personen abgebildet sind.

Im Klassenrat übernehmen alle Schüler bestimmte Rollen, die wichtig für den Verlauf und den Erfolg der Sitzungen sind:

Der Vorsitzende führt die Tagesordnung und ist gleichzeitig Leiter der Diskussion. Er bemüht sich darum, dass die Sitzung zu Ergebnissen führt.

Ein Regelwächter beobachtet die Sitzung genau und weist darauf hin, wenn Regeln verletzt werden.

Der Protokollant schreibt alle wichtigen Beschlüsse auf, die in der Sitzung gefasst werden.

Mit Blick auf die Uhr achtet ein Zeitwächter darauf, dass alle Punkte der Tagesordnung besprochen werden können.

Ratsmitglieder beteiligen sich aktiv an der Sitzung, bringen ihre Sichtweisen ein und tragen dazu bei, dass Lösungen gefunden werden.

Schüler im Dialog

Wenn die Schüler über bestehende Konflikte sprechen, können auch schon mal unterschiedliche Perspektiven aufeinanderprallen: „Aber im Allgemeinen wird zwischen den Konfliktpartnern sehr schnell klar, dass sie das jeweils gar nicht so verstanden hatten. Einer der wichtigsten Lerneffekte ist dann, wenn Kinder merken: Es ist nicht schlimm: Wir können Fehler machen. Wir können sogar auch Schuld auf uns laden. Wir können uns aber entschuldigen – und das ist das Allerwichtigste“, erklärt Stähling.

Dabei machen die Schüler auch eine wichtige Entwicklung durch, die Reinhard Stähling immer wieder beobachtet: „Wenn ein Schüler nach einiger Zeit merkt: Dem anderen hat das richtig weh getan, was ich getan habe, den habe ich mit meinen Worten oder meinem Verhalten verletzt. Dann möchte er sich eigentlich auch entschuldigen. Ihm dann die Gelegenheit geben, das auszusprechen, das ist der größte Effekt."

Deshalb spielt die Gruppe für die Konfliktlösung eine zentrale Rolle. Denn wenn die anderen bei einem Problem noch beteiligt sind und über ähnliche Erfahrungen, zum Beispiel mit einem Geschwisterteil, berichten, entlastet das alle.

Austausch im Klassenrat

Auch der Lernklassenrat ist eine Besprechungsrunde, an dem die ganze Klasse teilnimmt. Hierbei geht es darum, dass Pädagogen und Schüler besprechen, was sie gelernt haben. Durch offene Gespräche über bereits Gelerntes und Möglichkeiten, noch besser zu lernen, wird der Unterricht kontinuierlich optimiert. Dieser Kreis kann je nach Bedarf täglich stattfinden, zum Beispiel am Ende der freien Arbeit.

Im Lernklassenrat geht es um Fragen wie: Was brauche ich, um mich besser konzentrieren zu können? Wann nehme ich mir eine Pause, wenn ich sie brauche? Darf ich mir einfach so eine Pause nehmen oder muss ich vorher fragen? Daneben gibt es auch Gespräche zu Störungen, zum Beispiel, wenn ein Kind merkt, dass es immer vom Sitznachbarn abgelenkt wird. Dann wird besprochen, wie das behoben werden kann und was künftig geändert werden muss.

Aus Reinhard Stählings Sicht bietet der Klassenrat eine besondere Chance für inklusives Lernen: „Wenn Kinder zusammen lernen und leben, wird es immer Konflikte geben. Diese sollte man nie unter den Tisch fallen lassen. Sie müssen besprochen werden, und zwar mit allen aus der Klasse. Keiner sollte fehlen."

Ein Porträtfoto des Schulleiters Dr. Reinhard Stähling.

Dr. Reinhard Stähling ist Schulleiter der inklusiven Grundschule Berg Fidel in Münster, die eine Gemeinschaftsschule mit altersgemischten Lerngruppen war und unter anderem durch den Dokumentarfilm „Berg Fidel – eine Schule für alle“ bekannt wurde. Unter Stählings Leitung wurde die Schule 2014 zu einer Primus-Schule erweitert. Stähling ist Autor und Co-Autor vieler Bücher zum Thema Inklusion.

Neben dem Klassenrat gibt es noch weitere Möglichkeiten, um das Miteinander in Inklusionsklassen zu fördern. Reinhard Stähling nennt einige Beispiele:

Streitschlichter

„Bei uns gibt es in jeder Klasse einen Schülerpolizisten. Schülerpolizisten helfen mit, wenn ein Streit zu schlichten ist. Sie kommen einmal im Monat mit mir als Schulleiter zusammen und berichten über ihre Probleme. Dabei stärke ich ihre Rolle auf dem Schulhof. In Gesprächen und Rollenspielen lernen sie, wie sie sich in Krisensituationen verhalten sollen."

Ältere Kinder teilen Erfahrungen

„Dieser Erfahrungsaustausch geschieht in altersgemischten Gruppen. Ältere sprechen mit Jüngeren zum Beispiel über Themen wie Berufsorientierung oder Inklusion. Die Jüngeren lernen über den Transfer, raus aus dem Nest zu schauen. Sie hören, was andere machen und sagen.“

Schülervertreter

„Dafür werden Oberstufenschüler oder ältere Schüler speziell ausgebildet. Sie sitzen dann zum Beispiel in Beratungsrunden mit Lehrern und vertreten die Schülerperspektive. Das finde ich super! Wir würden es eventuell schon mit Schülern machen, die in Klasse acht sind.“

Kinder beraten Kinder

„Das gehört zu jedem Klassenrat dazu. Wenn sich zum Beispiel zwei Freundinnen kurz absprechen wollen, weil sie sich wieder vertragen wollen, dann geht manchmal ein anderes Kind mit und unterstützt beim Gespräch. Das können Kinder lernen.“

Freie Arbeit jeden Morgen

„Wichtig ist, dass jedes Kind morgens erst einmal ankommen kann, bevor es an die Arbeit geht. Bei der freien Arbeit startet jedes Kind in seinem eigenen Tempo, aber alle arbeiten meist am selben Thema. Der Tag beginnt ohne Druck und Stress."

Austausch im Team

„Jede Klasse hat bei uns ein festes Team. Die Kollegen im Team müssen ihre Arbeit miteinander absprechen. Das ist sehr wichtig. Dazu gibt es bei uns Teamsitzungen in jeder Woche.“
 

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