Gutes Beispiel für digital-inklusive Bildung:
Offene Tür (OT) Ohmstraße

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Blick auf ein Gebäude mit Flachdach. Im Vordergrund sind Klettergeräte und ein Trampolin zu sehen. Am Gebäude hängt ein  Schild mit der Aufschrift "inklusive OT Ohmstraße"

Als sie die Potenziale digitaler Medien für inklusive Gruppen kennengelernt hatte, war für Bianca Rilinger klar: Auch ihre Einrichtung, die inklusive Offene Tür (OT) Ohmstraße in Köln, muss digital werden! Wie sie es geschafft hat, das Thema nachhaltig in ihrer Jugendeinrichtung zu verankern und warum externes Coaching ein essenzieller Bestandteil des Prozesses war, berichtet sie im Interview.

Frau Rilinger, warum war es für Sie wichtig, digitale Medienarbeit in der inklusiven Offenen Tür (OT) Ohmstraße voranzutreiben?

Ich sehe digitale Medien gerade im inklusiven Bereich als große Chance! Zum Beispiel in Projekten, in denen sich Jugendliche etwas gemeinsam erarbeiten: Wenn ich etwa nur Schrifttext verwende, dann exkludiere ich automatisch einige der Teilnehmenden mit Behinderung, die gegebenenfalls weder lesen noch schreiben können. Wenn ich ihnen aber ein iPad in die Hand gebe, ihnen die Technik erkläre und unterstützend dabei bin, kann ich einfach über das Tablet eine Vorlese-Funktion einschalten. Das heißt: Die, die lesen können, können den Text lesen. Die, die nicht lesen können, können ihn sich vorlesen lassen. Das ist eine große Chance. Allerdings muss man das erst einmal wissen und man muss den Willen haben, sich mit Technik auseinanderzusetzen. Ein anderes Beispiel sind die diversen kostenfreien Video-Apps, in denen bereits eine Untertitel-Funktion enthalten ist. Das ist einfach gigantisch, weil es sofort Teilhabe ermöglicht. 

Was waren Ihre ersten Schritte zu einer digitalen, inklusiven Jugendarbeit in Ihrer Einrichtung?

2012 haben wir uns zusammengesetzt und festgestellt: Okay, Digitalisierung ist schon in aller Munde. Wir können uns als offene Kinder- und Jugendeinrichtung mit dem Schwerpunkt Inklusion diesem Thema nicht verwehren und müssen Wege finden, wie wir medienpädagogische Arbeit inklusiv gestalten können. 

Gemeinsam mit einer Medienpädagogin haben wir ein Projekt konzipiert, Förderung bei der Aktion Mensch und bei einer weiteren Förderinstitution beantragt und haben glücklicherweise ein Pilotprojekt für drei Jahre bewilligt bekommen. Dann sind wir ganz schnell mit der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG LM) Lokale Medienarbeit zusammengekommen. Die haben uns unterstützt, Workshops angeboten, uns gecoacht und begleitet. 

Dann haben wir peu à peu unsere Medienarbeit aufgebaut. Das fing an mit wöchentlichen Angeboten für ganz kleine Gruppen. Irgendwann ging es über in den offenen Bereich mit täglichen Angeboten für Computer-Führerscheine. Schließlich haben wir uns als pädagogisch Mitarbeitende gegenseitig gecoacht.
Bianca Rilinger, eine junge Frau mit kurzen Haaren und Brille.

Bianca Rilinger

... arbeitet seit 2004 in der OT Ohmstraße. 2013 hat die gelernte Heil- und Inklusionspädagogin dort die Leitung übernommen. Seitdem setzt sie sich dafür ein, dass die inklusive Medienarbeit in der OT Ohmstraße ständig ausgebaut wird. In ihren eigenen Workshops setzt sie am liebsten auf kreative Arbeit am Tablet. Als Inklusions-Scout des Netzwerks Inklusion mit Medien berät sie auch andere Organisationen zu inklusiver, digitaler Jugendarbeit.

Was waren Schlüsselmomente auf dem Weg?

Ein ganz wichtiger Schlüsselmoment war das Ende der ersten Projektförderung, als die Kollegin, die das Projekt geleitet hatte, nicht mehr da war. Mir war klar: Die medienpädagogische Arbeit ist ein großer Mehrwert für die OT Ohmstraße. Also muss ich mich als Leiterin der Einrichtung weiterbilden, damit das Thema nachhaltig verankert werden kann. Und ich muss dafür sorgen, dass wir immer wieder kontinuierlich Projekte beantragen. Außerdem muss das Thema integraler Bestandteil unserer täglichen Arbeit werden. In Bezug auf digitale Medien habe ich früher immer gedacht: „Das sollen besser die machen, die das können.“ Aber dann habe ich auch selbst an Fortbildungen und Weiterbildungen teilgenommen – alles bei dem Projekt nimm! Netzwerk Inklusion mit Medien der LAG lokale Medienarbeit. Gerade die praktisch orientierten Fortbildungen dort waren sehr hilfreich: Bei jedem Workshop habe ich mindestens 15 unterschiedliche Methoden kennengelernt, konnte direkt Dinge selbst austesten und schauen, was mir liegt und Spaß macht und was ich mit meinen Jugendlichen ausprobieren könnte. Das war für mich das A und O: in den Genuss zu kommen, selbst etwas ausprobieren zu können.

Hey, das ist gar nicht so schwierig. Ihr braucht einfach nur den Anschalt-Knopf zu drücken und dann geht es los!

Bianca Rilinger, Leiterin OT Ohmstraße

Wie genau lief denn die Begleitung durch die LAG lokale Medienarbeit ab?

Beim Coaching kamen die Projektverantwortlichen des nimm! Projekts entweder zu uns in die Einrichtung oder wir sind in eine andere Einrichtung gefahren, die medienpädagogisch arbeitet. Die Projektleitung hat dann mit uns in einer kleinen Gruppe von vier, fünf Pädagog*innen zusammengearbeitet, uns Technik und Methoden mitgebracht und gefragt: „Welche Kinder und Jugendlichen kommen in eure Einrichtung? Was braucht ihr? Wo können wir Stolpersteine aus dem Weg räumen? Wo können wir euch neue Ansätze vermitteln?“ Das hat den Horizont enorm erweitert: In einem kleinen Kreis zusammenzukommen, sich auszutauschen und vor allem auch zu sehen, was in der Praxis wirklich gut funktioniert. Wie kann man z.B. auch komplexe Apps stark vereinfacht und niedrigschwellig einsetzen? Diese Dinge haben wir mitgenommen. Wichtig war auch, dass uns jemand an die Hand genommen und gesagt hat: „Hey, das ist gar nicht so schwierig. Ihr braucht einfach nur den Anschalt-Knopf zu drücken und dann geht es los!“

Wie haben Sie sich mit anderen Institutionen vernetzt? Was würden Sie anderen Organisationen raten in Sachen Netzwerk-Arbeit?

Wir sind Mitglied bei der LAG lokale Medienarbeit. All deren Institutionen sind in NRW ansässig, deshalb hatten wir die Möglichkeit, bei Netzwerktreffen dabei zu sein und dort viele Medienpädagog*innen kennenzulernen, die schon lange in unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Man wusste irgendwann: Diese Person kann ich z.B. für „Coding“ (Programmieren) und „Making“ (Tüfteln) ansprechen, jene Person ist fit in Sachen Radioarbeit. Dann habe ich dort einfach angerufen und gefragt: „Ich weiß nicht, wie das funktioniert, könnt ihr es mir bitte erklären?“ So entstand eine Nähe, denn man hatte ein Gesicht, einen Namen und eine Gemeinsamkeit über das gemeinsame Netzwerk. Es hat mir sehr geholfen, eine Plattform zu haben, bei der ich direkt sehen konnte, welche Einrichtungen in der Nähe sind, mit denen ich kooperieren kann – auch, was Technik betrifft. Gerade die Technik ist am Anfang ja ein Riesenthema: Mit einer Kamera und einem Handy kann man schon etwas machen, aber der Rest bleibt erst einmal schwierig. Und bis man dann irgendwann einen guten Technik-Fundus zusammen hat, ist ein Netzwerk großartig, weil man dann einfach fragen kann: „Hallo, könnte ich mir vielleicht bei euch etwas ausleihen?“

Medienzentren

Mehr als 600 kommunale Medienzentren bieten medienpädagogische und technische Beratung für Schulen sowie medienpädagogische Fortbildungen und häufig auch gut sortierte Datenbanken für Bildungsmedien an. 

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Akteuren?

Ich denke, die Offenheit für Inklusion ist immer noch ein schwieriges Thema an Schulen. Ich glaube, das liegt daran, dass Inklusion kein fester Bestandteil im Lehramtsstudium ist. Auch die Offenheit für Digitalisierung ist immer noch nicht überall vorhanden. Das hat sicherlich auch viel mit Sorgen und Ängsten zu tun, weil Mediennutzung ja auch immer ein gewisses Maß an Risiken birgt. Da besteht noch viel Unsicherheit bei Lehrkräften: „Was dürfen wir eigentlich und was dürfen wir nicht?“ Und die Jugendarbeit macht einfach, das ist der Unterschied – wir fangen einfach an und finden Wege. Die Schule dagegen ist oft in ihrem Richtlinien-Apparat so eng gefasst, dass es da extrem engagierte Pädagog*innen braucht, die eine persönliche Affinität zu den Themen haben und dann einfach aus intrinsischer Motivation heraus das Thema angehen. 

Ich merke, dass sich Schulen immer wieder scheuen, mit außerschulischen Kinder- und Jugendeinrichtungen zusammenzuarbeiten. Wir sind denen oft einfach zu kreativ und zu weit weg vom Lehrplan. Die außerschulischen Einrichtungen wiederum wenden sich oft an die Schulen und fragen: „Hey, können wir euch irgendwie unterstützen? Wir haben tolle Methoden. Wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen in einem anderen Setting. Wir haben andere Möglichkeiten, eine andere Herangehensweise.“ Aber es gestaltet sich leider immer ein bisschen schwierig. 

Wir haben aber tatsächlich eine Kooperation mit der Max-Planck Realschule, die mit uns zusammenarbeitet und die jetzt auch nachgefragt hat: „Wir haben gehört, ihr macht viel im Bereich medienpädagogische Arbeit. Könnt ihr uns vielleicht einmal eine Liste schreiben, was ihr alles so anbietet?“ Das ist doch ein guter erster Schritt.

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Anmerkung: Die Namen der Schüler*innen sind von der Redaktion geändert.