Inklusion in der Schule: Pro & Contra

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Aktuell wird die Diskussion über die Umsetzung inklusiver Bildung oft sehr emotional und nicht immer sachlich geführt. Wir geben einen Überblick zu den häufigsten Argumenten für und gegen Inklusion – und ordnen sie mit Blick auf aktuelle Studien, die Forschungslage und Expertenmeinungen ein.

Was sagen die Befürworter und Kritiker von schulischer Inklusion?

Pro

Der gemeinsame Unterricht ist für alle Kinder gut: Kinder mit Behinderung lernen dort mehr als in der Förderschule und Kinder ohne Behinderung lernen nicht weniger.

Contra

Kinder mit Behinderung bremsen das Lerntempo. Ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten stören oft den Ablauf des Unterrichts und das Erlernen sozialer Kompetenzen reicht nicht. Schule muss auch Wissen vermitteln.

Einordnung:

Die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerschaft in einer Klasse sind für die Leistungsentwicklung nicht entscheidend. Inklusive Klassen mit ihren komplexeren sozialen Situationen bieten vielfältigere Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten. Die Stärkung des Sozialverhaltens, der Empathie, Rücksichtnahme und die Förderung von Teamwork sind Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt immer wichtiger werden. Das Gefühl der Anerkennung und die Willkommenskultur tragen zu einem angstfreien Klima bei. Kinder, die der permanenten Angst ausgesetzt sind, „sitzen zu bleiben“, die Schule wechseln zu müssen oder zu versagen, können nicht gut lernen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass drei von vier Eltern positive Erfahrungen mit dem gemeinsamen Lernen ihrer Kinder machen – unabhängig vom Förderbedarf des Kindes.

Pro

Kinder mit Behinderung werden besser auf das „echte“ Leben und die Selbständigkeit vorbereitet.

Contra

Leistungsstarke Kinder werden nicht ausreichend gefördert.
 

Einordnung:

Alle Studien zum Lernerfolg zeigen: Schülerinnen und Schüler lernen nicht schlechter, wenn Kinder mit Förderbedarf die Klasse besuchen. Sie lernen genauso gut wie Schülerinnen und Schüler in nicht inklusiven Klassen. Kinder- und Jugendliche lernen in inklusiven Kassen nicht nur gemeinsam, sondern auch voneinander. Altersklassenübergreifende und kooperative Lernformen machen es möglich, denn dabei profitieren alle von den Stärken anderer und bringen gleichzeitig ihre eigenen Stärken ein. Während das „klassische“ deutsche Bildungssystem heute an vielen Stellen immer noch davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche einer Altersklasse in der gleichen Zeit möglichst standardisierte Lernziele erreichen sollten. Lernfortschritte werden dabei allzu oft ausschließlich an der Vermittlung gleicher intellektueller Fähigkeiten festgemacht. Das individuelle Lerntempo und emotionales Wachstum spielen bei der Lernstandserhebung normalerweise keine Rolle.

Pro

Ein inklusives Bildungssystem ist langfristig weniger kostenintensiv als ein segregierendes Schulsystem mit unterschiedlichen Schultypen.

Contra

Die gleiche Förderung und Unterstützung, die Kinder mit Behinderung auf Förderschulen erhalten, ist an der Regelschule nicht finanzierbar.

Einordnung:

Es ist langfristig weniger kostenintensiv, Schulen einzuführen, die alle Kinder gemeinsam unterrichten, als ein komplexes System unterschiedlicher Schultypen zu erhalten, die jeweils auf verschiedene Gruppen spezialisiert sind. Ebenfalls ist es teurer, mangelhaft ausgebildete junge Menschen nachträglich zu qualifizieren und zu versorgen, als ihnen von Beginn an eine gute Bildung zu ermöglichen, die ihnen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bessere Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben eröffnet. Allerdings sind inklusive Schulen und Klassen heute oft noch unzureichend mit personellen Ressourcen ausgestattet. In der aktuellen Diskussion um die Umsetzung schulischer Inklusion ist häufig von systematischer Unterfinanzierung die Rede. Damit ist gemeint, dass die schulische Inklusion finanziell schlechter dasteht als die Separation.

Pro

Das deutsche, gegliederte Schulsystem ist viel zu starr für die unterschiedlichen Begabungen und Voraussetzungen der Kinder. Höchste Zeit, umzudenken!

Contra

Kinder mit Behinderung brauchen einen geschützten Raum.

Einordnung:

Kinder mit sogenanntem Förderbedarf entwickeln im gemeinsamen Unterricht in der Regel eine realistischere Selbstwahrnehmung und wissen nicht erst nach der Beendigung der Schullaufbahn beziehungsweise wenn sie die Sonderwelt einer Förderschule verlassen um ihre Stärken und Schwächen. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Selbstkonzept von Schülern an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen zeigen, dass sich der Besuch einer Förderschule nachteilig auf das Selbstkonzept von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Da im gemeinsamen Unterricht die verschiedenen Bedürfnisse und individuellen Fähigkeiten von allen Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen, ist mit dem Anspruch der individuellen Förderung aber auch immer eine Flexibilisierung von Schul- und Unterrichtskonzepten verbunden, die am Ende aber allen Schülern gleichermaßen zugutekommen. Auch wenn die Einführung von Schul- und Unterrichtskonzepten des gemeinsamen Lernens allen Beteiligten viel abverlangt.

Pro

Menschen mit Behinderung sind viel zu lange in Sondereinrichtungen verschwunden. Sie müssen teilhaben dürfen und sichtbar sein.

Contra

Kinder mit Behinderung können in separaten Schulen besser unterstützt und gefördert werden.

Einordnung:

Es ist empirisch belegt, dass Kinder mit sogenanntem Förderbedarf im Gemeinsamem Unterricht (GU) mehr lernen, besser abschneiden als vergleichbare Schüler an Förderschulen, im Vergleich bessere Schulabschlüsse erreichen und weniger von Stigmatisierung betroffen sind. Das gilt unabhängig vom konkreten Förderbedarf. Entsprechend führt der GU zu besseren Chancen im Alltag und im Arbeitsleben. Die Inklusionsexpertin Prof. Dr. Jutta Schöler dazu: „Je schwerer die Behinderung ist, umso notwendiger braucht ein Kind die vielfältigen Anregungen der nichtbehinderten Kinder.“ Ein Blick auf die Stärken und Schwächen von Kindern und Jugendlichen macht darüber hinaus sehr schnell deutlich, dass sie alle, unabhängig von Behinderungen oder diagnostizierten Förderbedarfen, verschieden sind. Alle Kinder haben unterschiedliche Interessen und Begabungen, die es zu fördern gilt. Möglich ist eine gezielte Förderung allerdings nur, wenn Lehr- und Lernformen etabliert werden, die ein individuelles Arbeiten möglich machen.

Pro

Kinder ohne Behinderung lernen früh den Umgang mit Menschen mit Behinderung. So entwickeln sie gar nicht erste Berührungsängste oder auch Vorurteile, die oft der Grund für Missachtung und Ausschluss sind.

Contra

Kinder mit Behinderung erleben an Regelschulen Spott, Ausgrenzung und Versagen.

Einordnung:

Um Spott und Ausgrenzung entgegenzuwirken, ist es wichtig, dass Kinder möglichst früh gemeinsam und voneinander lernen, sodass Vorurteile erst gar nicht entstehen. Der selbstverständliche Umgang mit Vielfalt trägt wesentlich zur Wertebildung bei und schafft ein Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung. Da unsere Gesellschaft immer vielfältiger wird, sind dies wahre Kernkompetenzen. Kinder und Jugendliche, die durch inklusive Bildung von Anfang an gelernt haben, mit ganz unterschiedlichen Menschen umzugehen, sind besser auf die Herausforderungen des Lebens oder auch des Arbeitsalltags vorbereitet.

Pro

Inklusion ist ein Recht, nicht einfach nur eine Idee. Mit der Unterzeichnung der UN-Konvention hat unser Land der Überzeugung zugestimmt, dass Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft gleichwertig sind. Also haben wir die Pflicht, Inklusion an der Schule zu ermöglichen!

Contra

Die Lehrerinnen und Lehrer wissen zu wenig über bestimmte Beeinträchtigungen. Deshalb werden sie den Kindern nicht gerecht.

Einordnung:

Auch wenn Artikel 24 der UN-BRK eine Schule fordert, die alle Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen optimal fördert, geht das deutsche Bildungssystem heute an vielen Stellen immer noch davon aus, dass Kinder und Jugendliche einer Altersklasse in der gleichen Zeit möglichst standardisierte Lernziele erreichen sollten. Entsprechend ist bei der Vorbereitung der Schulen auf Inklusion und in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern in den letzten Jahren viel versäumt worden. Hier besteht auch heute noch ein hoher Nachholbedarf, auch wenn inklusive Bildung bereits 1994 im Rahmen der UNESCO-Konferenz „Pädagogik für besondere Bedürfnisse“ (Salamanca) adressiert wurde und spätestens mit der Ratifizierung der UN-BRK (2009) in Deutschland umzusetzen ist.

So kann Inklusion in der Zukunft gelingen

Tatsache ist: Die Umsetzung der Inklusion läuft nicht an allen Schulen gut. So entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, Inklusion an sich sei der falsche Weg. Dass Inklusion aber an vielen Schulen gelingt, wird häufig übersehen. Und auch, dass für einen erfolgreichen inklusiven Unterricht eben bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen.

Zuallererst braucht es den Rückhalt durch die Politik: Land und Kommunen müssen Reformen in der Schulorganisation anstoßen und ermöglichen. Ob es nun um bauliche Veränderungen oder um Unterrichtskonzepte geht. Sie müssen Lehrerinnen und Lehrer auf die neue Vielfalt in den Klassenzimmern vorbereiten und zusätzlich Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen in den Schulen einsetzen. Und die Politik muss bereit sein, dafür Geld zu geben.

Aber: Geld ist nicht alles. Inklusion ist auch eine Frage der Haltung. Lehrerinnen und Lehrer müssen – ebenso wie die Eltern von Kindern ohne Behinderung – offen für die Veränderungen in der Schule sein und konstruktiv zusammen arbeiten. Der Erfolg von schulischer Inklusion hängt also stark von den Menschen vor Ort ab.

Alle Beteiligten müssen sie wollen!

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