Fragen und Antworten

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Wie sinnvoll ist es eigentlich, vor der Lehrerausbildung zu fragen, ob jemand Regel- oder Förderschullehrer werden will, wenn das Ziel ja Inklusion sein sollte?!

Antwort von Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik:

Eine solche Frage ist meines Erachtens überhaupt nicht sinnvoll. Eine der größten Barrieren für die Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems in Deutschland liegt aus meiner Sicht in der tradierten Struktur der Lehramtsstudiengänge nach den bestehenden Schultypen (Grundschulen, Haupt-, Realschulen, Gymnasien und Sonder-/ Förderschulen). In den meisten Bundesländern werden die Bewerber für das Lehramtsstudium tatsächlich bereits vor dem Start des Studiums bei der Zulassung in einen Lehramtstyp gefragt

  • "Welche Schüler möchtest du in deiner beruflichen Zukunft unterrichten?" bzw.
  • "In welchen Schultypen möchtest du unterrichten?"

Die jeweilige Entscheidung richtet sich dann häufig nach Überlegungen wie zum Beispiel: Möchte ich mehr Fachbezug und daher auf Gymnasien unterrichten oder schwebt mir eine stärker sozialpädagogisch ausgerichtete Lehrtätigkeit vor, z.B. an Sonder/-Förderschulen?

Diese und ähnliche Motive der Studiengangswahl sind nachvollziehbar, aber entsprechen Sie tatsächlich den Kompetenzanforderungen an Lehrern im Schulalltag? Aus meiner Erfahrung weiß ich: Nein, das ist nicht der Alltag als Lehrperson! Denn selbstverständlich brauchen auch Schüler an Sonder/-Förderschulen gute Fachlehrer und für Gymnasiasten sind gute Pädagogen, die nicht nur Fachwissen vermitteln, ebenfalls wichtig.

Auch sind diese Motive bei der Studienwahl nicht mit den Erfordernissen eines inklusiven Bildungssystems vereinbar, in dem es darum geht, heterogene Lerngruppen bei Ihrem Lernerfolg zu fördern und zu begleiten. Ein gemeinsames Fundament aller Lehrämter und inklusionsorientierte pädagogische Kenntnisse wären für den späteren Lehrerberuf daher sehr wichtig.

Daher mein Tipp an angehende Lehramtsstudierende: Wenn Sie die Entscheidung für den Lehrerberuf treffen, verstehen Sie sich zuallererst als Lernbegleiter von Schülern eines gewissen Altersspektrums in Grund- oder Sekundarstufe. Und nutzen Sie im Rahmen des Studiums die Möglichkeit, Erfahrungen durch Hospitationen und Praxissemester an verschiedenen Schulen und mit Kindern und Jugendlichen in ihrer Vielfalt zu machen, um so ihr ganz eigenes Profil zu schärfen und sich zu spezialisieren. Lassen Sie sich von bereits erfahrenen Pädagogen beraten, suchen Sie immer wieder das Gespräch und erhalten Sie so möglichst umfangreiche Einblicke in die unterschiedlichen Aufgabengebiete und Bereiche von Schule. Ein guter Lehrer wird man nicht allein durch einen Abschluss eines Lehramtes, sondern durch eine lebenslange Professionalisierung der eigenen Arbeit. Nur so können Sie selbst verhindern, dass man im Berufsleben „Unmögliches“ von Ihnen fordert und Schüler vor Ihnen sitzen, auf die sie nicht oder nur unzureichend vorbereitet wurden.