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Eine Tafel, auf die eine Hand ein Frage- und Ausrufezeichen schreibt.

Inklusion in der Bildung: Fragen und Antworten

28.08.2018
Planung Integration
Ich bin Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeit und möchte mein Angebot für junge Leute mit Behinderungen öffnen, da es bereits Interessenten gibt. Das stellt mich vor echte Herausforderungen: Wie soll ich vorgehen?

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Kinder- und Jugendfreizeiten weiß ich: Das Wichtigste ist die eigene Haltung. Beim Thema Inklusion spielen Offenheit, Mut und Begegnung eine sehr wichtige Rolle. Schon in die Ausschreibung und bei der Bewerbung des Angebots sollte man explizit schreiben „für Menschen mit und ohne Behinderung“, weil sich die erstgenannte Personengruppe sonst nicht automatisch angesprochen fühlt. Es ist nämlich leider noch immer nicht die Regel, dass alle gemeint sind.

Bei der Planung ist die erste Frage „Wer gehört zum Team?“. Unsere erste inklusive Freizeit führte uns 2009 nach München. Ich, selbst Rollstuhlfahrer, gehörte damals zum Leitungsteam. Damals bin ich vorab nach München gefahren und habe mir die Gegebenheiten der Jugendherberge vor Ort angeschaut um sicher zu gehen, dass sie barrierefrei ist. Bei der Vorbereitung sollten wirklich alle in die Planung einbezogen werden – also Teilnehmer, Team, Begleitpersonen sowie Eltern.

Elternarbeit spielt beim Thema Inklusion eine sehr wichtige Rolle, denn die Eltern kennen ihre Kinder am besten. Gerade wenn Kinder oder Jugendliche zum ersten Mal ohne ihre Eltern unterwegs sind, gibt es einiges zu klären und von den Erfahrungen der Eltern zu lernen. Deshalb war es uns wichtig, die Eltern während der Vorbereitung zu treffen, sie gemeinsam mit ihren Kindern nach Bedürfnissen zu befragen und so ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Bei uns gab es im Vorfeld viele Gespräche und mehrere Vorbereitungstreffen, bei denen bereits Kontakte geknüpft und Telefonnummern ausgetauscht wurden.

Jeder der Teilnehmer übernahm eine Aufgabe, also auch die Teilnehmer mit Behinderung. Zudem hatten wir auch Mitarbeiter für die Pflege von einem Träger der Behindertenhilfe dabei. Falls es nicht schon Kontakte zu anderen Partnern vor Ort und in der Region gibt, ist es eine gute Idee, spätestens jetzt den Kontakt zu suchen und sich Kooperationspartner zum Beispiel aus der Behindertenhilfe und -selbsthilfe zu suchen.

Bei der Durchführung unserer Freizeit hat dann alles gut geklappt: Jeder brachte sich vor Ort nach seinen Möglichkeiten ein. Das Team der Freizeit hatte sich im Vorfeld viel überlegt, was man denn besteuern müsste damit die Freizeit auch wirklich inklusiv würde. Vieles von dem haben wir gar nicht gebraucht, weil sich die Teilnehmer tagsüber im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegenseitig unterstützten und abends zum Beispiel gemeinsam Gesellschaftsspiele machten. Dennoch ist es sinnvoll, mögliche Szenarien vorab zu durchdenken.

Ein Nachtreffen ist bei einer inklusiven Freizeit auch sehr wichtig. Hier können alle Beteiligten das Erlebte „revuepassieren lassen“ und sagen, was sie gut und was sie weniger gut fanden. Die Ergebnisse des Nachtreffens haben wir dann in die Planung weiterer Freizeiten einbezogen und sind so immer besser geworden. Außerdem konnten neu hinzugekommene Mitarbeiter von den Erfahrungen profitieren und waren weniger ängstlich bei späteren Aktivitäten.

 

Und damit auch andere etwas von unseren Erfahrungen mit inklusiven Kinder- und Jugendfreizeiten haben, haben wir vom Kreisjugendring Rems-Murr an der Tagung „Auftrag Inklusion – Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit“ in Berlin teilgenommen und vor größerem Publikum berichtet, wie wir unsere inklusiven Freizeitangebote organisieren. Aus unseren Anregungen und den Erfahrungen vieler anderer Praktiker ist dann ein Inklusions-Check entstanden: Diese Checkliste enthält Anregungen, wie man mit Inklusion in der praktischen Kinder- und Jugendarbeit beginnen kann. Sie ist als Poster erhältlich.

 

Antwort von Anna Katharina Bechtoldt und Lennart Sandvoß:

Das Wichtigste bei der Konzeption eines inklusiven Angebotes ist die eigene Haltung – wenn Sie offen sind für Veränderung und Wandel, dann haben Sie schon viel erreicht. Denn Inklusion rüttelt häufig an der vorgegebenen Struktur – mit der Zeit kann sich aber eine neue, stabile Struktur bilden, die Verschiedenheit wertschätzt und die Inhalte des Angebotes binnendifferenziert ausgestaltet.

Für Fragen und konkrete Unterstützung bei der Konzeption eines inklusiven Angebots haben Sie verschiedene Anlaufstellen: Dies können beispielsweise Träger der Behindertenhilfe wie der unsere sein. Neben klassischen Beratungsangeboten finden Sie dort häufig auch Verantwortliche für Freizeitangebote/Reiseangebote für Kinder und Jugendliche mit (und ohne) Beeinträchtigung.

Daneben können Sie sich auch an Selbsthilfeorganisationen (z.B. Selbstbestimmt Leben) wenden. Dort können Sie dann direkt mit den „ExpertInnen in eigener Sache“ sprechen.

Außerdem gibt es seit diesem Jahr eine „ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“ in allen Bundesländern – dort können sich Betroffene selber, aber auch Angehörige oder fachlich Interessierte hinwenden. Die Themen decken ein breites Spektrum ab: Wohnen, Arbeiten, Freizeitorientierung, Finanzierung, Pflegeleistungen etc.

Und hier haben wir schon die Brücke zu den Inhalten geschlagen – es gibt vieles, was OrganisatorInnen einer Kinder- oder Jugendfreizeit beachten können. Klassische Themenfelder, auf die man bei der Konzeption eines Angebotes stößt, sind folgende:

  • ein angemessener Betreuungsschlüssel (je nach Unterstützungsbedarf)
  • der geschulte Blick für barrierearme- oder barrierefreie Orte sowie gute Transportmöglichkeiten und
  • inhaltlich barrierearme Angebotsplanung.

Auch bei der Frage, wie Angebote (hinsichtlich des SGB XI) abgerechnet werden, können Träger der Behindertenhilfe unterstützen. Aber sie können genauso ganz praktische Unterstützung leisten – beispielsweise durch eine persönliche Assistenz für das Kind.

Allem voran möchten wir Sie aber ermutigen, sich zu trauen und nicht zu zögern. Probieren Sie es aus! Durch die Erfolge aber auch die Stolpersteine entwickeln Sie sich weiter!

15.05.2018
Mobbing Praxis-Tipps
Ein Kind in meiner Gruppe beziehungsweise Klasse wird von den anderen Kindern nicht akzeptiert. Wie gehe ich damit um, was kann ich tun?

Die Frage ist nicht neu, Ausgrenzung oder Mobbing hat es immer gegeben. Was kann helfen?

  1. Meine Haltung, meine innere Einstellung zu jedem Kind oder Jugendlichen ist grundsätzlich positiv: du bist mir willkommen! Ich mag dich, akzeptiere dich so, wie du bist.
  2. Diese Haltung überträgt sich auf das soziale Gefüge in der Klasse, wenn ich mit den mir anvertrauten Schülerinnen und Schülern ein sehr gutes Vertrauensverhältnis aufbauen kann.
  3. Beziehungsarbeit: Zwischen den Schülerinnen und Schülern und mir als Lehrperson und auch in der Dreieckskonstruktion Schüler - Lehrperson - Eltern.

Jeder Fachunterricht bietet Raum und Zeit für soziale Themen, etwa „Wir sind verschieden – und das ist gut so!“

Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten in unterschiedlichen didaktisch-methodischen Zusammenhängen:

  1. Was zeichnet den anderen aus, wo sehe ich seine Stärken?
  2. Mit welchen Besonderheiten des anderen komme ich nicht so gut klar?
  3. Was kann ich akzeptieren und wo benötige ich Unterstützung?
  4. Wie möchte ich gern von den anderen gesehen werden?

Alle in der Klasse sollten sich in ihrem möglichen Rahmen beteiligen, auch die Lehrperson, Assistenz und andere pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Mit der Beantwortung dieser Fragestellungen bekommen alle ein ganz anderes Verständnis füreinander. Es ermöglicht auch, Fragen zum Nachteilsausgleich oder zur Assistenz für den Einzelnen zu beantworten. Beziehe ich auch die Eltern ein (z.B. im Rahmen einer Präsentation der Unterrichtsergebnisse und im Rahmen eines Elternbesuches), kann ich mir auch von ihnen Unterstützung holen.

In der Konsequenz dieses Unterrichtsthemas, das auch auf eine ganze Unterrichtseinheit oder ein Projekt ausgeweitet werden kann, indem ich beispielsweise auch die Freizeitinteressen der Lernenden einbeziehe (gemeinsamer Besuch von Freizeiteinrichtungen, die einzelne Schülerinnen und Schüler nutzen), lernen alle die Stärken der anderen kennen, die wiederum für den Unterricht in anderen Fächern oder außerunterrichtlichen Aktivitäten aufgegriffen beziehungsweise genutzt werden können.

Einen „Nachteil“ hat dieser Weg: Er muss immer wieder neu gegangen werden, nur unter anderen Ausgangsbedingungen. Aber: Es wird zusehends LEICHTER!

15.05.2018
Mobbing
Unter Jugendlichen ist es normal, Begriffe wie Spasti, Opfer oder auch „behindert“ zu benutzen, um andere abzuwerten. Ich würde das gerne mal in meiner Jugendgruppe thematisieren – gibt es dazu gute Materialien oder Argumentationshilfen, um das jugendgerecht zu bearbeiten?
Antwort von Uwe Nicksch

Beleidigungen dürfen sein, allerdings sollten sie doch kreativer sein als „Spasti“ oder die weit verbreitete Phrase „Bist du behindert!?“. Um Diskriminierung behinderter Menschen zu reduzieren, wird jedoch mehr als ein Austausch von Wörtern nötig sein.

Inklusion beginnt nicht erst in der Schule – auch wenn das Thema im Unterricht behandelt werden sollte. Kinder werden auch durch den sozialen Umgang ihrer Eltern, vielfältige Kinderbücher und die natürliche Begegnung  mit behinderten Gleichaltrigen geprägt. Der direkte Kontakt von Kindern mit und ohne Behinderung in Schulen, Vereinen oder Ferienfreizeiten zeigt die Vielfalt der Gesellschaft und lässt Berührungsängste untereinander verschwinden. Dadurch werden daher genannte Beleidigungen womöglich hinterfragt und auch vermieden.

Tipp:
Film-Clips und Begleitheft mit Impulsen für inklusive Bildung in Schule und Freizeit mit Schwerpunktthemen Anderssein, Sprache, Mut, Zukunft, Schönheit, soziales Engagement, Vorurteile und vieles mehr
Postkarte mit Brailleschrift: So fühlt sich Respekt an