Budget für Arbeit: Weg aus der Werkstatt

Für Schüler mit Förderbedarf scheint der Übergang in die Werkstatt vorprogrammiert. Doch es geht auch anders.

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Philipp Adolf ist glücklich in seinem Job in der Landwirtschaft. ©Jann Hoefer

Fünfmal pro Woche klingelt Philipp Adolfs Wecker um viertel nach sieben. Eine halbe Stunde später steigt der 23-Jährige aufs Rad. Für den Weg zur Arbeit braucht er zehn Minuten. Pünktlich um acht beginnt sein Job im Schweinezuchtbetrieb Buskasper im münsterländischen Velen. Er füttert die Sauen, reinigt die Ställe und organisiert die Besamung. In der Landwirtschaft zu arbeiten, so wie sein älterer Bruder, das war schon lange Philipps Traum. Dass er Wirklichkeit wurde, ist jedoch für jemanden wie ihn alles andere als selbstverständlich. Philipp hat die Förderschule für geistige Entwicklung in Borken besucht. Danach wurde er zunächst in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) eingegliedert.

Budget für Arbeit für den Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Wer wie Philipp Adolf mit einem Werkstattanspruch auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechselt, kann das Budget für Arbeit in Anspruch nehmen. Dieser 2018 im Bundesteilhabegesetz (BTHG) eingeführte Zuschuss zu den tariflichen Lohn- und Gehaltskosten soll den zusätzlichen Unterstützungsbedarf des Beschäftigten aufgrund seiner Behinderung ausgleichen. Das funktioniert so: Der Arbeitgeber zahlt dem Mitarbeiter einen tariflichen Lohn, von dem ihm der Träger der Eingliederungshilfe über das Budget für Arbeit bis zu 75 Prozent erstattet. In der Regel zahlt die Kommune, in NRW der Landschaftsverband. Neben dem Lohnkostenzuschuss sieht das Budget für Arbeit auch eine Anleitung und Begleitung am Arbeitsplatz vor.

Es gibt allerdings ein Problem: Beschäftigte mit Werkstattanspruch, die das Budget für Arbeit in Anspruch nehmen und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten, können sich nicht mehr gegen Arbeitslosigkeit versichern. Das heißt: Wenn es mit dem Job auf Dauer nicht klappt, bekommen sie kein Arbeitslosengeld. Stattdessen dürfen, beziehungsweise sollen sie laut § 220 Abs.3 IX sofort in die Werkstatt zurückkehren. Das aber wollen die meisten nicht, die ein selbstbestimmteres Leben kennengelernt haben.

Petra Mönstermann vom Integrationsfachdienst in den Kreisen Borken und Coesfeld begleitet Philipp Adolf seit seiner Schulzeit. ©Jann Hoefer

Voraussetzungen für den ersten Arbeitsmarkt

Auch Philipp Adolf möchte das nicht. Er gehört zu den bundesweit unter 1 Prozent der Werkstattbeschäftigten, die jährlich von dort in einen sozialversicherungspflichtigen Job wechseln. Zwar steigt die Zahl der Vermittlungen, doch zugleich wächst die Zahl der Werkstattbeschäftigten. Waren es 2006 noch rund 187.000, so sind es inzwischen 310.000. Die Gründe hierfür liegen unter anderem darin, dass immer mehr Menschen mit Lernbehinderung und immer mehr psychisch kranke Menschen aufgenommen werden — allein deren Anteil erhöhte sich zwischen 2006 und 2016 um rund 52 Prozent.

Die wichtigste Voraussetzung für Philipp Adolfs Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt war seine starke Motivation. Diese allein hätte jedoch nicht gereicht ohne Unterstützung des Integrationsfachdiensts (IFD), die Kooperation der Werkstatt und das Budget für Arbeit. Petra Mönstermann, die beim IFD in den Kreisen Borken und Coesfeld zuständig für den Bereich "Übergang Werkstatt – Arbeitsmarkt" ist, begleitet Philipp Adolf seit dem Ende seiner Schulzeit.

Hilfe vom Integrationsfachdienst

Zurzeit betreut sie 23 Werkstattbeschäftigte, die auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln wollen und von denen die meisten zwischen 18 und 23 Jahre alt sind. Ihre Klienten betreut sie regelmäßig bis Ende der Probezeit und dann je nach Bedarf. Sie überprüft zum Beispiel, ob sie angemessen angeleitet werden und im eigenen Tempo arbeiten dürfen, ob vielleicht ein Job-Coach engagiert werden muss und wenn es Probleme gibt, setzt sie sich mit allen Beteiligten an einen Tisch.Berufswünsche nimmt sie grundsätzlich ernst. Gemeinsam mit den Integrationsassistenten der Werkstatt überlegt sie: "Was muss derjenige dazu lernen? Wo kann er das lernen? Was kostet das? Kann er das? Welche Arbeitgeber kommen in Frage?" Denn was ist am Ende das Schlimmste, das passieren kann? "Jemand probiert etwas aus und scheitert. Und hat erfahren, dass es – vielleicht noch – nicht das Richtige für ihn war."

Erster Arbeitsmarkt: Qualifizierung durch Praktika

Philipp Adolf war schon während der letzten beiden Schuljahre vom IFD begleitet worden. Damals begann er, sich durch Praktika für seinen jetzigen Job zu qualifizieren. Mit Eingang in die Werkstatt durchlief er die üblichen Stationen: erst drei Monate Eingangsverfahren, in dem sein Werkstattanspruch offiziell festgestellt wurde, anschließend 24 Monate Berufsbildungsbereich.

Einen Großteil dieser Zeit verbrachte er bei seinem künftigen Arbeitgeber, lernte dort unter anderem die Ferkelaufzucht und schaffte den Treckerführerschein. "Viele meiner Klienten schätzen es, dass sie schon im Eingangsverfahren in Betrieben arbeiten können", erzählt Petra Mönstermann. "Weil sie sagen: `Ich hab ja schon so viel gemacht, ich will nicht in die Werkstatt`. Ihnen kann ich dann antworten: `Brauchst Du auch nicht`. Zwar ist die Werkstatt noch Anstellungsträger, doch gemeinsam arbeiten wir am Ziel erster Arbeitsmarkt."

Für Philipp Adolf hat der allgemeine Arbeitsmarkt ein echtes Mehr an Selbständigkeit gebracht. Er zog bei seinen Eltern aus und teilt sich nun eine Wohnung mit seinem Bruder.  "Gerade lerne ich für den PKW-Führerschein", sagt er. "Den will ich für meinen Job und für mich selbst."