Workshop „Demografischer Wandel als Inklusionstreiber“

Leitung: Dr. Tobias Federwisch

Welche Herausforderungen ergeben sich durch den demografischen Wandel in städtischen und ländlichen Lebensräumen? Welche Lösungsansätze können dem entgegengesetzt werden? Wie kann die Teilhabe von ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen in städtischen und ländlichen Räumen verbessert werden und wie trägt der demografische Wandel dazu bei, Inklusion voranzubringen? Diesen Fragen widmete sich dieser Workshop, der mit unterschiedlichen Teilnehmern in zwei Runden, vormittags und nachmittags, stattfand.

Der Referent Tobias Federwisch in einer Gesprächsrunde mit Teilnehmern

Bereits in den Vorstellungsrunden der Teilnehmer, die aus ihrer Praxis in Ländern, Kommunen, kulturellen Institutionen sowie Einrichtungen der Behinderten- und der Kinder- und Jugendhilfe berichteten, wurde klar, dass sich der demografische Wandel nicht nur an einer fortschreitenden Überalterung der Gesellschaft zeigt. Es gehören auch der verstärkte Zuzug von Menschen aus anderen Staaten dazu sowie die Verschiebungen der Bevölkerungsgruppen in städtischen, vorstädtischen und ländlichen Räumen. Letzteres geschieht derzeit etwa durch die Ausdünnung ländlicher Räume und die Entstehung neuer Wohngebiete für Familien im Umkreis von Großstädten.

Tobias Federwisch nannte hierfür ein Beispiel aus seinem eigenen Lebensumfeld in der näheren Umgebung von Berlin: „Diese Region hat in den letzten Jahren einen enormen Zuzug junger Familien erfahren, die in der Metropole keinen bezahlbaren Wohnraum finden.“ In den Arbeitsgruppen wurde das Thema demografischer Wandel in Stadt und Land thematisch zugespitzt. Aus Vorschlägen der Teilnehmer ergaben sich vormittags und nachmittags jeweils drei Thementische, an denen insgesamt fünf Themenschwerpunkte anhand von drei Leitfragen diskutiert wurden. Die wichtigsten Ergebnisse der Arbeitsgruppen sind hier zusammengefasst:

1. Arbeit und Inklusion

Herausforderungen

  • Für Menschen mit Behinderung ist es oft schwerer, Arbeit zu finden als für Menschen ohne Behinderung mit gleicher Qualifikation.
  • Besonders schwierig ist die Situation von Menschen, die zum Beispiel aufgrund von Lernschwächen, mangelnder Sprachkenntnisse oder mangelnder Ausbildung gering qualifiziert sind, aber auch für Alleinerziehende.
  • Aufgrund der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung fallen viele einfache Arbeiten für gering Qualifizierte weg. Andererseits gibt es einen Fachkräftemangel.


Potenziale, Chancen und Akteure

  • Aufgrund des Fachkräftemangels, der sich mit fortschreitendem demografischen Wandel verstärkt, müssen Unternehmer umdenken und sich zwangsläufig potenziellen Mitarbeitern zuwenden, die sie zuvor nicht im Blick hatten.
  • Unternehmer können von anderen Unternehmen lernen, in denen Inklusion erfolgreich verwirklicht ist.
  • Die Defizitorientierung muss überwunden werden, stattdessen ist eine Fokussierung auf die vorhandenen oder zu entwickelnden Potenziale wünschenswert.
  • Nicht nur die Unternehmer sollten für Inklusion offen sein. Mindestens ebenso wichtig sind Mitarbeiter vor Ort, die Inklusion mittragen und gegebenenfalls Patenschaften oder eine Lotsenfunktion übernehmen.

Konkrete Lösungsansätze und Projekte

  • Es gibt viele Dienstleistungspotenziale, aus denen sinnvolle Tätigkeiten hervorgehen könnten. Hier gilt es, Ideen zu sammeln und diese gemeinsam mit Stadtverwaltung, Bürgerschaft und Verantwortlichen zu erörtern.
  • Experten müssen das Thema Inklusion in Fachveranstaltungen für Unternehmer einbringen, etwa zum Thema Fachkräftesicherung, Gesundheitsmanagement und Arbeit 4.0.
  • Jobcarving (wörtlich übersetzt: Job schnitzen) ist ein Projekt der Landschaftsverbände. Für Arbeiten, die körperlich eingeschränkte Arbeitnehmer nicht (mehr) leisten können, werden ihnen körperlich fitte Kollegen mit geistiger Einschränkung zur Seite gestellt, die zuvor für die geforderten körperlichen Arbeiten qualifiziert wurden.

2. Lebenslanges Leben im Quartier

Eine kleine Zeichnung zu "Inklusive Kita"

Herausforderungen

  • Barrierefreiheit und eine funktionierende Daseinsvorsorge im Lebensumfeld sind Voraussetzungen für Inklusion und lebenslanges Leben im Quartier. Das gilt für die Mobilität, Wohn- und Freizeiteinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten und nicht zuletzt für die medizinische Versorgung.
  • Herausforderungen entstehen unter anderem durch Landflucht und eine schwindende Infrastruktur in ländlichen Räumen.

Potenziale, Chancen und Akteure

  • Das Mehrgenerationenwohnen ermöglicht gegenseitige Unterstützung. Es wird begünstigt durch die Auflösung herkömmlicher Familienstrukturen.
  • Bürgerschaftliches Engagement kann Synergieeffekte haben: etwa gegenseitige Hilfe von Senioren (zum Beispiel Kinder beaufsichtigen) und Kindern (zum Beispiel Einkaufen gehen). Senioren können als Lotsen für Neuhinzugezogene fungieren.
  • Wichtig sind Orte inklusiver Begegnungen und die Möglichkeit zu gemeinsamen Aktivitäten in den Bereichen Freizeit, Sport, Kultur.
  • Lokale Wirtschaftskreisläufe können wiederbelebt werden durch eine aktive Bürgerschaft in Zusammenarbeit mit den Kommunen.

Konkrete Lösungsansätze und Projekte

  • Integrationsunternehmen im Lebensmittelhandel, wie CAP-Märkte und einige tegut-Läden, eröffnen neue Versorgungsstrukturen in ländlichen Räumen.
  • Nachbarschaftsnetzwerke ermöglichen ein Ineinandergreifen diverser ehrenamtlicher Tätigkeiten, wobei jeder seine Fähigkeiten einbringen kann, zum Beispiel Netzwerk Nachbarschaft.

3. Freizeitgestaltung

Herausforderungen

  • Inklusive Angebote im Bereich Kultur und Freizeit müssen den Interessen verschiedener Gruppen gerecht werden. Sie müssen barrierefrei und auch für Menschen mit geringem Einkommen bezahlbar sein.

Potenziale, Chancen und Akteure

  • Gerade kleinere Projekte, für die es häufig gute Fördermöglichkeiten gibt, sind oft besonders wirksam.
  • Inklusive Museumspädagogik eröffnet breiten Kreisen einen Zugang zur Kunst. Erklärende Texte in Einfacher Sprache sind vielen Menschen zugänglich.
  • Viele ältere Menschen engagieren sich gern in den Bereichen Kultur und Freizeit. Sie können Alltagswissen vermitteln, das bei den Jüngeren oft verlorengegangen ist.
  • Die Nutzung digitaler Medien im Bereich von Freizeit und Kultur ist für ältere Menschen und für Menschen mit Behinderung nützlich. Digitale Medien können mehr Unabhängigkeit erzeugen, vorausgesetzt, sie sind barrierefrei.

Konkretes Beispiel

  • In vielen Museen, darunter auch dem Rheinischen Landesmuseum in Bonn, wird neben Barrierefreiheit auch Inklusion immer mehr zum Thema, was sich in den Angeboten und im barrierefreien Umbau des Hauses zeigt.

4. Inklusive Bildung

Der Referent Tobias Federwisch in einer Gesprächsrunde mit Teilnehmern

Herausforderungen

  • Inklusion in der Bildung ist ein Ressourcenproblem, aber auch eine Frage der Einstellung.
  • Lehrer, die vor 20 Jahren ihr Examen gemacht haben, müssen anfangen umzudenken.
  • Vonseiten der Politik ist das Thema Inklusive Bildung im Wahlkampf missbraucht und teils sehr polemisch aufgenommen worden.

Potenziale, Chancen und Akteure

  • Binnendifferenzierte Angebote anstatt Frontalunterricht
  • In ländlichen Räumen haben Schulen viel Erfahrung mit dem gemeinsamen Unterricht verschiedener Jahrgangsstufen. Dort ist dies schon aufgrund des demografischen Wandels ein praktikables Modell auch für die Zukunft. Damit es rechtlich möglich ist, muss die Politik allerdings entsprechende Rahmenbedingungen liefern.
  • Mehr Einbeziehung von Eltern und Elternvereinen seitens der Schule wäre wünschenswert.
Die Qualifizierung der Schulbegleiter ist ein wichtiges Thema. Supervision für Schulbegleiter beziehungsweise Inklusionshelfer wäre sinnvoll.

Konkretes Beispiel

  • Die offene Schule in Köln (OSK) ist eine der ersten weiterführenden Schulen, die wirklich inklusiv arbeitet. Mittlerweile wurde hier eine Berufspraxisstufe eingerichtet, in der Schüler und Schülerinnen mit einem Förderbedarf in geistiger Entwicklung über die Klasse 10 hinaus in den Schwerpunkten Berufsorientierung und -vorbereitung unterrichtet werden.

5. Hilfesysteme und Chancen der Digitalisierung

Herausforderungen

  • Vor allem ländliche Räume sind in Deutschland zum Teil noch digital unterversorgt.
  • In ländlichen, aber auch in manchen urbanen Räumen ist die Daseinsvorsorge mangelhaft und nicht barrierefrei.
  • Angesichts des demografischen Wandels ist gerade im Pflege- und Assistenzbereich ein Fachkräftemangel zu erwarten.

Potenziale, Chancen und Akteure

  • Man muss die Nachbarschaft stärken und mehr auf die persönliche Verantwortung des Einzelnen für das Wohlergehen aller im Haus, in der Straße, in der Gemeinde setzen.
  • Die Verantwortung der Gemeinde liegt unter anderem darin, dass sie den demografischen Wandel zum Anlass nimmt, die Infrastruktur und Barrierefreiheit zu verbessern.
  • Digitale Hilfsmittel können Menschen darin unterstützen, ihre Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten, sie können die Kommunikation innerhalb des Verwandtschafts- und des Freundeskreises fördern. Wir sollten daher auf die Entwickler Druck ausüben, damit sie bedarfsgerechter entwickeln.

Konkrete Lösungsansätze und Projekte

  • Eine Teilnehmerin berichtete von einem Eine-Welt-Laden, der sich einen Stamm von Ehrenamtlichen und Kunden aufgebaut hat. Die Warenbestellung erfolgt online oder per Telefon. Die Warenlieferung ist verbunden mit einem Besuchsdienst ehrenamtlicher Mitarbeiter, die nicht nur Waren abliefern, sondern zu einem ein- bis zweistündigen Gespräch bleiben.
  • Ein Teilnehmer empfahl Ambient Assisted Living (AAL), eine technikunterstützte Möglichkeit für Menschen mit Einschränkungen, um weitgehend selbstständig zu Hause zu leben. In der Wolfsburger Modellwohnung +raum werden die Möglichkeiten von AAL veranschaulicht.

Am Schluss dankte Tobias Federwisch den Anwesenden für ihre rege Mitarbeit: „Wir haben Expertisen ausgetauscht, uns näher kennengelernt und Einzelne haben aus ihrem persönlichen Umfeld berichtet. Ich finde, angesichts der Kürze der Zeit sind wir zu respektablen Ergebnissen gelangt.“