Zu Besuch bei Raumpionieren

Wibke Seifarth und Stefan Raabe wohnen und arbeiten auf einem alten Hof in Mecklenburg-Vorpommern. Zusammen mit Freunden und Gästen bauen sie die halb verfallenen Gebäude auf dem Hof wieder auf. Sie geben Kurse und laden Menschen aus der ganzen Welt ein, bei ihnen mitzuarbeiten. Wibke Seifarth und Stefan Raabe sind Raumpioniere.

Ein Backsteingebäude und ein Zelt auf einem Hofgelände, darüber ist viel blauer Himmel mit weißen Wolken zu sehen © Valerie Schmidt

Text und Übersetzung  Astrid Eichstedt

Auf einer Handfläche liegen zwei Himbeeren © Valerie Schmidt

Beim Mittagessen gibt es zum Nachtisch selbst gepflückte Himbeeren.

Im Nordosten von Deutschland leben viel weniger Menschen als im Westen. Ein Beispiel: Im westlichen Bundesland Nordrhein-Westfalen kommen auf einen Quadratkilometer im Durchschnitt siebenmal so viele Menschen wie im nordöstlichen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Das liegt auch daran, dass von hier nach der Wende viele Menschen in den Westen gezogen sind. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es viele verlassene Häuser. Weil diese Häuser oft in einem schlechten Zustand sind und nur wenige Menschen dort wohnen wollen, sind sie meistens sehr billig. Manche Menschen nutzen das als Vorteil. Sie bauen die kaputten Häuser wieder auf und probieren neue Ideen und Lebensformen aus. Solche Menschen nennt man Raumpioniere. Das Wort Pionier kommt aus dem Französischen. Es bedeutet Wegbereiter. Das Wort Raumpionier haben sich Wissenschaftler ausgedacht. In den Städten setzten Raumpioniere zum Beispiel leer stehende Gebäude wieder in Stand und nutzen sie neu. Auf dem Land bauen sie dort etwas auf, wo andere wegziehen. Manche Raumpioniere arbeiten in der örtlichen Politik mit. Raumpioniere brauchen meistens wenig Geld, weil sie vieles selbst machen. Zum Beispiel eigenes Obst und Gemüse anpflanzen. Oder eigenen Strom aus Sonnen- oder Windenergie erzeugen.

Eine junge Frau mit zusammengebundenem Haar und ein junger Mann mit Werkzeugschürze stehen vor einer Backsteinmauer © Valerie Schmidt

Wibke Seifarth und Stefan Raabe

Wibke Seifarth und Stefan Raabe sind Raumpioniere. Sie sind beide 34 Jahre alt und ein Paar. Wibke Seifarth ist in einem Dorf im Bundesland Thüringen aufgewachsen. Später hat sie an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde die Fächer Landschaftsnutzung und Naturschutz studiert. Stefan Raabe stammt aus der Kleinstadt Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern. Er ist gelernter Werkzeugmechaniker und Heizungsmonteur. Er wollte nicht irgendwo angestellt sein, sondern seine Arbeit selber bestimmen können. Darum suchte er billige Räume für seine Werkstatt. Im Jahr 2005 fand er einen Hof mit mehreren, teilweise halb verfallenen Gebäuden in einem Dorf mit 70 Einwohnern. Das Dorf heißt Gatschow und liegt in Mecklenburg-Vorpommern. Zusammen mit Freunden zog Stefan Raabe auf den Hof in Gatschow. Gemeinsam fingen sie an, die Gebäude wieder aufzubauen. Zusammen mit den anderen gründete er 2007 den Verein Landkombinat. Seine Freundin Wibke Seifarth zog 2013 nach, als ihre gemeinsame Tochter geboren wurde.

Im Leben der Raumpioniere hat die Gemeinschaft eine große Bedeutung. Wibke Seifarth erklärt das so: „Wir finden, dass Wissen und Technik eigentlich allen gehört. Und dass man viel bessere Sachen entdecken und schaffen kann, wenn man sein Wissen mit anderen teilt.“ Wie beim Saftpressen. Jeden Herbst veranstaltet das Paar vier bis sechs Wochen lang Safttage. Dann kommen viele Menschen auf ihren Hof, um gemeinsam Obst zu pflücken und daraus Saft zu pressen. Die Saftpressen haben Wibke Seifarth und Stefan Raabe selbst gebaut. Ihr Wissen darüber geben sie in Kursen weiter, damit auch andere Menschen eigene Pressen bauen können. Außerdem verleihen Wibke Seifarth und Stefan Raabe ihre Pressen und ihr übriges Werkzeug. Wibke Seifarth sagt: „Wir könnten natürlich sagen: Wir verdienen Geld damit, dass alle immer herkommen und unsere Presse nutzen. Aber das ist nicht das, was wir wollen.“ Lieber unterstützen sie andere, damit die ihre eigenen Vorhaben verwirklichen können.

Eine Frau und ein Mann im mittleren Alter sitzen draußen an einem Tisch. Sie schälen Äpfel. © Gene Glover / Agentur Focus

Christine Müller und Nils Panknin schälen und zerkleinern Äpfel bei den inklusiven Safttagen.

Im Oktober 2017 fanden erstmals inklusive Safttage statt. Das Wort inklusiv kommt aus dem Lateinischen und bedeutet, dass alle Menschen gleichberechtigt mitmachen können. Egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht, ob sie arm sind oder reich. Die Idee zu den inklusiven Safttagen hatte Wibke Seifarths Freundin Lena Strixner. Sie arbeitet für den Verein Bergwaldprojekt. Der Verein veranstaltet jedes Jahr mehrtägige Ausflüge für Gruppen von Menschen mit und ohne Behinderung und Geflüchtete. Seit vier Jahren wird in jedem Jahr eine solche Woche von der Aktion Mensch gefördert. Die Teilnehmer arbeiten dann gemeinsam ehrenamtlich in der freien Natur. Sie machen neue Erfahrungen und können neue Menschen und Gegenden kennenlernen. Betreuung, Verpflegung und Unterkunft sind für die Teilnehmer kostenlos. Die Teilnehmer der inklusiven Safttage haben beim Verein „Urlaub miteinAnders“ übernachtet. Dieser Verein hat seinen Sitz in der Nähe von Gatschow in dem Ort Seltz. Er bietet Urlaubsangebote für Menschen mit und ohne Behinderung. Die Safttage haben allen viel Spaß gemacht. Wibke Seifarth sagt: „Wir wollen das gerne wiederholen."

Auch zu anderen Zeiten kommen oft Gäste, Freunde oder Kindergruppen auf den Hof von Wibke Seifarth und Stefan Raabe. Über das Internet hat das Paar Kontakt zu Menschen in der ganzen Welt. Bei freier Verköstigung und Übernachtung können die Menschen eine Woche oder länger auf ihrem Hof mitarbeiten. Vor kurzem haben Gäste zusammen mit Wibke und Stefan ein neues Fachwerkhaus mit Strohballen verkleidet. Die Strohballen halten das Haus warm. Sie sollen später verputzt werden. Der erste Versuch war schiefgegangen. Sie hatten vergessen, zwischen Fachwerk und Strohballen eine Zwischenschicht anzubringen. Diese Isolierschicht ist aber nötig, damit die Feuchtigkeit abgehalten wird. Das haben sie erst gemerkt, als das Stroh feucht wurde. Also haben sie alles wieder abgebaut und von vorne angefangen. Weil so viele Menschen dabei mitgeholfen haben, war es am Ende gar nicht so schlimm. Auch beim Obst- und Gemüseanbau erlebt Wibke Seifarth manchmal, dass man durch Fehler lernt. Dann denkt sie: "Toll, dass ich es im nächsten Jahr noch mal versuchen kann."

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Felsen. Der Mann wirft Äpfel in die Luft und fängt sie wieder auf. © Gene Glover / Agentur Focus

Auch Cindy Lamp und Henri Abs sind Gäste bei den inklusiven Safttagen. Er zeigt ihr, wie man mit Äpfeln jonglieren kann.

Wibke und Stefan haben einen guten Kontakt zu ihren Nachbarn. Stefan sagt:  „Neulich war ein Freund von uns zu Besuch. Er hat für eine ältere Nachbarin ein Gartentor gebaut. Als Lohn hat sie eine Spende für unsere Werkstatt gegeben. Inzwischen wissen die Leute im Dorf, dass sie zu uns kommen können. Das spricht sich mehr und mehr rum.“ Einmal im Monat veranstaltet Stefan Raabe in seiner Werkstatt ein Repair-Café. Das Wort repair ist englisch. Es heißt: flicken, in Stand setzen, reparieren. Zum Repair-Café kommen Menschen aus der Umgebung  in die Werkstatt. Sie bringen ihre kaputten Geräte oder Möbel mit. Mit Hilfe von Stefan reparieren sie die Sachen gemeinsam. Demnächst will ein Tischler auf dem Hof einen Kurs für Holzbearbeitung anbieten. Dahin können dann auch Menschen aus der Nachbarschaft kommen.

Dem Paar macht es nichts aus, dass es in ihrer Gegend keine Kinos, Kneipen, Theater und Konzerte gibt. Wibke Seifarth sagt: „Eigentlich passiert hier unheimlich viel. Wir haben eine Theatergruppe, mit der wir Stücke aufführen. Im Sommer gibt es Hoffeste. Im Winter treffen wir uns alle zwei Wochen zu Filmabenden. Das ist dann unser Dorfkino.“ Wibke und Stefan warten nicht, bis ihnen Unterhaltung geboten wird. Sie machen sich ihre Unterhaltung selbst. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, müssen sie manchmal Nebenjobs annehmen. Manchmal bekommen sie auch Fördergelder. Wibke sagt: „Wir kommen mit wenig Geld aus. Wir teilen uns ein Auto mit vier Leuten aus der Nachbarschaft. Unser Obst und Gemüse bauen wir selber an.

In den ostdeutschen Bundesländern sind die Bedingungen für Raumpioniere gut. Zum einen ist hier viel leer stehender Raum für wenig Geld zu haben. Zum andern sind die Behörden hier nicht ganz so streng wie im Westen. Es guckt zum Beispiel nicht dauernd jemand nach, wie viele Toiletten es auf dem Hof gibt. Und ob die Anzahl für alle Gäste reicht. Oder ob der Giebel einer neuen Scheune einen bestimmten Winkel hat. Wibke Seifarths Freundin Lena Strixner sagt: „Meine Eltern wohnen in Oberbayern. Da ist schon alles fertig. Da wohnen viele reiche Leute. Sie haben hohe Ansprüche daran, was man alles braucht. Hier in Mecklenburg-Vorpommern ist es viel einfacher.“ Die beiden Raumpioniere Wibke Seifarth und Stefan Raabe zeigen, dass ein gutes Leben auch ohne Bequemlichkeit und Reichtum möglich ist. Viel wichtiger ist eine gute Gemeinschaft.