Kleine Gemeinden, große Ziele

Ein wichtiges Ziel der Aktion Mensch ist Inklusion. Inklusion heißt: Alle Menschen können gleichberechtigt miteinander leben, arbeiten und lernen. Auch wenn sie eine Behinderung haben. Und auch wenn sie arm sind. Die Aktion Mensch hat fünf kleine und große Gemeinden in Deutschland ausgesucht. Diese fünf Gemeinden wollen Inklusion verwirklichen. Dabei hilft die Aktion Mensch den fünf Gemeinden mit ihrem Projekt "Kommune Inklusiv". Die fünf Gemeinden sollen Vorbilder sein für andere Städte in Deutschland. Zwei der fünf Gemeinden sind Nieder-Olm und Schneverdingen. Sie liegen beide in ländlichen Gegenden. Wir stellen die beide Orte vor. Und wir erklären, worum es bei dem Projekt "Kommune Inklusiv" geht.

Ein Park: im Vordergrund Heide und Beete. Im Hintergrund Bäume.

Schneverdingen in der Lüneburger Heide macht mit beim Projekt "Kommune Inklusiv"

Text Dagmar Puh  Übersetzung Astrid Eichstedt
Fotos Andreas Reeg und Isadora Tast

Carolina Zibell ist bei der Aktion Mensch Leiterin des Projekts "Kommune Inklusiv". Sie sagt: „Wir helfen den Gemeinden mit Beratung und Fortbildung. Wir sorgen für die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Selbsthilfe und Unternehmen. Nur so können die Gemeinden inklusiv werden."

Damit Inklusion klappt, muss man Barrieren beseitigen. Treppen können zum Beispiel Barrieren sein. Denn sie behindern Menschen mit Geh-Behinderung oder Rollstuhlfahrer. Auch eine schwere oder eine fremde Sprache kann eine Barriere sein. Wissenschaftler der Universität Frankfurt am Main beobachten, welche Barrieren in den fünf Gemeinden beseitigt werden. Sie begleiten das Projekt "Kommune Inklusiv" von Anfang an.

Eine Frau im Rollstuhl mit Hund an der Leine

Gracia Schade kümmert sich um Barrierefreiheit in Nieder-Olm

Die Aktion Mensch hat fünf Kommunen ausgesucht.

Rund 130 Gemeinden aus Deutschland wollten bei dem Projekt "Kommune Inklusiv" mitmachen. Es gab aber nur Platz für fünf Gemeinden. Die Aktion Mensch hat fünf Gemeinden ausgesucht. Zuerst mussten die Gemeinden viele Fragen beantworten. Zum Beispiel: Arbeitet die Gemeinde schon mit Vereinen, Wohlfahrtsverbänden und Unternehmen zusammen? Haben Sie auch wirklich genug Zeit für das Projekt? Wissen Sie genügend über Inklusion? Können Sie mit Ihren Ideen wirklich das Leben von Menschen mit Behinderung, armen Menschen und geflüchteten Menschen verbessern? Dürfen die Bürger darüber mitbestimmen, was geändert werden soll? Bei den fünf Kommunen sollten größere und kleine Gemeinden sein. Am Ende hat die Aktion Mensch die Gemeinden Rostock, Erlangen, Schwäbisch Gmünd, Nieder-Olm und Schneverdingen ausgesucht.

Nieder-Olm und Schneverdingen sind die kleinsten Gemeinden, die bei "Kommune Inklusiv" mitmachen. In Nieder-Olm gibt es schon lange Projekte, die Inklusion vorantreiben. Für Schneverdingen ist Inklusion noch neu. Wir zeigen, was die Gemeinden vorhaben. Wir zeigen auch, welche Probleme es gibt. Und wir stellen Menschen vor, die sich um die Verwirklichung von Inklusion kümmern.

Ein älterer Mann auf einem Weg in den Weinbergern

Alois Sacher lebt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Er ist gern in den Weinbergen unterwegs

Nieder-Olm in Rheinland-Pfalz

Nieder-Olm liegt in der Region Rheinhessen in der Nähe der Stadt Mainz. Nieder-Olm ist eine Verbandsgemeinde. Das heißt: Sie besteht aus einem Verband von acht Orten: Essenheim, Jugenheim, Klein-Winternheim, Ober-Olm, Sörgenloch, Stadecken-Elsheim, Zornheim und der Stadt Nieder-Olm. Rund um die Orte gibt es Weinberge und Hügel. Die Landschaft ist schön. Die Menschen sind schnell in Mainz. Darum wohnen die Menschen gerne hier. Heute wohnen hier 34.500 Menschen. Das sind doppelt so viele Menschen wie vor 40 Jahren. 10.000 davon wohnen in der Stadt Nieder-Olm. 

Die Menschen in Nieder-Olm haben schon viel erreicht. Es gibt zum Beispiel ein Projekt gegen den Hass auf Ausländer. Dafür hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Nieder-Olm im Jahr 2010 als "Ort der Vielfalt" ausgezeichnet. Ein anderes Beispiel ist ein Plan, wie man dafür sorgen kann, dass die Behindertenrechts-Konvention Wirklichkeit wird. Im Aktions-Plan steht zum Beispiel, dass Barrieren für Menschen mit Behinderung verschwinden sollen. Den Plan haben Mitglieder der Gemeinde mit und ohne Behinderung zusammen gemacht. Annette Hambach-Spiegler arbeitet als Abteilungsleiterin Bürgerdienste in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm. Sie ist zuständig für Inklusion. Sie sagt: „Viele Ziele aus dem Plan haben wir inzwischen erreicht. Zum Beispiel haben jetzt mehr Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz. Wichtige Briefe und Formulare gibt es jetzt auch in Leichter Sprache.“ Ein anderes Beispiel: Ein Arbeitskreis klärt die Bürger in Nieder-Olm über Demenz auf. Menschen mit Demenz verlieren nach und nach ihr Gedächtnis. Sie brauchen besondere Pflege und Zuwendung.

Leute mit und ohne Behinderung stoßen auf einem Platz mit Wein an.

Am Weinstand auf dem Markt in Nieder-Olm

Zusammen haben wir oft gute Ideen

Dienstags ist Markt in der Stadt Nieder-Olm. Gracia Schade ist fast immer dabei. Sie will auf dem Markt nicht nur einkaufen. Gracia Schade ist in Nieder-Olm die Netzwerk-Koordinatorin der Maßnahme "Kommune Inklusiv". Das heißt: Sie sorgt für die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Selbsthilfe und Unternehmen. Auf dem Markt trifft sie sich mit Menschen mit und ohne Behinderung. Zusammen wollen sie dafür sorgen, dass niemand behindert wird. Gracia Schade erzählt: „Meistens unterhalten wir uns dienstags bei einem Glas Wein. Dann kommen oft auch andere Leute dazu. Zusammen haben wir oft gute Ideen.“

Im Netzwerk von Nieder-Olm arbeiten sieben Einrichtungen zusammen:

  • die Gesellschaft für ambulante und stationäre Altenhilfe
  • die Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie
  • die Lebenshilfe Mainz-Bingen
  • die Lebenshilfe Rheinland-Pfalz
  • die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter und chronisch Kranker
  • die Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen
  • die Landesantidiskriminierungsstelle Rheinland-Pfalz.

Nieder-Olm wollte schon länger inklusiv werden. Durch die Zusammenarbeit mit der Aktion Mensch hat die Gemeinde etwas gelernt: Man darf nicht zu viel auf einmal machen. Manche Vorhaben mussten gestrichen werden. Für das Jahr 2018 sind aber noch viele Dinge geplant. Einige Beispiele: Es soll einen Bildungs-Treff geben. Menschen mit geistiger Einschränkung, Geflüchtete und ältere Menschen können dort Lesen und Schreiben üben. Außerdem bekommen sie Hilfe mit Briefen von Behörden. Es soll Informationsblätter in Leichter Sprache über Gesundheitsvorsorge geben. Geplant ist auch ein Treffen von Unternehmen und Arbeitslosen mit Behinderung oder geflüchteten Menschen. Menschen mit geistiger Einschränkung sollen in ihrer Freizeit eine Assistenz bekommen. Beim Fastnachts-Zug im Februar 2018 ist das Kommune-Inklusiv-Netzwerk mit einem eigenen Fest-Wagen dabei. Gracia Schade sagt: „Der Fastnachts-Zug für uns sehr wichtig. Da zeigen wir uns. Wir haben bestimmt sehr viel Spaß!“

Eine Frau und zwei Männer mit dunklen Brillen in einem Kinosaal

Im Kino in Schneverdingen arbeiten die Mitarbeiter ehrenamtlich

Schneverdingen in Niedersachsen

Meike Moog-Steffens ist Bürgermeisterin in Schneverdingen. Im Februar 2017 bekam sie eine Nachricht von der Aktion Mensch. Darin stand: „Herzlichen Glückwunsch! Wir haben Ihre Gemeinde ausgesucht. Sie können bei unserem Proejekt "Kommune Inklusiv" mitmachen.“ Die Bürgermeisterin sagt: „Ich habe mich sehr gefreut." Gleichzeitig hatte sie aber auch ein bisschen Angst. Sie dachte: "Kann unsere kleine Gemeinde das wirklich schaffen?“

Die Angst ist verschwunden. Dass Schneverdingen klein ist, ist sogar gut. Die Gemeinde Schneverdingen besteht aus der Stadt Schneverdingen mit etwa 13.000 Einwohnern und zehn Dörfern. In den Dörfern leben insgesamt etwa 5800 Menschen. Die Bewohner kennen sich gegenseitig und sprechen viel miteinander. Auch zwischen Bürgern und Verwaltung gibt es einen guten Kontakt. Die Idee, bei dem Projekt "Kommune Inklusiv" mitzumachen, hatte Gerhard Suder. Er ist Geschäftsführer der Lebenshilfe Soltau.

Im Jahr 2005 gab es in Schneverdingen einen Arbeitskreis: Jeder Bürger konnte Ideen für ein besseres Leben in Schneverdingen vorschlagen. Seitdem findet dieser Arbeitskreis regelmäßig statt. Inzwischen haben die Bürger über 180 gute Ideen gefunden. Zum Beispiel gibt es jetzt in Schneverdingen ein Kino. Eine andere Idee ist der Bürgerbus. Früher kamen die Busse in Schneverdingen nur selten. Jetzt haben die Bürger ihren eigenen Bus. Er wird von freiwilligen Helfern gesteuert. Und er kommt nun öfter. Vor allem hilft der Bürgerbus Menschen, die nicht gut gehen können. Und Menschen, die nicht selbst Auto fahren.

Zwei Frauen sitzen auf einer Bank und unterhalten sich.

Die Netzwerk-Koordinatorin Ulrike Schloo (rechts)  mit einer Freundin auf einem Trimm-Pfad

Viele Menschen wissen noch nicht genau, was Inklusion ist

Ulrike Schloo ist zusammen mit Oliver Hofmann die Netzwerk-Koordinatorin in Schneverdingen.
Zum Netzwerk der Gemeinde Schneverdingen gehören diese Einrichtungen:

  • das örtliche Mehrgenerationenhaus
  • der Kulturverein Schneverdingen
  • der Turnverein Jahn
  • die Freiwillige Feuerwehr
  • Hilfen aus einer Hand, ein Träger der Kinder- und Jugendhilfe

Die Mitglieder des Netzwerks haben viel Erfahrung. Sie arbeiten schon lange mit vielen verschiedenen Menschen zusammen. Und sie helfen dabei, dass Barrieren verschwinden. Ihr Ziel heißt: „Schneverdingen für alle“. Auch einzelne Menschen arbeiten im Netzwerk mit. Zum Beispiel Claudia Kaube. Sie hat Multiple-Sklerose und ist seit zwei Jahren gehbehindert. „Vorher wusste ich nicht viel über Inklusion und Barrierefreiheit“, erzählt sie. „Aber jetzt weiß ich mehr.“ Seit sie mit Rollator und Liegerad unterwegs ist, gibt es für Claudia Kube viele Barrieren. Zum Beispiel das Kopfsteinpflaster, die kurzen Ampel-Schaltungen, die wenigen Lokale mit barrierefreier Toilette. Sie sagt: „Wir müssen noch viel tun. Menschen mit Behinderung sollen sagen, was sie brauchen. Aber auch andere Gruppen sollten das tun. Gut wäre auch ein Haus, wo sich alle Selbsthilfe-Gruppen treffen. Dort könnte auch das Flüchtlingscafé sein.

Auch die Bürger entscheiden mit, welche Projekte bei "Kommune Inklusiv" gemacht werden. Im August 2017 fand im Saal des Freizeitbegegnungs-Zentrums das erste Treffen statt. Bürger konnten Fragen stellen und Vorschläge machen. Fast 100 Menschen waren da. Viele Menschen wissen noch nicht genau, was Inklusion ist. „Die meisten denken nur an Inklusion in der Schule“, sagt die Netzwerk-Koordinatorin Ulrike Schloo. Sie und Oliver Hoffmann wollen dafür sorgen, dass sich das ändert. Geplant ist zum Beispiel eine Filmreihe im Schneverdinger Kino zum Thema Inklusion. Außerdem wollen Ulrike Schloo und Oliver Hoffman verschiedene Einrichtungen und Vereine besuchen. "Vielleicht finden wir dort Barrieren, von denen wir nichts wussten. Außerdem wollen wir den Leuten klar machen, wie wichtig Inklusion ist", sagt Oliver Hofmann.

Seit dem ersten Treffen im August haben sich viele Bürger bei Ulrike Schloo und Oliver Hoffman gemeldet. Die Bürger wollen, dass alle besser in ihrer Gemeinde leben können. Vielen Bürgern geht es aber nicht schnell genug. Beim Projekt „Kommune Inklusiv" braucht die Vorbereitung viel Zeit. Gerhard Suder sagt. „Wir müssen lange genug über die Ideen nachdenken. Sie sollen ja auch lange wirken.“