Vor zehn Jahren zog die Schriftstellerin Juli Zeh aus der Großstadt aufs Dorf.
Auch Udo Sierck lebt seit vielen Jahren auf dem Land. Er ist Mitbegründer der Krüppel-Bewegung. Hier berichten die beiden über ihre Erfahrungen in Sachen Vielfalt und Toleranz.

Text: Juli Zeh
Übersetzung: Ulrich Steilen

Illustration: Julie Zeh

Juli Zeh, 43, ist Schriftstellerin und Journalistin. Für ihre Arbeiten hat sie viele Preise bekommen. Sie ist politisch aktiv und lebt in Brandenburg.

Wir hatten Angst. Vor Nazis, schlecht gelaunten Nachbarn und der allgemeinen Feindseligkeit auf dem Land. Mein Mann und ich waren absolute Stadt-Menschen. Wir kamen aus West-Deutschland und hatten auch noch beide einen seltsamen Beruf: Schriftsteller. Meist arbeiteten wir nachts und kamen nicht vor mittags aus dem Bett. Wir fragten uns: Wird ein kleines Dorf in Brandenburg so seltsame Menschen wie uns dulden?

In das alte Haus unter großen Bäumen hatten wir uns rein zufällig verliebt. Für Reparaturen und Erneuerung hatten wir unser gesamtes Geld ausgegeben. Als wir einzogen, gehörten uns ein alter VW-Bus und zwei Hunde. Und wir hatten eine Menge ungenaue Vorstellungen vom Landleben. Zwar lasen wir keine Zeitschriften wie „Landlust“ oder „Country“. Aber dafür glaubten wir, dass im Dorf jeder jeden kontrolliert und sich die Leute gegenseitig aufhetzen.

Wir haben viele Jahre in Leipzig gelebt. Dort mussten wir erleben, dass es immer mehr Regeln und Vorschriften gab. Und die Freiheiten wurden weniger. Solange man genauso lebte wie fast alle anderen, gab es kein Problem. Aber sobald man die Regeln nicht beachtete, gab es Ärger. Zum Beispiel wenn man den Hund nicht an der Leine hatte. Oder wenn man eine Zigarette rauchte, dort wo man es nicht durfte. Oder wenn man sein Fahrrad schlecht parkte. Ständig stritten wir mit Leuten herum, die sich als Hilfs-Polizisten aufspielten. Wir wollten unsere Ruhe. Und unser Leben leben, wie es uns gefiel. Als wir auf das Dorf zogen, hatten wir vor einer Sache am meisten Angst: Dass es dort noch schlimmer sein könnte.

Das Leben am Gartenzaun

Wenige Tage nach dem Umzug standen wir mit der neuen Nachbarin am Zaun. Wir lernten bald, dass der Gartenzaun im Dorf besonders wichtig ist. Dort passiert, was sonst im Internet passiert. Hier tauscht man Informationen aus, macht Geschäfte und schließt Freundschaften. Unsere Nachbarin fragte uns, wo wir herkommen. Wegen unserem Auto-Kennzeichen dachte sie, wir kommen aus Sachsen. Leipzig liegt in Sachsen. Wir antworteten, dass wir in Westdeutschland geboren sind. Und wir dachten, wir müssten uns dafür ein bisschen schämen. Aber die Nachbarin rief nur: „Gott sei Dank! Ich dachte schon, jetzt kommen die Sachsen.“

Nichts Besonderes

Dass wir Wessis waren, war also nicht so schlimm. Das machte uns Mut. Wir machten die Erfahrung, dass wir als Schriftsteller nichts Besonderes waren. Im Vergleich zu unseren Dorf-Nachbarn waren wir eher langweilige Spießer. Zum Beispiel gab es da ein homosexuelles Paar. Das Paar vermietete sein Haus ab und zu an Filmfirmen. Die Filmfirmen drehten dort Schwulen-Pornos. Und die Dorfbewohner standen am Gartenzaun und hatten ihren Spaß. Oder es gab Menschen, die im Garten riesige Palmen aus Plastik sammelten. Andere Menschen verkleideten sich als Indianer, bevor sie in den Wald gingen. Und eine Oma, die mit ihren 80 Jahren alleine mit ihrem Auto nach Pforzheim fuhr. Zu ihrer eigenen Augenoperation. Sie sagte: „Den Mittelstreifen auf der Straße kann ich mit dem linken Auge noch ganz gut erkennen.“ Es gab Leute, die gegen Impfungen waren. Leute, die Zebus züchteten. Zebus sind eine besondere Rinder-Rasse. Es gab Schrottsammler und Brandstifter. Menschen, die hart arbeiteten, um in einer armen Gegend ihre Familien zu ernähren. Die am Gartenzaun Sachen tauschten. Die zum Grillen vorbeikamen. Manchmal tranken sie dann so viel Alkohol, dass man sie in der Schubkarre nach Hause fahren musste. Wenn ich mit einem Huhn auf dem Kopf durchs Dorf gelaufen wäre, hätten meine Nachbarn höchstens gesagt: „Ich glaube, dir sitzt ein Huhn auf dem Kopf.“ Falls sie es überhaupt gemerkt hätten.

Viele verschiedene Menschen

Eine Weile lebten wir so glücklich wie im Paradies. Wir fühlten uns frei. Dann kam eine Zeit, in der wir viel lernen mussten. Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen beginnt. Darüber haben sich viele wichtige Philosophen Gedanken gemacht. Aber was das im richtigen Leben heißt, lernt man nur, wenn man mit vielen verschiedenen Leuten zusammenlebt.

In der Stadt hatte ich mich oft mit anderen gestritten. Dabei ging es meistens um Regeln und Vorschriften. Was für ein Mensch der andere ist, war nicht wichtig. Ansonsten hatte ich in der Stadt nur unter Leuten gelebt, die so ähnlich waren wie ich. Ich kannte fast nur Leute, die dasselbe machten, dachten und sagten wie ich. Jeder hockte mit Leuten zusammen, die so waren wie man selbst: die Studenten bei den Studenten, Arbeiter bei den Arbeitern, Rentner bei den Rentnern, junge Mütter bei anderen jungen Müttern und so weiter. Und wenn einem trotzdem etwas nicht passte, dann haute man einfach ab. Man wechselte den Studiengang, suchte sich einen neuen Job oder einen neuen Partner. Man zog in eine neue Wohnung, einen anderen Stadtteil oder gleich in eine andere Stadt.

Wir lernten, um Hilfe zu bitten

Auf dem Dorf geht das nicht. Wenn man dort ein Haus besitzt, ist man mit dem Ort verbunden. Man verkauft es nicht so einfach. Und in unserer ist es auch nicht leicht, ein Haus zu verkaufen. Wir konnten nicht weg. Durch Zufall waren wir in dieses bestimmte Dorf gekommen. Mitten unter ein paar Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen. Diese Umgebung mussten wir jetzt aushalten. Wir lernten, andere um Hilfe zu bitten. Zum Beispiel wenn wir einen Baum fällen oder einen Brunnen bohren wollten. Wir lernten, dass man Hilfe nicht mit Geld bezahlt. Man muss es aushalten, dem anderen einen Gefallen zu schulden. Wir lernten, über das Wetter zu reden. Oder zu sagen: „Irgendwas ist immer.“ Und Schnaps zu trinken, obwohl er uns nicht schmeckt. Wir lernten, dass man nicht immer gleich die Polizei ruft, wenn einen etwas stört.

Manches war für uns am Anfang schwer. Zum Beispiel zum Nachbarn zu gehen und ihm zu sagen, dass uns etwas störte. Etwa das der Hahn zu laut krähte, die Partys am Wochenende nervten oder wir keine fremden Kinder im Garten haben wollten. Wir lernten auch das. Und erhielten ein großes Geschenk dafür: Das echte Leben.

Das echte Leben

Viele Menschen in der Stadt haben das Gefühl, etwas zu vermissen. Sie sehnen sich nach etwas, das echt ist. Deshalb sind auch die Zeitschriften über das Landleben so beliebt. Die Menschen glauben, dass sie sich besser fühlen, wenn sie mehr an die frische Luft gehen. Oder wenn sie im Haushalt vieles selbst machen. Oder ihr eigenes Gemüse anbauen. Viele ziehen aufs Land und haben solche Ideen. Die meisten von ihnen sind nach ein paar Jahren wieder weg. Ihrer Enttäuschung ist dann groß. Und sie glauben, dass sie nur Pech hatten, weil sie in das falsche Dorf gezogen waren. Aber eigentlich waren sie in einem ganz großen Irrtum. Sie haben das echte Leben gesucht. Aber sie wussten gar nicht, was das ist.

Echtes Leben bedeutet, mit Menschen umzugehen. Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat. Jeder Mensch ist anders. Es geht darum, das auszuhalten. Jeden Tag aufs Neue. Und es geht darum, zu lernen, miteinander klarzukommen. Auch wenn man ganz verschieden ist. Das ist sogar schön und es macht das Leben interessant. Man muss dazu nur die eigenen Wünsche und Ansichten mal zurück stellen. Dadurch entstehen echte Beziehungen. Und nur aus echten Beziehungen entsteht echtes Leben. Biotomaten helfen dabei nur bedingt.

„Irgendwas ist immer“

Neulich standen wir mit unserer Nachbarin am Gartenzaun. Plötzlich bremste ein Auto mit Berliner Kennzeichen. Darin saß eine Familie aus dem Bezirk Prenzlauer-Berg. Leute, die die Grünen wählen, Tierschützer sind und den amerikanischen Präsidenten Trump hassen. Die Mutter war aufgeregt. Sie zeigte auf den Garten unserer Nachbarin hinter dem Haus. „Über ihrem Hühnerstall kreist ein Habicht!“, rief sie aus. Unsere Nachbarin verzog keine Miene und sagte: „Deshalb heißt er ja auch Hühner-Habicht“.

Gemeinsam sahen wir zu, wie die Berliner ihre Autofenster hochmachten. Und dann fuhren sie weg. „Wieder kein Regen“, sagte ich irgendwann.
„Irgendwas ist immer“, sagte unsere Nachbarin.

Kein Zweifel: Wir sind zu Hause.


Illustration: Udo Sierck

Udo Sierck, 61, ist Autor. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen. Außerdem ist er seit 40 Jahren in der Behindertenbewegung aktiv. Er lebt in Schleswig-Holstein.

Text: Udo Sierck
Übersetzung: Ulrich Steilen

Man redet nicht so viel bei uns im Dorf. Wenn man die Hand hebt, gilt das schon als freundlicher Gruß. Zu jeder Tageszeit sagt man „Moin, Moin“. Das ersetzt viele Worte. Wer mehr als drei Sätze spricht, bekommt erstmal keine Antwort. Nach einer Minute der Stille sagen die Angesprochenen dann vielleicht: „Ja, so ist das!“. Ich lebe mit meiner Lebensgefährtin in einem alten Bauernhaus in Gnutz. Gnutz ist ein Dorf mit 1.000 Einwohnern. Den Ort kennt kaum jemand. Die Stadt Kiel liegt in der Nähe. Zunächst wohnten wir mit Freunden nur am Wochenende in unserem Haus. Aber jetzt leben wir hier schon seit vielen Jahren. Wir mögen das Landleben sehr.

Auf dem Land bist du der Depp

Wie gesagt, bei uns im Norden braucht man nicht so viele Worte. Das ist zwar sympathisch, kann man aber auch falsch verstehen. Ein Bauer, den ich einmal etwas fragte, antwortete mir nicht. Auch nicht, als ich noch einmal nachfragte. Ich hielt ihn für extrem unfreundlich. Und ich dachte, er antwortet mir nicht, weil ich ein Spastiker bin. Erst später bemerkte ich, dass der Mann schwerhörig war. Er wollte diese Einschränkung nicht zugeben.

Manche Leute hatten mich gewarnt und gesagt: „Auf dem Land bist du der Dorfdepp“. Und das war nicht ohne Grund. Da war zum Beispiel der Nachbarsjunge mit seinem Kumpel. Die beiden machten sich darüber lustig, wie ich laufe. Sie schämten sich überhaupt nicht dabei. Oder die Besitzerin des Hofladens. Sie wollte mir die Tür vor der Nase zuschlagen, ohne darüber nachzudenken. Und die Arzthelferin, die zu mir meinte: „Sie sind bestimmt Rentner.“ Ich sagte ihr, dass ich Lehrer bin und Texte schreibe. Danach behandelte sie mich ganz anders. Sie war extrem höflich zu mir. Und das hatte seinen Grund. Sie hatte gerade etwas erlebt, was sie für unmöglich hielt.

Im Dorf gibt es selten Menschen mit Behinderung, die selbstbewusst sind und selbstbestimmt leben. Menschen mit Behinderung wohnen und arbeiten hier meistens in einer Einrichtung. Also zum Beispiel in einer Werkstatt und in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Im Supermarkt oder in die Pizzeria trifft man Menschen mit Behinderung nur in betreuten Gruppen an. Die Gruppen sind dann immer sehr auffällig. Immerhin macht sich keiner über sie lustig. Liegt das daran, dass Menschen mit Behinderung hier einfach dazu gehören? Oder, sind die Leute einfach gleichgültig?

Innerlich bereit machen

Früher lebte ich in Hamburg. Wenn ich aus dem Haus ging, war das oft nicht einfach für mich. Es gab immer Kinder, die mich das erste Mal sahen. Dann fragten sie die Mutter laut: „Warum geht der so komisch?“. Es half nicht, den Nachbarn zu erklären, dass ich eine Spastik habe. Es kamen immer neue Leute, die sehr neugierig waren. Wenn ich bei sonnigem Wetter an der Elbe spazieren ging, guckten mich immer Leute an. Für sie war ich interessanter als der Luxusdampfer, der aus dem Hafen fuhr. Die Blicke waren immer da. Ich konnte nichts dagegen tun. Wirklich entspannend war das selten.

Wenn ich im Dorf aus der Haustür komme, ist da niemand. Man kann sich bewegen, ohne beobachtet zu werden. Man kann in die Sonne gucken, den Ameisen zuschauen oder in Ruhe nachdenken. Deshalb ist Landleben mehr als ein schöner Bauerngarten, Apfelbäume und frei laufende Hühner. Landleben, das bedeutet für mich: Ein ruhiger Ort, an dem ich freiwillig lebe. Dort kann ich über all das nachdenken, was ich erlebt habe. Das tut besonders gut nach anstrengenden Reisen. Oder nach meinen Lehr-Veranstaltungen in großen Städten.

In unserer Dorfstraße haben wir nur wenige direkte Nachbarn. Keiner von ihnen wundert sich darüber, wie ich mich bewege. Es gibt auch niemanden, der mir ständig helfen will. Aber ich bin mir sicher: Falls ich Hilfe brauche, muss ich nur den Mund aufmachen.

Früher sagten die Leute immer: Wenn man aus der Stadt kommt und im Dorf dazugehören will, muss man etwas tun. Zum Beispiel Mitglied werden bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Schützenverein. Oder in den Chor oder den Sportverein eintreten. Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Für mich hat das Ankommen im Dorf lange gedauert. Es ging immer ein Stück weiter. Und es gab immer ein bisschen mehr Respekt. Zum Beispiel hatte mir einmal eine Nachbarin beim Rasenmähen zugesehen. Sie meinte dann: „Das sieht zwar gefährlich aus. Aber: Alle Achtung!“.

Erstaunliche Wirkung

Für die Leute im Dorf sind körperliche oder geistige Einschränkungen etwas, das alte Menschen haben. Deshalb waren auch die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes überrascht: Denn, nein, ich wollte ihnen nicht meine Sorgen erzählen. Und ich wollte nicht Essen auf Rädern bestellen. Und ich brauchte auch keine Einkaufshilfe oder eine Rechts-Beratung. Ich wollte nur eine Bescheinigung für die Pflegekasse. Ich kann meinen Alltag selbst organisieren und brauche keine Hilfe vom Pflegedienst. Das war für das helfende Personal eine neue Erkenntnis: Es gibt ein selbstbestimmtes Leben mit einer Behinderung.

Diese Erkenntnis ist durch meine Anwesenheit ins Dorf gekommen. Und das hat eine erstaunliche Wirkung. Ganz plötzlich beginnt der eine über seine Zuckerkrankheit zu reden. Der nächste über seine Hörbehinderung. Und die Frau im Rollstuhl erzählt von ihrem Alltag. Denn natürlich gab und gibt es im Dorf immer Bewohner mit Behinderung. Menschen mit ganz unterschiedlichen körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderungen. Vielen fällt es aber schwer, darüber zu reden. Denn noch immer gilt eine Behinderung als persönlicher Fehler.

Es gab noch ein anderes Thema im Dorf, über das man nicht redete. Erst als ich ins Dorf zog, änderte sich das. Es ging um einen Jugendlichen, der in der Nazi-Zeit verschwunden war. Dieser Jugendliche galt als schwierig. Vielleicht hatte er eine Behinderung. In Wahrheit ist er aber nicht einfach verschwunden. Sondern er wurde von den Nazis ermordet. Er ist in der Psychiatrie in Schleswig verhungert. Seit 2017 steht in der Kreisstadt ein Denkmal für diesen Jungen und für andere Nazi-Opfer.

Inzwischen soll in unserem Dorf für ein Bauernhaus renoviert werden. Dort soll dann eine Wohngruppe von Menschen mit Behinderung leben. Es bewegt sich etwas in Gnutz. Für mich hat es eine ganz besondere Bedeutung, dass ich diese Veränderungen mit anstoße.

Ja, so ist das.

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