Mit Behinderung auf dem Land leben: Geht das überhaupt?

Inklusion bedeutet: Jeder Mensch soll überall dabei sein und mitmachen können. Egal ob man eine Behinderung hat oder nicht. Aber funktioniert das überhaupt, wenn man auf dem Land lebt? Gibt es dort genug Angebote und Hilfe für Menschen mit Behinderung? Wir haben mit Professor Johannes Schädler darüber gesprochen. Wir haben fünf Behauptungen über das Leben auf dem Land aufgestellt. Hier sind seine Antworten darauf:

Text und Übersetzung: Stefanie Wulff

Prof. Schädler

Johannes Schädler ist Professor für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik an der Universität Siegen. Er forscht unter anderem zur Inklusion in ländlichen Räumen.

Behauptung eins: Menschen mit Behinderung können in der Stadt besser leben als auf dem Land.

Johannes Schädler: So würde ich das zwar nicht sagen. Aber leider stimmt das zum Teil. Auf dem Land gibt es weniger Einrichtungen, die Menschen mit Behinderung unterstützen können. Es gibt auch weniger Ärzte, Therapeuten und Beratungsstellen als in der Stadt. Aber man muss unterscheiden: Kleine Orte in der Nähe von großen Städten sind noch ganz gut versorgt. Menschen mit Behinderung können die Angebote von hier aus noch gut erreichen. Aber es gibt auch kleine Orte, wo keine größere Stadt in der Nähe ist. Dann ist es für Menschen mit Behinderung viel schwieriger, Unterstützung zu bekommen. In solchen Gegenden leben immerhin 20 Prozent der Bevölkerung.

Behauptung zwei: Auf dem Dorf ist es schwer, Menschen mit Behinderung zuhause zu versorgen.

Johannes Schädler: Das stimmt nicht ganz. Früher hat man gedacht: Wenn ein Mensch mit Behinderung Hilfe braucht, dann kommt er am besten in eine spezielle Einrichtung. Zum Beispiel in ein Wohnheim. Heute denken wir: Man muss sich jeden einzelnen Fall genau anschauen. Was braucht der einzelne Mensch mit Behinderung, wenn er zuhause wohnen bleiben möchte? Wer kann helfen? Dann muss man die richtigen Hilfen zusammenstellen. Das nennt man "individuelle Teilhabeplanung". Der einzelne Mensch steht dabei im Mittelpunkt. Es gibt damit allerdings auch Probleme. Es gibt zwar Profis, die Menschen mit Behinderung in ländlichen Gegenden zuhause unterstützen können. Doch die müssen oft sehr weit fahren, um den Menschen mit Behinderung zu helfen. Das kostet viel Zeit und Geld. Deshalb verdient der Pflegedienst zu wenig. Das muss sich ändern. Denn jeder Mensch hat das Recht, versorgt zu werden. Egal, wo er wohnt.

Behauptung drei: Auf dem Land brauchen wir weiterhin Förderschulen, Werkstätten und Wohnheime für Menschen mit Behinderung.

Johannes Schädler: Nein, es kann auch ohne gehen. Auch auf dem Land kann es inklusive Kitas und Schulen geben. Auch hier können Menschen mit und ohne Behinderung zusammen wohnen und arbeiten. Das hängt davon ab, wie die Menschen in einer Gegend grundsätzlich denken. Denken sie eher inklusiv, dann gehen zum Beispiel viel mehr Kinder mit und ohne Behinderung zusammen zur Kita und in die Schule. Trotzdem gibt es heute noch viele Kinder, die zur Förderschule gehen. Und die müssen auf dem Land sehr weit zur Schule gefahren werden. Das ist mühsam. Diese Kinder mit Behinderung haben außerdem wenig Kontakt zu Kindern ohne Behinderung.

Das Gleiche gilt auch für Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Die Mitarbeiter auf dem Land müssen auch oft sehr weit hin und zurück gefahren werden. Besser wäre es auch, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten. Doch leider gibt es nicht genug Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung außerhalb der Werkstätten. Das neue Bundesteilhabegesetz bietet aber neue Chancen. Jetzt können auch kleine Unternehmen einfacher Fördermittel für Mitarbeiter mit Behinderung bekommen. Dafür müssen sich die Menschen vor Ort aber selbst einsetzen.

Zum Thema Wohnen in ländlichen Gegenden kann man sagen: Es gibt zu wenig Angebote für betreutes Wohnen. Beim betreuten Wohnen können Menschen mit Behinderung in der eignen Wohnung leben. Sie erhalten zuhause die nötige Unterstützung. Weil es auf dem Land zu wenig Angebote gibt, müssen noch viele Menschen mit Behinderung vom Land in die Stadt ziehen.

Behauptung vier: Auf dem Land ist es für Menschen mit Behinderung besonders schwierig, Hilfe und Beratung zu bekommen.

Johannes Schädler: Auf dem Land gibt es zu wenig Hilfe und Beratungsstellen. In der Stadt gibt es zwar mehr Hilfe und Beratungsstellen. Doch nicht jede Beratungsstelle kann alle Fragen beantworten. Deswegen sollten alle Beratungsstellen besser zusammen arbeiten. So können auch Menschen mit Behinderung auf dem Land besser Hilfe bekommen. Es gibt bereits gute Beispiele für solche Vernetzungen. In Rheinland-Pfalz wurden zum Beispiel "dezentrale Pflegestützpunkte" eingerichtet. In diesen Einrichtungen erhalten pflegebedürftige Personen und Angehörige Rat und Hilfe. Solche "Stützpunkte" sollte es auch für Menschen mit Behinderung in ländlichen Räumen geben.

Behauptung fünf: Auf dem Land kennen sich die Leute. Sie helfen sich hier gegenseitig.

Johannes Schädler: Familien und Nachbarn halten auf dem Land noch mehr zusammen als in der Stadt. Das gilt vor allem für weit entfernte Gegenden. Vor allem pflegebedürftige Menschen erhalten oft Hilfe von Familienmitgliedern oder Nachbarn. Sie fahren die Pflegebedürftigen zum Beispiel zum Arzt oder kaufen ein. Solche Hilfen sind in größeren Städten seltener. Denn hier wohnen viele ältere Menschen allein ohne Familienangehörige. Hilfen durch Verwandte und Bekannte gibt es auf dem Land also eher als in der Stadt. Aber trotzdem braucht man zusätzlich auch Profis, die Menschen mit Behinderung auf dem Land helfen.