Kinder brauchen jemanden, der an sie glaubt

2011 hat Hella Wenders einen Film über die Grundschule Berg Fidel in Münster gemacht. Der Film heißt „Berg Fidel – eine Schule für alle“. Er zeigt, wie ganz unterschiedliche Kinder diese Schule besuchen und gemeinsam lernen. 2017 hat Hella Wenders den Film „Schule, Schule – die Zeit nach Berg Fidel“ (2017) gemacht. Darin zeigt sie, was inzwischen aus den Kindern aus dem ersten Film geworden ist. Hella Wenders spricht über ihre Arbeit. Und sie spricht darüber, was Kinder stark macht.

Porträtfoto der Filmemacherin Hella Wenders Foto: P. Desbrosses

Hella Wenders ist 41 Jahre alt. Sie hat in Bochum Film- und Fernsehwissenschaften studiert. Ihr Abschlussfim „Berg Fidel – eine Schule für alle“ hat 2011 den Hauptpreis Lüdia beim Filmfest Lünen bekommen. Insgesamt 40.000 Zuschauer haben den Film im Kino gesehen. Später hat sie in Berlin noch Film-Regie studiert. Hella Wenders hat viele Filme in verschiedenen Ländern gemacht. Zum Beispiel für die Hilfs-Organisation Oxfam und für die Musik-Gruppe "Die Toten Hosen".

Interview: Oyindamola Alashe
Übersetzung: Astrid Eichstedt

Sie haben in Bochum Film- und Fernsehwissenschaften studiert. Warum haben Sie ihren Abschluss-Film über die Grundschule Berg Fidel gemacht?
Meine Mutter ist Lehrerin. Sie hat an der Grundschule Berg Fidel unterrichtet. Heute unterrichtet sie an der Primus-Schule. 2007 habe ich ihre Klasse besucht. Ich fand es toll, wie die Kinder dort Streit geklärt haben. Außerdem hat mich beeindruckt, wie die unterschiedlich alten Kinder in den Klassen zusammen lernen. Das hat mich auf die Idee gebracht, den Film „Berg Fidel – eine Schule für alle“ zu machen.

Haben Sie selbst auch als Schülerin Inklusion erlebt?
In meiner Grundschule und im Gymnasium gab es leider keine Inklusion. Darum war an der Schule Berg Fidel sehr vieles neu für mich. Erst durch meine Arbeit an dem Film habe ich gelernt, was Inklusion bedeutet.

Finden Sie es schade, dass Sie als Schülerin keine Inklusion erlebt haben?
Inzwischen finde ich es schon schade. Bei uns gab es keine großen Unterschiede. Ich habe damals keine Menschen kennengelernt, die andere Erfahrungen hatten. Es gab zum Beispiel keine Ausländer oder Menschen mit Behinderung. Wenn doch mal jemand mit Lernschwierigkeiten da war, war er auch schnell wieder weg. Für mich war die Grundschule Berg Fidel deshalb eine sehr gute neue Erfahrung. Ich habe dadurch viel gelernt.

Hella Wenders vor einer Kinoleinwand auf der ihr Film läuft
© Patrick Desbrosses

Ihr zweiter Film heißt „Schule, Schule – die Zeit nach Berg Fidel“. Er zeigt, was die Kinder aus dem ersten Film als Jugendliche machen. Haben Sie den zweiten Film von Anfang an geplant?
Eigentlich hatten die Zuschauer des ersten Films diese Idee. Sie haben mich immer wieder gefragt: Und wie geht es den Kindern jetzt? Auch ich war neugierig auf die Entwicklung der Kinder. Ich hatte immer Kontakt zu ihnen und ihren Familien. Im zweiten Film wollte ich zeigen, wie es ihnen auf den weiterführenden Schulen geht.

Wie haben Sie den Schulwechsel der Kinder erlebt?
In der Grundschule haben sich die Kinder gut verstanden. Deshalb waren viele von ihnen traurig, als sie nach der vierten Klasse auf verschiedene Schulen mussten.

Geht es in dem zweiten Film auch um Inklusion?
Ja. Auch weil jedes Kind gerne von den anderen angenommen werden möchte. Das war allen Kindern wichtig, die im Film vorkommen.

Welche Erfahrungen haben die Kinder nach dem Schulwechsel gemacht? 
Ihre Erfahrungen waren unterschiedlich. Samira will vor allem zu den anderen dazugehören. Sie sucht Freunde und Anerkennung. Aber sie hat Angst, ausgegrenzt zu werden. Sie möchte nicht von den anderen getrennt werden, weil sie wegen schlechter Leistungen in andere Kurse kommt. Jakob ist ein Junge mit Down-Syndrom. Er ist sehr freundlich. Und er ist gut im Kunstunterricht. Seine Mitschüler mögen ihn gerne. Sein Bruder David ist gut in Musik. Er kann nicht gut Hören und Sehen. Darüber spricht er ganz offen.
Auch Anita ist in beiden Filmen dabei. Ihre Eltern konnten sich nicht viel um sie kümmern. Sie hatten andere Sorgen. Sie sind aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet. Dort im südlichen Europa hatte die Roma-Familie kein Geld und keine Arbeit. Hier in Deutschland wollten sie arbeiten und Geld verdienen. Und sie wollten gerne auf Dauer hier bleiben dürfen. Sie wussten nichts über deutsche Schulen. Und sie verstanden die deutsche Sprache nicht richtig. Nach der Grundschule kam Anita auf eine Förderschule. Sie war dort nicht glücklich. Dann hat sie ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Sie glaubte erst nicht, dass sie es schafft. Aber wir haben immer wieder zu ihr gesagt: Wir wollen Deinen Abschluss filmen. Es wäre so schön, wenn Du es schaffst.

Und dann hat sie es geschafft!
Ja. Inzwischen hat sie auch eine Ausbildung als Kosmetikerin abgeschlossen. Das ist ein großer Erfolg. Wir glauben, dass ihre guten Erfahrungen in der Berg Fidel-Schule dazu beigetragen haben. Kinder müssen wissen: Da ist jemand, der an mich glaubt.

Was hat Sie bei den Dreharbeiten besonders berührt?
Sehr vieles. Die Kinder haben ja eine große Entwicklung gemacht. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher einen Schulabschluss gemacht hat, hat mich das besonders berührt. Weil der Jugendliche dann in einen neuen Lebens-Abschnitt wechselt.

Manche Menschen nennen Sie eine Anwältin der Kinder. Was meinen Sie damit?
In beiden Filmen vertrete ich die Anliegen der Kinder und Jugendlichen. Ich will, dass sie eine Stimme in der Gesellschaft bekommen. Die Zuschauer sehen, dass es gut es ist, wenn unterschiedliche Kinder zusammen in die Schule gehen können. Ich glaube, dass der erste Film viele Menschen zum Nachdenken gebracht hat. Dadurch hat er mitgeholfen, dass es heute eine Primus-Schule gibt. Auf der können Schüler auch nach der Grundschule bis zur zehnten Klasse gemeinsam lernen.

In den Filmen sprechen vor allem die Kinder. Kommt auch Ihre eigene Meinung vor?
Natürlich habe ich selbst eine Meinung. Die kommt in beiden Filmen auch vor. Ich habe gesehen, dass das gemeinsame Lernen von verschiedenen Kindern klappt. Und dass es für die verschiedenen Kinder gut ist, wenn sie zusammen lernen. Jetzt hoffe ich, dass sich in unseren Schulen noch vieles verändert.

Die Schule

Aus der Grundschule Berg Fidel ist 2014 die Primus-Schule Münster hervorgegangen. Es ist eine Modell-Schule. Das heißt: Hier werden neue Unterrichts-Formen ausprobiert. Sie werden vielleicht später von anderen Schulen übernommen. An der Primus-Schule lernen  unterschiedlich alte Kinder mit und ohne Behinderung bis zur zehnten Klasse zusammen. Es gibt noch vier ähnliche Schulen. Wissenschaftler begleiten diese Modell-Schulen. Sie wollen herausfinden, wie sich das längere gemeinsame Lernen auf die Kinder auswirkt.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich genau?
Ich möchte, dass Lehrer, Politiker und Eltern mehr miteinander über die Schule reden. Deshalb freue ich mich, wenn meine Filme im Unterricht gezeigt werden. Ich halte es für falsch, dass Kinder schon so früh Noten bekommen. Es ist nicht gut, sie in gute und schlechte Schüler einzuteilen. Auch finde ich es nicht gut, wenn Kinder nach der Grundschule auf verschiedene Schul-Formen aufgeteilt werden. Ich habe ja gesehen, dass das gemeinsame Lernen für die Kinder gut ist. Sie haben alle viel gelernt. Ich finde es toll, wie sie sich entwickelt haben.

Inzwischen haben Sie selbst zwei Kinder. Hat das Ihre Meinung über Schule verändert?
Vielleicht. Ich habe mich viel mit den Schulen in Deutschland beschäftigt. Für meine Kinder wünsche ich mir eine Schule, die ihnen genug Zeit für ihre Entwicklung lässt. Eine Schule, in der sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Persönlichkeiten entfalten können.


Vier der Jungen und Mädchen von Berg Fidel

Ein junges Mädchen mit schwarzer Lederjacke und langen Haaren an einem Flussufer. © Christian Wyrwa

Anita

Anita ist als kleines Kind mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet. Nach der Grundschule hat sie keine inklusive weiterführende Schule gefunden. Deshalb kam sie auf eine Förderschule. Später hat sie ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Inzwischen hat sie eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht. Zeit für Hobbies hat Anita nicht. In ihrer Freizeit muss sie meistens auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen.

Ein Junge mit blondem kinnlangen Haar sitzt an einem Klavier. © Christian Wyrwa

David

David spielt Klavier seit er sehr klein ist. Er erfindet auch selber neue Klavierstücke. Zum Beispiel „Schifffahrt“ Das ist ein Stück über den Meeresboden. David kann schlecht sehen und hören. Er wünschte sich eine weiterführende Schule mit Teppichboden. Weil der Teppichboden die Geräusche dämpft, funktioniert sein Hörgerät dann besser. Er hat eine private Schule mit Teppichboden gefunden. Aber dort kann er kein Abitur machen. Die Schule geht nur bis zur zehnten Klasse . David möchte gerne Weltraum-Forscher werden.

Ein junge mit Down-Syndrom mit schulterlangem blonden Haar und einem kleinen Plüschpinguin auf der Schulter © Christian Wyrwa

Jakob

Jakob ist der kleine Bruder von David. Er hat das Down-Syndrom. Jakob kann gut andere Kinder aufmuntern, wenn sie traurig sind. Seine Eltern haben durchgesetzt, dass er auf dieselbe private Schule gehen kann wie David. Jakob hat eine Freundin. Mit seinen Witzen bringt er sie  immer zum Lachen.

Ein Mädchen mit kurzem hellbraunen Haar trägt ein Skateboard in den Händen. © Christian Wyrwa

Samira

Samira kam nach der Grundschule auf eine Gesamtschule. Sie fand den Wechsel sehr schwierig: Auf der Grundschule waren 200 Schüler. In der Gesamtschule sind 1.500 Schüler. Samira mag Musik von der finnischen Rock-Gruppe Sunrise Avenue. Sie übersetzt in der Englischnachhilfe manchmal Liedtexte von der Rock-Gruppe. Die Eltern von Samira sind nicht ihre leiblichen Eltern. Die kennt sie nicht.

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