Demenzdörfer - manche Menschen schimpfen darüber, andere loben sie sehr. In Demenzdörfern leben nur Menschen mit Demenz. Demenz ist eine Krankheit, bei dem das Gehirn immer schlechter funktioniert. Menschen mit Demenz vergessen zum Beispiel, wo sie wohnen oder wie sie heißen. Demenzdörfer sind eine neue Idee, wie man Menschen mit Demenz besser betreuen kann. Doch nicht jeder findet die Idee gut. Warum ist das so? Die Journalistin Sarah Schelp hat das Demenzdorf Tönebön am See in Hameln besucht. Sie berichtet, wie es dort ist.

Text: Sarah Schelp
Übersetzung: Constanze Lopez

Emmi Sander* wundert sich. „Was soll das denn werden?“, fragt sie und zeigt auf die Girlanden im Garten. Sie hat vergessen, dass sie die Frage schon drei Mal gestellt hat. Sie weiß auch nicht mehr, dass es heute ein Gartenfest stattfindet. Emmi Sander wundert sich immer wieder neu: „Ein Fest?“, ruft sie. „Es darf getanzt werden“, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Frau Sander, 84 Jahre alt, ist an Demenz erkrankt. Das Gespräch mit ihr aufzuschreiben, ist schwierig. Man will sich nicht über sie lustig machen. Aber sie sagt manchmal Dinge, die sehr seltsam und oft lustig sind. Doch wer sie kennenlernt, lacht gerne mit ihr. Denn sie ist ein sehr fröhlicher Mensch.

Eine ältere Dame tanzt mit einer zweiten bei einem Gartenfest

Gartenfest im Demenzdorf Tönebön

52 Menschen mit Demenz

Im Pflegeheim Tönebön am See wohnen 52 Menschen mit Demenz. Das Pflegeheim liegt am Stadtrand von Hameln. Am Nachmittag laufen gerade einige Patienten mit dem Rollator ihre Runden. Immer wieder die gleiche Strecke im Kreis. Andere sind in ihrem Zimmer oder im Café des Pflegeheims. Das Pflegeheim in Hameln hat 2014 geöffnet. Das Heim war das erste Demenzdorf in Deutschland. Träger ist die Julius Tönebön Stiftung. Sieben Millionen Euro hat das Heim gekostet.

Zum Heim gehört ein großer Garten. Hier gibt es keine Stufen oder Hindernisse. Die vier Wohnhäuser sind miteinander verbunden. In Die Mitte des Gartens hat man eine Art Dorfplatz gebaut. Außerdem gibt es ein kleines Geschäft, wo die Bewohner einkaufen können. Ein Pflegeheim, das aussieht wie ein kleines Dorf. Bis 2014 war das völlig neu. Experten schätzen, dass im Moment etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland leben. Davon leben etwa eine Million zu Hause. Sie bekommen Hilfe von ambulanten Pflegediensten. 0,6 Millionen Menschen mit Demenz leben in Pflegeheimen.

Selbst bestimmen

Im Demenzdorf und Pflegeheim Tönebön am See sollten die Menschen so viel wie möglich selbst bestimmen. Diese Idee war in der Pflege von Menschen mit Demenz auch neu. Die Angestellten tragen normale Kleidung. Die Patienten heißen Bewohner und leben in Wohngruppen. Sie bekommen Hilfe, wenn sie welche brauchen. Zum Beispiel helfen die Angestellten beim Einkauf, beim Kochen und Waschen. Das Pflege-Personal hat mehr Zeit für die Bewohner als in normalen Pflegeheimen. Der Alltag im Heim richtet sich nach den Bewohnern. Es gibt keine festen Zeiten, wo man waschen muss oder wann es Kaffee gibt. Das Pflegeheim Tönebön soll nicht aussehen wie ein Pflegeheim.

Außenansicht eines Gebäudes im Demenzdorf Tönebön am See

Demenzdorf Tönebön

Wie ein normales Dorf

Es soll aussehen, wie ein normales Dorf. Doch die Bewohner müssen dafür auch mehr bezahlen, als in anderen Pflegeheimen in der Region: Es sind etwa 200 Euro pro Monat mehr. Im Moment baut man gerade zwei neue Wohnhäuser in Tönebön. Dort können weitere 24 Bewohner einziehen. Doch auch die neuen Plätze im Heim sind noch zu wenig. Viele Menschen aus ganz Deutschland wollen einen Platz in diesem Heim. Die Warteliste ist lang.

Inzwischen gibt es ein ähnliches Heim der Arbeiterwohlfahrt bei Aachen. Außerdem gibt es mehrere Pläne, um noch mehr Demenzdörfer zu bauen. Man könnte sagen, dass Demenzdörfer ein neuer Trend sind. Doch es gibt auch Menschen, die Demenzdörfer sehr schlecht finden. Am meisten Ärger hat das allererste Demenzdorf bekommen: 2009 öffnete das Pflegeheim De Hogeweyk in den Niederlanden. Dort sieht es auch wie in einem Dorf aus. Aber es gibt dort auch Dinge, die nur für die Bewohner erfunden worden sind. Zum Beispiel gibt es dort eine unechte Bushaltestelle. Dort warten einige Menschen mit Demenz auf den Bus. Doch der kommt nie. Die Haltestelle ist nicht echt. Es ist wie im Theater. Die Angestellten wissen, dass die Haltestelle nicht echt ist. Doch die Bewohner mit Demenz glauben, dass bald der Bus kommt. Durch ihre Krankheit vergessen sie, dass sie schon viel zu lange warten. Sie wundern sich auch nicht, dass noch nie ein Bus gekommen ist.

Ein älterer Herr kratzt sich nachdenklich am Kopf

Bewohner des Demenzdorfs Tönebön

Darf man Menschen mit Demenz anlügen?

"Gemein ist das", sagt Michael Schmieder. Er ist Leiter des Pflegeheims Sonnweid in der Schweiz und Fachmann für Ethik. Ethik-Experten denken darüber nach, was man machen darf und was lieber nicht. Zum Beispiel: Darf man Menschen mit Demenz anlügen? Eigentlich merken sie es nicht. Doch ist es deswegen okay? Michael Schmieder findet das nicht. Die Bewohner seien „dement, nicht bescheuert“. Schmieder denkt, dass die Menschen in Heimen wie De Hogeweyk „verarscht“ werden. Auch andere Menschen denken, dass solche Demenzdörfer nicht in Ordnung sind. Sie sagen, dass die Patienten mit Absicht belogen werden, damit man sie leichter Pflegen kann. Die Bushaltestelle gibt es zum Beispiel, weil manche Patienten sehr unruhig sind. Wenn sie auf den Bus warten, haben sie eine Beschäftigung.

Auch im Heim Tönebön am See gab es Ärger. So schimpfen einige zum Beispiel: Das Heim sperrt die demenzkranken Menschen einfach weg. Sie wohnen am Rand der Stadt, wo sie keiner sieht. Auch der Zaun um das Heim, sorgte für Ärger: Die Menschen mit Demenz können nicht frei herumlaufen. Sie werden eingeschlossen und können nicht raus. Das Heim sagt dagegen, dass der Zaun die Menschen mit Demenz schützen soll. Bei dem Streit um die Demenzdörfer fällt auf: Die Fachleute und Wissenschaftler schimpfen und finden vieles schlecht. Doch die Patienten, Angehörigen und das Pflege-Personal sind oft zufrieden. Und es gibt einen echten Erfolg. In den Demenzdörfern brauchen die Menschen viel weniger Psychopharmaka. Psychopharmaka sind Tabletten, die Menschen mit psychischen Krankheiten helfen sollen. Sie können zum Beispiel unruhige Patienten ruhiger machen. Ein weiterer Vorteil: In den Demenzdörfern müssen viel weniger Menschen an ein Bett oder Stuhl gebunden werden.

Ein altes Kinderfoto und ein Porzellanleopard auf einer Fensterbank

Erinnerungen verschwinden

Emmi Sanders Tochter ist zufrieden, dass ihre Mutter in dem Demenzdorf lebt. Sie fühlt sich hier wohl. Doch nach einem Besuch von Mutter und Tochter ist es manchmal schwer. Emmi Sanders wird dann klar, dass sie in einem Heim wohnt. Dann sagt sie zu ihrer Tochter, dass sie ihre eigene Mutter nie ins Heim gebracht hätte.

Das Traurige an der Demenz ist vielleicht zugleich auch das Glück: Demenzkranke vergessen mit der Zeit sehr viel. So vergessen sie zum Beispiel, dass der Abschied manchmal sehr traurig ist. Die Angehörigen haben es schwerer. Sie müssen zusehen, wie jede Erinnerung eines geliebten Menschen verschwindet. Wer seinen Angehörigen ins Heim gibt, möchte wenigstens, dass er es schön dort hat. Das Demenzdorf könnte in diesem Moment genau das richtige sein: Es bietet ein Zuhause, wenn die Kranken das eigene vergessen.

Doch die Demenzdörfer sind auch keine Lösung. Eigentlich kann nur Inklusion eine Lösung sein. Also dass Menschen mit Demenz ganz selbstverständlich auch im echten Leben wohnen und leben können. Experten schätzen, dass im Jahr 2050 schon drei Millionen Menschen Demenz haben werden. Man müsste viel mehr und größere Demenzdörfer bauen. Ob das funktioniert, ist aber auch nicht klar. Wahrscheinlich kann man so vielen Menschen mit Demenz nur helfen, wenn man mehr ambulante Pflege anbietet.