Die meisten Förderschüler wechseln später in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Doch gute Maßnahmen zeigen: Das muss nicht so sein.

Text und Übersetzung: Astrid Eichstedt
Bilder: Jann Höfer

Fünfmal pro Woche klingelt Philipp Adolfs Wecker um viertel nach sieben. Eine halbe Stunde später steigt er aufs Fahrrad. Für den Weg zur Arbeit braucht er zehn Minuten. Um acht Uhr beginnt seine Arbeit im Schweinezucht-Betrieb Buskasper. Philipp Adolf ist 23 Jahre alt. Er wohnt in Velen. Das ist ein kleiner Ort im Münsterland. Auf dem Bauernhof zu arbeiten war schon lange Philipp Adolfs Traum. Dass der mal Wirklichkeit wird, war nicht selbstverständlich. Philipp Adolf hat eine Förderschule für geistige Entwicklung besucht. Danach wechselte er in eine Werkstatt für behinderte Menschen.

Nur wenige Werkstatt-Beschäftigte schaffen es auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Es sind weniger als 1 Prozent. Philipp Adolf ist einer von ihnen. Das verdankt er vor allem seinem starken Willen. Auch seine Werkstatt hat ihn unterstützt. Und Petra Mönstermann hat ihm geholfen. Sie arbeitet für den Integrations-Fachdienst (IFD) in den Kreisen Borken und Coesfeld. Integrations-Fachdienste gibt es in ganz Deutschland. Sie kümmern sich um Menschen, die schlechte Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Sie helfen ihnen, eine Festanstellung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu bekommen.

Schon als Schüler machte Philipp ein Praktikum im Schweinezucht-Betrieb

Ein junger Mann mit einem Ferkel auf dem Arm steht neben einem etwas älteren Mann in grüner Latzhose.

Philipp Adolf und der Landwirt Stefan Buskasper

Zurzeit hilft Petra Mönstermann 23 Werkstatt-Beschäftigten. Sie alle wollen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 23 Jahre alt. Die Berufs-Wünsche ihrer Klienten nimmt sie ernst. Zusammen mit den Mitarbeitern der Werkstatt überlegt sie: Was muss derjenige dazulernen? Wo kann er das lernen? Was kostet das? Kann er das? Welche Arbeitgeber kommen infrage?

Petra Mönstermann ist viel unterwegs. Sie pflegt Kontakte zu Arbeitgebern und zur Agentur für Arbeit. Manchmal trifft sie sich mit Kollegen zum Erfahrungs-Austausch. Und sie besucht ihre Klienten. Die betreut sie bis zum Ende der Probezeit. Und später je nach Bedarf. Sie prüft zum Beispiel, ob Vorgesetzte und Kollegen ihre Klienten richtig anleiten. Und ob sie im eigenen Tempo arbeiten dürfen. Ab und zu gibt es Probleme. Dann trifft sich Petra Mönstermann mit allen Beteiligten zum klärenden Gespräch. Manchmal muss ein Job-Coach helfen. Mit ihm können die Klienten nochmal ihre Arbeitsabläufe üben.

Petra Mönstermann unterstützt Philipp Adolf seit dem Ende seiner Schulzeit. Vorher hatte ihn eine Kollegin von Petra Mönstermann begleitet. Schon als Schüler machte Philipp Adolf sein erstes Praktikum im Schweinezucht-Betrieb Buskasper. Nach dem Ende der Schulzeit kam er zuerst in eine Werkstatt für behinderte Menschen. In einer Werkstatt durchläuft man nacheinander drei Bereiche: Erst drei Monate Eingangs-Verfahren. Dann zwei Jahre Berufsbildungs-Bereich. In beiden Bereichen geht es um Weiterbildung. Danach folgt der Arbeits-Bereich. Im Eingangs-Verfahren wird auch festgestellt, ob jemand einen Anspruch auf einen Werkstatt-Platz hat. Diesen Anspruch erhalten Menschen meistens wegen ihrer Behinderung. Es heißt dann: Wegen ihrer Behinderung können sie nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig werden.

So funktioniert das Budget für Arbeit

Auf einem Bauernhof: Zwei Männer stehen mit einer Frau zusammen.

Petra Mönstermann besucht Philipp Adolf bei der Arbeit.

So war es auch bei Philipp Adolf. Er verbrachte schon im Eingangs-Verfahren viel Zeit im Schweinezucht-Betrieb. Dort machte er auch den Trecker-Führerschein. Und er lernte viel über die Ferkel-Aufzucht. Petra Mönstermann sagt: "Viele meiner Klienten können schon im Eingangs-Verfahren in Betrieben arbeiten. Darüber sind sie froh. Sie sagen: Ich hab ja schon so viel gemacht. Ich will nicht in die Werkstatt. Ihnen antworte ich: Brauchst du auch nicht. Du bist zwar noch bei der Werkstatt angestellt. Aber unser Ziel ist der allgemeine Arbeitsmarkt.“ Bei Philipp Adolf hat das geklappt.

Wer mit einem Werkstatt-Anspruch auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechselt, kann das Budget für Arbeit in Anspruch nehmen. Das funktioniert so: Der Arbeitgeber zahlt dem Mitarbeiter mit Behinderung einen Tarif-Lohn. Bis zu Dreiviertel davon erstattet ihm der Träger der Eingliederungshilfe. Das Geld kommt aus dem Budget für Arbeit. Diese Regelung ist Teil des Bundes-Teilhabegesetzes. 2018 trat sie in Kraft.

Die meisten Werkstatt-Beschäftigten wechseln nicht auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Trotzdem können sie dort arbeiten: auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz. Es gibt immer mehr ausgelagerte Werkstatt-Arbeitsplätze. Martin Berg bestätigt das. Er ist Vorstands-Vorsitzender der Bundes-Arbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. (BAG WfbM). Martin Berg sagt: „In den letzten Jahren hat sich viel geändert. Werkstätten sind heute für sehr viele verschiedene Industrie-Zweige tätig.“ Werkstätten müssen regelmäßig viele Aufträge erfüllen. Dafür brauchen sie viele Beschäftigte. Deshalb wollen manche Betreiber von Werkstätten ihre Beschäftigten möglichst behalten. Sie wollen nicht gerne, dass sie auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln.

Auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz lernt man die Arbeitswelt außerhalb der Werkstatt kennen

Wer auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz arbeitet, bleibt Beschäftigter der Werkstatt. Er kann zum Beispiel als Hilfspfleger im Krankenhaus arbeiten. Oder als Altenbetreuer im Pflegeheim. Oder als Hilfsarbeiter im Möbelbau. Auch seinen monatlichen Lohn zahlt die Werkstatt. Es ist meistens nicht viel mehr als die 200 Euro Taschengeld, die jemand auch sonst in der Werkstatt bekommt. „Inzwischen gibt es in Deutschland über 20.000 Außenarbeitsplätze", sagt Martin Berg.

Die Werkstatt XTERN gehört zur Caritas in Rheinland-Pfalz. 2018 arbeiteten fünf Prozent ihrer Beschäftigten im Arbeitsbereich auf ausgelagerten Arbeitsplätzen. Im Berufsbildungs-Bereich waren es sogar 15 Prozent. Doris Hein ist die Leiterin von XTERN. Sie sagt: „Wir kennen die meisten Betriebe in unserer Gegend. Wir wissen, wo Bedarf besteht.“

Einem Werkstatt-Beschäftigten im Berufsbildungs-Bereich zahlt ein Betrieb keinen Lohn. Dafür muss er ihn ausbilden. Doris Hein sagt: „Der junge Mensch soll keine günstige Arbeitskraft sein. Im Berufsbildungsbereich soll er wirklich etwas lernen.“ Ausgelagerte Arbeitsplätze sollen den Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt fördern. Denn so lernen Werkstatt-Beschäftigte die Arbeitswelt außerhalb der Werkstatt kennen.

Auch der Verein Unkonventionell will Werkstatt-Beschäftigten den Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt über Außen-Arbeitsplätze ermöglichen. Der Verein ist ein Zusammenschluss von 50 Werkstatt-Vertretern. Dieter Basener ist ein Vorstands-Mitglied von Unkonventionell. Er findet es schade, dass es nicht genug andere Möglichkeiten neben den Werkstätten gibt. Dieter Basener sagt: „Viele Abgänger von Förderschulen wollen gerne auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Dabei müsste man sie mit allen Mitteln unterstützen. Erst wenn das scheitert, müsste die Werkstatt als zweite Möglichkeit da sein."

Manches spricht für die Werkstatt. Anderes spricht dagegen

Ein junges Mädchen steht in einer Hotelküche.

Ann-Christin Thewes

Die Hamburger Arbeits-Assistenz (HAA) unterstützt seit 1992 Menschen mit geistiger Einschränkung beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Inzwischen hat sie weit über 1.000 Menschen anstatt in die Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Sie arbeitet nach der Methode der "Unterstützten Beschäftigung". Diese Methode stammt aus den USA. Am Anfang stehen die Fragen: Welche Interessen und Fähigkeiten hat jemand? Welche Arbeit passt zu seinen Interessen und Fähigkeiten? Dann sucht die HAA passende Firmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dort kann der Betreffende verschiedene Praktika machen. Dabei sammelt er berufliche Erfahrungen. Etwa zwei Drittel der Teilnehmenden wechseln danach in feste Arbeitsverhältnisse. Mitarbeiter der Hamburger Arbeits-Assistenz unterstützen die Menschen dort solange, bis sie alleine klarkommen.

Ähnlich macht es auch die gemeinnützige GmbH Access in Erlangen. Sie wurde schon öfter von der Aktion Mensch gefördert. Access kümmert sich um Menschen, die wenige Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Seit ihrer Gründung 1998 hat Access über 700 Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Die Geschäftsführerin von Access ist Andrea Seeger. Sie sagt: „Ich bin nicht für die Abschaffung von Werkstätten. Für manche Menschen sind Werkstätten das Richtige. Aber neben Werkstätten müsste es mehr andere Möglichkeiten geben."

Eltern wünschen sich für ihre Kinder meistens eine sichere Zukunft. Werkstätten bieten Sicherheit. Es gibt Vollbetreuung. Die Tagesabläufe sind geregelt. Jeden Monat kommen 400 Euro in die Rentenkasse. Eine Kündigung ist fast ausgeschlossen. Aber es gibt auch Nachteile. In der Werkstatt bleiben Menschen mit Behinderung unter sich. Sie haben nur wenig eigenes Geld. Sie bleiben unselbständig. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verdienen sie ihr eigenes Geld. Dadurch sind sie selbstständiger.

Manches spricht für die Werkstatt. Anderes spricht dagegen. Deshalb ist es wichtig, Förderschul-Abgänger und ihre gesetzlichen Betreuer ehrlich zu beraten. Die gesetzlichen Betreuer sind meistens die Eltern. So ist es auch bei Ann-Christin Thewes. Sie wollte nicht in die Werkstatt. Sie wollte in der Gastronomie arbeiten. Ihre Eltern haben sie dabei von Anfang an unterstützt. Ann-Christin Thewes ist 21 Jahre alt. Sie ist auch eine Klientin von Petra Mönstermann. Ann-Christin Thewes hat die Förderschule Haus Hall besucht. Während ihrer Schulzeit machte sie schon Praktika in der Gastronomie. Nach der Schulzeit wechselte sie in eine Werkstatt für behinderte Menschen.

Philipp Adolf ist durch seine Arbeit selbstständiger geworden

Ein junger Mann mit Brille steht in einem Stall.

Philipp Adolf

Einen Großteil der Berufsbildungs-Zeit verbrachte Anne-Christin Thewes bei ihrem zukünftigen Arbeitgeber. Nach der Berufsbildungs-Zeit bekam sie einen festen Job. Heute arbeitet sie in einem Seminarhaus in der kalten Küche. Sie bereitet das Frühstück mit vor. Sie füllt Platten auf. Außerdem putzt sie Salate. Und sie schneidet Obst und Gemüse. Am meisten gefällt ihr der Kontakt zu den Gästen. Ann-Christin braucht bestimmte Abläufe bei der Arbeit. Ihre Kollegen müssen lernen, darauf einzugehen. Manchmal versteht Ann-Christin etwas nicht. Es fällt ihr dann schwer nachzufragen. Das muss sie lernen.

Mit einem Anspruch auf einen Werkstatt-Platz ist jemand voll erwerbsgemindert. So nennt das die Agentur für Arbeit. Trotzdem arbeiten die meisten dieser Menschen. Der größte Teil von ihnen in Werkstätten. Ein kleiner Teil auf ausgelagerten Arbeitsplätzen. Und wenige auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Wie viele von ihnen könnten tatsächlich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche Experten sprechen von zehn Prozent. Andere meinen: 50 oder 70 Prozent. Wieder andere sagen: Wer arbeiten kann, kann das auch auf dem ersten Arbeitsmarkt. Egal, welche Zahl stimmt: Ganz sicher sind es viel mehr als 1 Prozent.

Warum stellen Arbeitgeber Menschen mit geistiger Einschränkung ein? Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Weil es passt. Und weil eine vielfältige Belegschaft das Betriebsklima verbessern kann. Philipp Adolf ist durch seine Arbeit selbstständiger geworden. Vor Kurzem zog er bei seinen Eltern aus. Jetzt wohnt er mit seinem Bruder zusammen. Philipp Adolf sagt: „Gerade lerne ich für den Pkw-Führerschein. Den kann ich für meinen Job brauchen. Aber auch für mich selbst.“


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