In Bremen gibt es die inklusive Kreativ-Werkstatt „GuckMal“. Dort können Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam Kunst-Projekte machen. Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Elternhäusern machen mit. Die Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ gehört zum Jugendhaus Tenever.

Ein Mädchen arbeitet in einer kunterbunten Küche

Die Küche der Kreativ-Werkstatt „GuckMal“

Text: Wibke Bergemann
Übersetzung: Stefanie Wulff
Fotos: Roman Pawlowski

Ein junges Mädchen steht vor einer Wand mit Graffiti

Annabell

Annabell sitzt vor einem großen Blatt Papier. „Was soll ich malen?“ fragt sie. Sie lächelt verlegen. Dann malt sie Köpfe. Das kann sie am besten. Die Köpfe haben runde Augen und wilde Münder. Christian kommt zum Tisch. „Malst Du Pokémons?“ fragt er. Annabell lacht. Dann knufft sie Christian in den Bauch. Annabell mag es, wenn Christian mit ihr Spaß macht.

Annabell kommt fast jeden Tag ins Jugendhaus Tenever. Mal spielt sie mit den anderen Fußball. Mal malt sie im Atelier. Annabel ist 18 Jahre alt. Früher war die inklusive Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ in einem eigenen Gebäude untergebracht. Sie gehörte zur St. Petri Kinder- und Jugendhilfe gGmbH. Damals bekam die Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ Fördergelder von der Aktion Mensch. Dann endete die Förderung. Das Projekt war sehr erfolgreich. Deshalb wurden neue Räume für die Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ gesucht.

Man fand sie im Jugendhaus Tenever. Das ist ein offenes Jugendfreizeitheim. Junge Menschen zwischen 10 und 21 Jahren können hier einfach vorbei kommen. Sie müssen sich nicht anmelden. Sie können hier ihre Freizeit verbringen. Das Jugendhaus Tenever gehört auch zur St. Petri Kinder- und Jugendhilfe gGmbH. Einige Jugendliche mussten sich erst einmal an die Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ gewöhnen. Cemile Tolan von der St. Petri Kinder- und Jugendhilfe gGmbH sagt: „Die Jugendlichen kannten es nicht, dass auch Jugendliche mit Behinderung mitmachen. Manche haben die Jugendlichen mit Behinderung beleidigt. Andere sind einfach weggegangen, wenn die Jugendlichen mit Behinderung kamen.“ Auch Annabell wurde beleidigt.

Alle Jugendlichen können mitmachen

Inklusion in der Jugendarbeit bedeutet: Jugendliche mit und ohne Behinderung verbringen gemeinsam ihre freie Zeit. Das klappt aber nur, wenn man die Jugendlichen darauf vorbereitet. Deshalb sprachen die Betreuer im Jugendhaus Tenever lange mit den Jugendlichen. Sie machten ihnen klar: Alle haben ein Recht darauf, ins Jugendhaus zu kommen. Viele Jugendliche ohne Behinderung kamen schon sehr lange ins Jugendhaus. Plötzlich hatten sie das Gefühl: Alles dreht sich nur noch um die Jugendlichen aus der Kreativ-Werkstatt „GuckMal“. Deshalb gab es einmal in der Woche eine gemeinsame Besprechung. Hier konnten alle Jugendlichen ihre Wünsche und Sorgen äußern. Außerdem gab es in den Ferien eine Projekt-Woche. Die Jugendlichen aus der Kreativ-Werkstatt "GuckMal“ luden die anderen Jugendlichen in ihr Atelier ein. Da machten sie zum ersten Mal etwas zusammen.

Es dauerte ungefähr zwei Jahre, bis sich alle aneinander gewöhnt hatten. Inzwischen gehört die Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ fest zum Jugendhaus Tenever. Neue Freundschaften sind entstanden. Jugendliche mit und ohne Behinderung verbringen ganz selbstverständlich ihre Freizeit miteinander. Die Jugendlichen gehen jetzt freundlich und respektvoll miteinander um.

Eine Gebäudewand mit Schriftzug "Jugendhaus Tenever" und Graffiti

Gemeinsame Projekte

Es gibt jetzt viele gemeinsame Projekte. Die Jugendlichen machen zusammen Ausflüge. Mit der Kreativ-Werkstatt „GuckMal“ gibt es jetzt mehr Angebote im Jugendhaus. Beide Bereiche ergänzen sich gut. In einem Teil des Gebäudes können die Jugendlichen chillen. Das bedeutet, sie machen nicht viel und ruhen sich aus. Sie können hier toben, kochen oder Tischtennis spielen. Es gibt auch eine Play-Station und WLAN. Das gehört heute für die Jugendlichen einfach dazu. Am Anfang haben sich die Jugendlichen auch sehr darüber gefreut. Aber heute legen sie ihr Handy immer öfter weg. Sie möchten lieber beim Programm im Jugendhaus mitmachen.

Im anderen Teil des Gebäudes ist es etwas ruhiger. Hier ist das Atelier der Kreativ-Werkstatt „GuckMal“. Zwei große Arbeitstische stehen im Raum. Durch große Fenster scheint die Sonne. Eine Wand ist voll bunter Farb-Kleckse. Auch die Küche ist kunterbunt. Das haben die Jugendlichen selbst gemacht. Ein großes Regal ist voll mit Materialien und Farben. In Kisten werden unterschiedliche Dinge zum Basteln aufbewahrt. Die Kisten sind beschriftet. Darauf steht zum Beispiel „Perlen“ oder „Wolle“.

Jamil ist 13 Jahre alt. Er nimmt eine Kiste mit Holz-Formen. Dann nimmt er sich noch den Heiß-Kleber. Er weiß noch nicht genau, was er basteln will. Das ergibt sich ganz von selbst. „Prozess orientiertes Arbeiten“ sagt Leslie Schuy dazu. Sie ist eine von zwei Kunst-Pädagoginnen in der Kreativ-Werkstatt „GuckMal“. Sie sagt: „Die Jugendlichen suchen sich ein Material aus. Dann fangen sie an. Nach und nach entsteht dann etwas. Oft ist das etwas ganz anderes, als die Jugendlichen ursprünglich gedacht haben.“

Leslie Schuy öffnet ein Fenster. Im ganzen Atelier riecht es nach geschmolzenem Kerzen-Wachs. Arwa und Rania stehen in der Küche. Sie wollen eine Kerze gießen. Sie soll die Farben eines Regenbogens haben. Erst muss eine Farb-Schicht kalt werden. Dann gießen sie die nächste Farbe in die Form. Die Mädchen sind 12 und 14 Jahre alt. Sie lassen sich Zeit bei der Arbeit. Zwischendurch schauen sie mal, was Annabell zeichnet. Dann suchen sie die nächste Farbe für ihre Kerze aus.

Hochhaus-Siedlung Tenever

Das Jugendhaus liegt in der Hochhaus-Siedlung Tenever. Tenever war früher ein sozialer Brennpunkt. Das bedeutet: Es gab hier viele Arbeitslose. Es gab viel Kriminalität. Und es gab viele soziale Probleme. Viele Wohnanlagen waren verdreckt und verwahrlost. Das hat sich in den 1990er Jahren geändert. Viele verfallene Gebäude wurden abgerissen. Der Rest der Häuser wurde saniert. Es gibt jetzt weniger dunkle und unheimliche Gegenden im Stadtviertel. Es gibt nicht mehr so viel Kriminalität. Die Wohnanlagen wirken sauber und gepflegt. Aber die Armut ist geblieben. In Tenever gibt es besonders viele arme Kinder.

Cemile Tolan

Cemile Tolan

Manche Jugendliche haben sehr viele Geschwister. Die Wohnungen sind oft klein. Viele Eltern können ihre Kinder bei den Schularbeiten nicht gut unterstützen. Deshalb sind Angebote für Kinder und Jugendlich so wichtig. Das Jugendhaus Tenever ist so ein Angebot.

Die Jugendarbeit in Tenever ist inklusiv. Jugendliche mit und ohne Behinderung können mitmachen. Und auch Kinder aus ganz verschiedenen Familien. Die Mitarbeiter des Jugendhauses Tenever arbeiten außerdem mit vielen anderen Fachleuten zusammen. Zum Beispiel mit der Stadtverwaltung im Ortsteil, mit Schulen und mit der Wohnungsbau-Gesellschaft. Zusammen bilden die Fachleute ein Netzwerk. So können sie gemeinsam Lösungen finden, wenn Jugendliche Probleme haben.

Die Fachleute haben auch Jugendliche aus einem Flüchtlings-Heim ins Jugendhaus Tenever geholt. Vor allem für muslimische und jesidische Mädchen wollten sie Angebote machen. Sie sollen sich im Jugendhaus Tenever sicher fühlen. „Ich bin von Tür zu Tür gegangen, um mit den Eltern der Mädchen zu sprechen“, sagt Cemile Tolan. „Ich habe sie überzeugt, dass ihre Töchter ins Jugendhaus Tenever kommen können.“ Zuhause müssen sich viele Mädchen um die jüngeren Geschwister kümmern. Viele Mädchen sprechen besser deutsch als ihre Eltern. Deshalb müssen sie oft für die Eltern übersetzen. Im Jugendhaus Tenever können sie auch mal über andere Dinge sprechen. Für die Mädchen wurde ein extra Mädchen-Tag im Jugendhaus Tenever eingerichtet. Heute ist jeden Montag Mädchen-Tag.

Der Nachmittag geht zuende. Ein Junge kommt ins Atelier der Kreativ-Werkstatt „GuckMal“. Er ruft die anderen Jugendlichen zum Essen. Annabell will aber noch weiter malen an ihrem Bild mit den Köpfen. Ihr Bild steht jetzt auf einer Staffelei. Sie sprüht mit einer Sprühflasche verdünnte Farbe aufs Bild. Sie sieht aus wie ein Cowboy, der schießt. Und sie lacht dabei.


Blondes Mädchen mit Kaugummiblase

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