Hubertus Siegert macht Dokumentar-Filme. In seinem neuen Kinofilm „Die Kinder der Utopie“ zeigt er ein Treffen von sechs jungen Erwachsenen. Sie haben früher dieselbe Klasse der inklusiven Fläming-Grundschule besucht. Später sind sie dann auf die inklusive Sophie Scholl-Oberschule gewechselt. Manche von ihnen haben eine Behinderung, andere nicht. Andere ehemalige Schüler der inklusiven Berliner Sophie-Scholl-Oberschule haben sich den Film angesehen. Manches kam ihnen aus ihrem eigenen Leben bekannt vor. Sie sprachen mit Hubertus Siegert über ihre inklusive Schulzeit. Sie sprachen auch darüber, wie wichtig Inklusion für ihre Entwicklung war. Das Gespräch leitete Sarah Schelp.

Um einen Tisch sitzen ein älterer Mann, zwei junge Frauen und ein junger Mann. Eine der Frauen sitzt im Rollstuhl.

Clara Ostermayer, Hubertus Siegert, Lisa Reimann und Fidi Baum sprechen über die Folgen ihrer inklusiven Schulzeit.

Interview: Sarah Schelp
Übersetzung: Astrid Eichstedt
Foto: Jan Philip Welchering
Zeichnungen: Gabriella Seemann

Ihr habt euch den Film angesehen. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Lisa: In einer Szene geht es um den Unterschied zwischen der Grundschule und der Oberschule. In der Grundschule hielten die Schüler eng zusammen. In der Oberschule war das anders. Trotz Inklusion. Das war bei mir ähnlich. In der Oberschule waren Kinder mit sogenannter geistiger Behinderung bei manchen Fächern nicht mit dabei. Dadurch gab es weniger Kontakt zu ihnen. Ich fand das sehr schade. Im Film sprechen die ehemaligen Schüler auch über die Schwierigkeit bei der Berufswahl. Das kenne ich auch. Ich habe mein erstes Studium abgebrochen. Danach habe ich länger nicht gewusst, was ich machen will.

Clara: Im Film gehen alle sehr herzlich miteinander um. Auch sehr selbstverständlich. Und gleichberechtigt. Dabei haben sie sich viele Jahre nicht gesehen. Das hat mich berührt.

Fidi: Einige im Film fanden die Sophie-Scholl-Schule nicht so gut. Das hat mich überrascht. Mir hat die Schule sehr gut getan. In meiner Grundschule war ich der Einzige mit einer Behinderung. Die anderen haben mich deswegen oft geärgert. Auf der Sophie-Scholl-Schule konnte ich von vorne anfangen. Das war eine große Erleichterung. Es war auch wichtig, dort andere behinderte Kinder zu treffen. Aber das habe ich erst später gemerkt.

Lisa: Du warst damals schon ein sehr cooler Typ.

Fidi: So habe ich mich selbst nicht wahrgenommen. Aber ich war der Erste, der angefangen hat Zigaretten und Haschisch zu rauchen. Bis die anderen mich deswegen geärgert haben. Ein halbes Jahr später hat die Hälfte der Klasse geraucht. Da war wieder alles gut. Ich habe mich von da an eigentlich immer als normaler Jugendlicher gefühlt. Mir ging es mal gut und mal schlechter. An meine Behinderung habe ich fast nie gedacht.

Hubertus: Ein Onkel von mir hatte eine Querschnittlähmung. Deshalb waren Menschen mit Behinderung für mich etwas Normales. Ich fand es selbstverständlich, anderen Unterstützung anzubieten. Auch die Kinder in meinem Film „Klassenleben“ haben sich gegenseitig unterstützt. Das fand ich toll.


Zeichnung einer jungen Frau mit langem Haar.

Lisa Reimann ist Heilpädagogin. Sie hat die inklusive Fläming-Grundschule besucht. Danach war sie auf der Sophie-Scholl-Oberschule. Auch Lisa Reimann engagiert sich für Inklusion. Darüber schreibt sie auch auf ihrer Internetseite www.inklusionsfakten.de. Sie wohnt in Berlin.


Lisa hat vorhin über die Schwierigkeit bei der Berufswahl gesprochen. Wie war das bei euch?

Fidi: Ich habe nie viele Pläne gemacht. Nach dem Fach-Abitur war ich zuerst arbeitslos. Dann hatte ich einen Job, den ich mochte. Aber die Firma ging pleite. Trotzdem war ich zuversichtlich. 2011 habe ich angefangen, Soziale Arbeit zu studieren. Damals habe ich ein Lied geschrieben. Im Text ging es darum, dass ein großer Hörsaal barrierefrei werden soll. Es hat tatsächlich etwas genützt. Von da an habe ich mich mehr mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Inzwischen mache ich dazu viele Projekte.

Clara: Ich habe letztes Jahr Abitur gemacht. Dann habe ich angefangen, Medizin zu studieren. Mal sehen, ob es das Richtige ist. Meine Schulzeit war wichtig für mein weiteres Leben. Trotz Inklusion musste ich um vieles kämpfen. Zum Beispiel, dass ich Schulhelfer-Stunden bekomme. Oder dass meine Mitschüler mir helfen. In den letzten drei Schuljahren wurde es einfacher. Als meine Mitschüler erwachsener waren, haben sie mir öfter von sich aus geholfen. Beim Kämpfen habe ich aber auch gelernt, meine Schüchternheit zu überwinden. Und um Hilfe zu bitten. Seitdem kann ich sagen, was ich möchte und was ich nicht möchte.

Lisa: Ich war auf inklusiven Schulen. Aber mein Interesse an Inklusion begann erst nach der Schulzeit. Nach dem Abitur wollte ich Lehrerin werden. Ich habe Germanistik und Geschichte studiert. An der Uni gab es die Veranstaltung „Inklusion“. Da habe ich zum ersten Mal gehört, dass die meisten Kinder mit Behinderung auf Förderschulen gehen. Vorher dachte ich, dass alle Schulen inklusiv sind. Ich selbst kannte es ja nicht anders. Der Besuch in einem Förderzentrum hat mich erschreckt. Mein Interesse an Inklusion war geweckt. Daraufhin habe ich mein Studium abgebrochen. Anschließend habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht. Dann bin ich Heilpädagogin geworden. Und ich habe angefangen, im Internet einen Blog über Inklusion zu schreiben.


Zeichnung: Junger Mann mit einer Hand ohne Finger

Graf Fidi ist Rapmusiker. „Graf Fidi“ ist ein Künstlername. Eigentlich heißt er Hans-Friedrich Baum. Er rappt über alles, was ihn beschäftigt. Auch über seine Behinderung. Außerdem ist er Sozialarbeiter. Und er engagiert sich für Inklusion. Graf Fidi hat die Sophie-Scholl-Oberschule besucht. Er wohnt in Berlin.


An eurer Schule war Vielfalt selbstverständlich. Habt Ihr dadurch bestimmte Fähigkeiten entwickelt?

Clara: Meine Klassenlehrer haben mir immer Mut gemacht. Sie haben gesagt: Du darfst ruhig fragen. Und du darfst sagen, dass du etwas nicht magst. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe früh meinen Schulhelfer abgeschafft. Danach musste ich mich alleine durchsetzen. Irgendwann war mir klar: Ich kann alles ausprobieren. Wenn etwas nicht klappt, ist es auch nicht schlimm. So habe ich mich getraut, ein Auslandsjahr zu machen.

Lisa: Ich nehme Behinderung nicht als etwas Besonderes wahr. Für mich ist Behinderung nichts Besonderes. Außerdem habe ich gelernt, Probleme zu lösen. Alle sollen teilhaben können. Die Frage ist: Wie schaffen wir das?

Clara, du warst im Ausland. Und du bist fürs Studium in eine andere Stadt gezogen. Lisa und Fidi, ihr engagiert euch in der Öffentlichkeit. Dazu gehört Mut.

Clara: Eigentlich bin ich schüchtern. Ich rede nicht gerne vor vielen Menschen. Aber wenn mir etwas wichtig ist, versuche ich es trotzdem. Zum Beispiel auf Info-Abenden. Dort berichte ich ehrenamtlich über meine Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin im Auslandsjahr. So kann ich vielleicht ein Vorbild für andere sein. Mein Jahr im Ausland war nicht einfach für mich. Aber es hat mein Selbstbewusstsein gestärkt.

Lisa: Ich habe inklusive Bildung nicht bloß im Studium kennengelernt. Ich habe sie auch selbst erlebt. Das gibt mir viel Selbstbewusstsein. Ich war eine nicht behinderte Schülerin in einer Inklusionsklasse. Das hat mich nicht vom Lernen abgehalten. Im Gegenteil: Ich konnte gut lernen. Und ich fühlte mich gefördert. Ich weiß also, wovon ich rede.

Fidi: Die Zeit auf der Oberschule war entscheidend für mein Selbstvertrauen. Ich stehe gerne in der Öffentlichkeit. Das hat aber auch mit meiner Behinderung zu tun. Ich will zeigen: Was die anderen können, kann ich genauso! Ich fand es schon immer gut, auf einer Bühne zu stehen.


Zeichnung: Junge Frau mit Brille und langem Haar.

Clara Ostermayer hat im Sommer 2018 an der Sophie-Scholl-Schule ihr Abitur gemacht. Danach fing sie an, Medizin zu studieren. Dafür ist sie von Berlin nach Lübeck gezogen.


Hat der Umgang mit Verschiedenheit an eurer Schule geklappt?

Lisa: Trotz allem gab es dort Vorurteile. Es gab auch mal Hänseleien über jemanden mit einer Behinderung. Und es ist auch klar: Nicht alle Menschen mit Behinderung müssen lieb und nett sein. Sie können genauso nerven. Oder Vorurteile haben. Aber an unserer Schule war klar: Wir wollen keine Ungerechtigkeit. Das hat mich geprägt.

Clara: Ich hatte an der Schule wenig Kontakt zu Mitschülern mit geistigen Einschränkungen. Das habe ich vermisst. Als Körperbehinderte hatte ich mit ihnen kaum Berührungspunkte. Oft verbringen diese Schüler mehr Zeit mit ihren Helfern als mit den Mitschülern. Dadurch lernen sie nicht immer, sich durchzusetzen. Dann haben sie auch im späteren Leben Probleme.

Was passiert, wenn Menschen eine nicht inklusive Schule besuchen? Verhalten sie sich dann anders?

Clara: Es macht einen Unterschied, wenn man mit behinderten Menschen aufwächst. Das merke ich oft im Alltag. Zum Beispiel beim Einsteigen in die S-Bahn. Manche Menschen trauen sich nicht, mir mit meinem Rollstuhl zu helfen. Andere machen es einfach. Ich merke es auch daran, wie Leute auf mich zukommen. Ob sie unsicher sind. Wie sie mit mir reden.

Lisa: Ich finde auch, man merkt es ziemlich schnell. Zum Beispiel daran, ob jemand verunsichert ist. Oder daran, welche Fragen jemand stellt. Manche Fragen sind vielleicht nett gemeint. Aber sie sind respektlos. Zum Beispiel die Frage: Welche Behinderung hast du? Man merkt es auch daran, wie Menschen überhaupt mit Vielfalt umgehen. Wie sie damit klarkommen, wenn jemand anders ist.


Zeichnung: Mann mit Glatze

Hubertus Siegert ist Regisseur und Produzent. Er hat unter anderem die Filme „Klassenleben“ und „Die Kinder der Utopie“ gedreht. Für einige seiner Filme hat er Preise bekommen. Hubertus Siegert wohnt in Berlin.


Wie wäre euer Leben wohl ohne inklusive Schulzeit verlaufen?

Fidi: Für mich war die inklusive Oberschule das Beste, was mir passieren konnte. Vorher war ich unsicher. Der enge Zusammenhalt aller Schüler mit und ohne Behinderung hat mir viel von meiner Unsicherheit genommen. Außerdem hatte ich dort meine erste Freundin. Und ich habe mit dem Rappen angefangen. So wurde ich zu dem, der ich heute bin. Ich traue mich, mein Leben selbstbestimmt zu führen.

Clara: Manchmal ging es mir auf der Gesamtschule mit dem Lernen zu langsam. Es gab einige Probleme. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl: Wenn es darauf ankommt, halten wir zusammen. Vielleicht wäre ich auch auf dem Gymnasium gescheitert. Weil man dort nicht auf die Bedürfnisse einer Körperbehinderten eingestellt ist.

Lisa: Vielleicht hätte ich mein Lehramt-Studium nicht abgebrochen. Auf der inklusiven Oberschule waren neben dem Lernen viele andere Dinge wichtig. Zum Beispiel Gerechtigkeit. Und andere so zu nehmen, wie sie sind. Auch bei uns gab es Hänseleien. Und es wurde nicht genügend dagegen getan. Doch das wurde mir erst im Rückblick klar. Auf jeden Fall haben wir in der Schule eines für unser Leben gelernt: Alle Menschen sind so in Ordnung, wie sie sind.

Ein Kino-Plakat zum Film "Kinder der Utopie"

Der Dokumentarfilm „Die Kinder der Utopie“

2005 hat Hubertus Siegert den Film „Klassenleben“ gemacht. Darin zeigt er eine inklusive Klasse an der Berliner Fläming-Grundschule. Viele dieser Kinder sind später auf die inklusive Sophie-Scholl-Oberschule gegangen. Inzwischen sind diese Kinder erwachsen.

In seinem Film "Die Kinder der Utopie" zeigt Hubertus Siegert, was einige davon heute machen. Die ehemaligen Klassenkameraden unterhalten sich über damals und heute. Sie erzählen auch, wie sie ihre inklusive Schulzeit bis heute prägt. Manche von ihnen haben eine Behinderung. Andere nicht.
 

Der Film "Die Kinder der Utopie" wurde zum ersten Mal am 15. Mai gezeigt. Er lief in Deutschland in 172 Kinos.

Wenn jemand den Film auf einer Veranstaltung zeigen will, kann er das tun. Er darf aber kein Geld damit verdienen. Informationen dazu findet man auf der Internetseite www.diekinderderutopie.de. Dort kann man den Film auch ansehen. Es gibt den Film auch auf DVD.


Ein Mann mit Haube und weißem T-Shirt arbeitet in einer Bäckerei

Die Starthelfer

In Fulda arbeiten Bürger und Unternehmen zusammen für mehr Inklusion. Jugendliche mit Behinderung bekommen dadurch bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz. Wir haben das „Netzwerk Perspektiva“ in Fulda besucht.

Beitrag "Die Starthelfer" in Einfacher Sprache
Eine Frau in mittlerem Alter und ein Jugendlicher mit Down-Syndrom

Nehmt ihre Träume ernst!

Nach der Schule kommt die Werkstatt für Menschen mit Behinderung: Für viele Jugendliche mit Behinderung scheint das fast automatisch so zu sein. Zwei Mütter sind sich sicher, dass es auch anders geht.

Beitrag "Nehmt ihre Träume ernst!" in Einfacher Sprache
Stapel von Magazinen, obenauf liegt ein aufgeschlagenes Heft

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