Wir haben junge Menschen befragt, die sich beruflich selbstständig gemacht haben. Wir wollen wissen: Wie haben sie das gemacht? Und welche Tipps können sie anderen geben? Egal, ob mit Behinderung oder ohne Behinderung.

Text: Judyta Smykowski
Übersetzung: Stefanie Wulff
Fotos: Nikita Teryoshin

Augustina (21) und Alice Busiah (20), Studentinnen

Zwei junge schwarze Frauen mit einer Plastiktüte voll Plastik

Augustina Busiah (rechts) und Alice Busiah

Die Schwestern haben das Projekt „Ohemaa“ gegründet. Auf Deutsch bedeutet das: „Königin“. Das Ziel: Sie wollen in Ghana Bausteine aus Plastikmüll herstellen. Damit kann man günstig Wohnhäuser bauen. Die Eltern von Augustina und Alice Busiah stammen aus Ghana.

Augustina studiert in Aachen Bau-Ingenieurwesen. Das ist eine Wissenschaft, die sich mit der Herstellung von Bauwerken beschäftigt. Vor ihrem Abitur hat sie Ghana besucht. Sie stellt fest: In Ghana gibt es viele wirtschaftliche Möglichkeiten. Damit arme Menschen besser leben können, muss man aber mit den vorhandenen Mitteln sorgfältig umgehen. Augustina sah viel Müll auf den Straßen. Sie wollte damit etwas Sinnvolles machen. Augustina will ihre Träume verwirklichen, solange sie jung ist. Sie meint: Viele Menschen tun das nicht. Und dann bereuen sie es später.

Alice studiert in Köln Wirtschafts-Informatik. Das ist eine Wissenschaft, die Fachwissen aus Wirtschaft und Computer-Technik verbindet. Alice meint: Sie und ihre Schwestern können ihre Möglichkeiten in Deutschland und in Ghana nutzen. „Wenn nicht wir, wer soll es dann machen?“, sagt sie.

Die Schwestern haben einen Wettbewerb für Gründer gewonnen. Das Social Impact Lab in Bonn hat den Preis ausgeschrieben. Mit dem Preis werden gute neue Geschäfts-Ideen für eine bessere Gesellschaft ausgezeichnet. Augustina und Alice Busiah bekamen dadurch neun Monate lang Unterstützung. So konnten sie ihr Projekt „Ohemaa“ besser planen.

Ein junges Unternehmen in Kolumbien macht etwas Ähnliches. Die Schwestern tauschten sich mit diesem Unternehmen aus. Und sie passten die Ideen aus Kolumbien für Ghana an. Augustina meint: Der Wohnungsmarkt in Ghana ist nur für reiche Menschen offen. Sehr viele Menschen sind davon ausgeschlossen. Deshalb wollten die Schwestern günstiges Wohnen für arme Menschen möglich machen.

Was braucht man, um so ein Projekt zu starten? Alice meint: Man braucht Selbstvertrauen. Und man muss Dinge selbst machen können. Auch wenn man jung ist, kann man etwas bewirken. Das hat zum Beispiel Greta Thunberg aus Schweden gezeigt. Sie hat die Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“ gegründet.

Die nächsten Ziele von Augustina und Alice Busiah: Sie wollen ein Muster-Haus in Deutschland bauen. Dazu müssen sie jemanden finden, der ihnen dafür Geld gibt. Dann wollen sie ein Nachbarschafts-Projekt in Ghana starten.


Alexander Schütz (30), Malermeister

Porträt eines Malers, dem eine Hand fehlt

Alexander Schütz

Alexander Schütz wohnt in Berlin. In seiner Familie gibt es viele Handwerker. Nach dem Hauptschul-Abschluss wollte er Tischler werden. Im Berufs-Bildungswerk sagte man ihm: Das geht nicht. Weil er keine linke Hand hat, könnte er schnell einen Unfall haben. Deswegen wurde er Maler. Er machte seine Gesellen-Prüfung. Dann machte er ein paar Praktika. Er war auch befristet angestellt. 2016 entschied er sich für die Selbstständigkeit.

Alexander Schütz meint: Nun ist er sein eigener Chef. Er kann sich die Arbeit besser einteilen. So kann er besser Ruhepausen für seinen Körper machen. Gleichzeitig verdient er mehr. Der Integrations-Fachdienst „Enterability hat Alexander Schütz beraten. „Enterability“ gehört zum Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Er unterstützt Menschen mit Behinderung, die sich selbstständig machen möchten. Sie können Seminare besuchen. Und sie erfahren, welche Gelder selbstständige Menschen mit Behinderung beantragen können.

Viele Auftraggeber von Alexander Schütz sind erst einmal skeptisch. Sie denken: Wegen seiner Behinderung schafft er die Arbeit nicht so gut. Aber er schafft die gleiche Arbeit wie Maler mit zwei Händen. Sein Geschäft läuft gut. Handwerker werden heute oft gesucht. Trotzdem müssen sie sich gegen die Konkurrenz durchsetzen können.

Alexander Schütz hat heute viele feste Kunden. Dazu gehören Kitas, Pflegeheime und private Kunden. Alexander Schütz möchte in Zukunft Mitarbeiter einstellen. Dann kann er selbst mehr im Büro arbeiten. Dadurch wird sein Körper entlastet.

Was braucht man, um Gründer zu werden? Alexander Schütz meint: Man braucht nicht unbedingt Partner oder Unterstützer. Denn das meiste muss man sowieso selbst schaffen können. Stattdessen braucht man Stärke, Mut und Willenskraft. Und man braucht man einen guten Plan.


Betty Schätzchen (37), Yoga-Lehrerin

Eine junge Frau mit zusammengelegten Handinnenflächen wie bei der asiatischen Begrüßung "Namaste"

Betty Schätzchen

Schon mit 23 Jahren hat sich Betty Schätzchen selbstständig gemacht. Sie ist Yoga-Lehrerin. Nach der Schule machte sie eine Lehre zur Bank-Kauffrau. Aber sie merkte schnell: Sie möchte nicht lange im Büro arbeiten. Betty Schätzchen hat eine Hörbehinderung. Im Büro reden immer viele Menschen gleichzeitig. Dort konnte sie sich schlecht konzentrieren. Zum Beispiel, wenn sie mit einem Kunden sprechen musste. Zu der Zeit waren Yoga und Massagen schon ihre Leidenschaften. 2005 machte sie sich selbstständig. Mittlerweile hat sie auch eine Ausbildung zur Heil-Praktikerin gemacht. Sie sagt: „Ich möchte Menschen helfen.“

Sie bildet sich ständig weiter. Sie belegt Kurse und Fortbildungen. Betty Schätzchen meint: Menschen können sich auf vielen verschiedenen Wegen selbst heilen. Sie meint: Ihre Aufgabe ist es, ihren Klienten Anregungen zu geben. Ihre Klienten suchen sich dann den passenden Weg aus der Yoga-Lehre aus. So fühlen sich ihre Klienten wohler. Besonders wichtig findet Betty Schätzchen Barriere-Freiheit. Sie bietet Gruppen-Kurse in Gebärdensprache an. Kurse für einzelne Personen bietet sie auch in Lautsprache an.

Am Anfang ihrer Selbstständigkeit war Betty Schätzchen sehr zuversichtlich. Manche Menschen hatten Zweifel, ob sie es schafft. Aber Betty Schätzchen ließ sich nicht abhalten. Heute sagt sie: Zum Glück! Es dauerte fünf Jahre, bis sie ganz vom Yoga-Unterricht leben konnte. Am Anfang musste sie zusätzlich in einer Restaurant-Küche arbeiten.

Betty Schätzchen hatte Hilfe beim Gründen. Ein Unternehmensberater half hier. Der Integrations-Fachdienst „Enterability“ half ihr auch. Sie erhielt Kredite und eine Arbeits-Assistenz. Außerdem konnte sie Fortbildungen besuchen.

Betty Schätzchen meint: Geld sollte einem nicht so wichtig sein. Sie hat kein eigenes Yoga-Studio. Sie empfängt ihre Kunden in ihrer Wohnung. Dafür hat sie einen ehemaligen Abstell-Raum umgebaut.

Ihr Tipp an andere: Holt euch Ideen und Vorbilder! Schaut bei YouTube Tutorials zu Wirtschafts-Themen. Das Wichtigste strahlt Betty Schätzchen selbst aus: Sie hat Freude an dem, was sie macht. Sie sagt: „Yoga ist für mich eine Wiese. Daran kann ich schnuppern. Und ich kann verschiedene Blumen pflücken.“


Ein Mann mit Haube und weißem T-Shirt arbeitet in einer Bäckerei

Die Starthelfer

In Fulda arbeiten Bürger und Unternehmen zusammen für mehr Inklusion. Jugendliche mit Behinderung bekommen dadurch bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz. Wir haben das „Netzwerk Perspektiva“ in Fulda besucht.

Beitrag "Die Starthelfer" in Einfacher Sprache
Zeichnung: junge Frau mit Schürze trägt auf einer Hand einen Teller mit Kuchen, auf der anderen Hand ein Bablett mit einem Teller und Getränken

Leben wie ich will

Die meisten jungen Menschen haben Zukunfts-Träume. Aber manche wissen nicht genau, was sie sich eigentlich wünschen. Oder sie wissen nicht, wie sie ihre Träume verwirklichen können. Ausgebildete Fachkräfte bieten Unterstützung.

Beitrag "Leben wie ich will" in Einfacher Sprache
Stapel von Magazinen, obenauf liegt ein aufgeschlagenes Heft

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