Wir haben Gerechtigkeit für unser Kind erreicht

Oliver Senckpiehls Tochter Jule ist 12 Jahre alt. Sie hat das Downsyndrom. Nach der Grundschule sollte sie auf eine inklusive weiterführende Schule gehen. Sie und ihre Eltern wählten eine gute Schule aus. Doch die Hamburger Schulbehörde war dagegen. Sie wählte eine andere weiterführende Schule für Jule aus. Das machte sie auch bei vielen anderen Kindern mit Behinderung so. Aber die Tochter von Oliver Senckpiehl sollte auf die Schule ihrer Wahl gehen können. Deshalb schalteten er und seine Frau einen Anwalt ein.

Aufgeschrieben und übersetzt von Astrid Eichstedt
Fotos von Gina Bolle

Ein Mann im blauen Mantel steht in der U-Bahn vor einer gelben Kachelwand.

Oliver Senckpiehl ist der Vater von Jule. Er ist 49 Jahre alt. Und er arbeitet als Angestellter.

Oliver Senckpiehl erzählt: Unsere Tochter Jule war in der Grundschule in einer inklusiven Klasse. Im vergangenen Sommer sollte sie auf eine weiterführende Schule wechseln. Wir haben uns für die Stadtteilschule Eppendorf entschieden. Dort gibt es auch inklusiven Unterricht. Ein Vorteil ist: Sie liegt auf unserem Arbeitsweg. Deshalb können wir Jule gut hinbringen und abholen. Wegen einer Leukämie-Erkrankung musste Jule zudem öfter nach Eppendorf in die Uni-Klinik. Auch einige ihrer Therapeuten waren dort in der Nähe. Und viele Kinder aus ihrer Klasse wollten auf diese Schule gehen. Auch die fünf anderen Kinder mit Förderbedarf aus ihrer Jahrgangsstufe. Und das war uns wichtig. Denn Veränderungen fallen Jule schwer. Auch ihre Grundschule hatte uns dabei unterstützt. Und die Stadtteilschule Eppendorf wollte Jule aufnehmen.

Im Januar haben wir den Antrag bei der Schulbehörde gestellt. Im April lehnte die Schulbehörde den Antrag ab. Sie teilte uns mit: Jule soll in eine andere Schule gehen. Diese Schule liegt etwas näher an unserer Wohnung. Aber sie liegt weit weg von den Orten, die für uns wichtig sind. Jule und ein Kind aus einer Parallelklasse waren die einzigen, die auf diese Schule gehen sollten. Dann haben wir erfahren, dass nur die Kinder mit Förderbedarf eine Ablehnung für ihre Wunschschule bekommen haben. Da haben wir Einspruch eingelegt.

Die Schulbehörde wollte wohl Kosten sparen. Kinder mit Förderbedarf haben Anspruch auf einen Transport zur Schule. Den brauchen wir aber nicht. Wenn Jule selbstständiger wird, kann sie mit dem öffentlichen Bus fahren. Er hält vor unserer Haustür. Bei der anderen Schule gibt es diese Möglichkeit nicht. Darauf hat die Schulbehörde aber nicht geachtet.

Wir konnten uns wehren. Das war ein gutes Gefühl.

Ein Mann in einem blauen Mantel und ein kleines Mädchenmit einer roten Mütze sitzen auf einem Fahrad. Das Mädchen hat das Downsydrom. Das Fahrrad ist für zwei Personen gemacht.

Oliver Senckpiehl bringt seine Tochter zur Schule

Zuerst wollten wir uns mit anderen Eltern zusammentun. Unter dem Titel „gute-inklusion“ hat sich in Hamburg ein Netzwerk gebildet. Viele Menschen haben dort mitgemacht. Sie fanden heraus: Die Hamburger Schulbehörde verweigert Kindern mit Behinderung sehr viel öfter die Wunschschule als anderen Kindern. Für uns war aber dann die Zeit knapp. Die Schule muss ja auch planen können. Deshalb haben wir einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Er verfasste ein Schreiben an die Schulbehörde. Zuvor hatten wir schon einen Widerspruch eingelegt. Später setzte der Rechtsanwalt der Schulbehörde eine Frist. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sollte sie eine Entscheidung treffen.

Zwei Wochen vor den Sommerferien kam der Bescheid: Jule durfte nun doch auf die Stadtteilschule Eppendorf. 14 Tage später veröffentlichte die Schulbehörde einen Beschluss für ganz Hamburg: Eltern von Kindern mit Förderbedarf dürfen sich jetzt eine von den drei nächst gelegenen inklusiven Schulen aussuchen. Das Netzwerk „gute-inklusion“ hatte sich dafür eingesetzt. Und es hatte Erfolg gehabt.

Ich habe daraus gelernt: Es ist wichtig, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. Ein Anwalt ist nicht billig. Das muss man ganz klar sagen. Aber wir konnten uns wehren. Das war ein gutes Gefühl. Und am Ende haben wir Recht bekommen. Wir haben erreicht, dass unser Kind gerecht behandelt wird. Doch der Aufwand dafür war hoch.

zurück zur Übersicht