Ich musste lange um meine Rente kämpfen

Früher hat Karina Sturm als medizinisch-technische Assistentin in einem Labor gearbeitet. Heute schreibt sie und macht Filme. Sie setzt sich häufig für Menschen mit Behinderung und für Menschen mit chronischen Krankheiten ein. Seit 2010 hat Karina Sturm das seltene Ehlers-Danlos-Syndrom. Das ist eine chronische Erkrankung des Bindegewebes. Die Krankheit hat bei ihr viele Folge-Erkrankungen ausgelöst. Deshalb bezieht Karina Sturm eine Frührente. Für diese musste sie aber drei Jahre lang kämpfen.

Aufgeschrieben und übersetzt von Astrid Eichstedt
Fotos von Gina Bolle

Eine junge Frau mit dunklem Herrenhut steht vor einem Zaun.

Karina Sturm ist 34 Jahre alt.

Karina Sturm erzählt: Mit 24 änderte eine schwere chronische Erkrankung mein Leben. Täglich hatte ich neurologische Ausfälle. Außerdem hatte ich ständig Schmerzen. Hinzu kamen sehr viele weitere Gesundheits-Störungen. Lange Zeit haben mich die Ärzte falsch behandelt. Denn keiner wusste, was mir wirklich fehlt. Und plötzlich war ich auf staatliche Hilfe angewiesen. Doch diese Hilfe bekam ich nicht. Im Gegenteil. Ich musste lange um meine Rente kämpfen.

Kein Gutachter der Rentenversicherung nahm meine Beschwerden ernst. Mehrfach waren ihre schriftlichen Gutachten voller Fehler. Meine Korrektur-Versuche waren zwecklos. Als Bittsteller hat man keinen Einfluss. Man fühlt sich hilflos ausgeliefert. Fast die Hälfte aller Erstanträge auf Frührente werden abgelehnt. Gerade für chronisch kranke Menschen kostet es viel Kraft, nach dem Widerspruch zu klagen. Und so ein Klage-Verfahren kann Jahre dauern. In dieser Zeit hat man keine Ansprüche auf andere Leistungen.

Mein Rentenantrag wurde mehrfach abgelehnt. Zum Glück hat mich meine Familie unterstützt. Ich konnte zurück in mein Elternhaus ziehen. Ich brauchte keine Miete zu zahlen. Deshalb konnte ich weiter meine Krankenversicherungs-Beiträge zahlen

Aus meiner Erfahrung habe ich etwas gelernt

Ein blauer Briefkasten in einer Hauswand

Post von der Rentenversicherung im Briefkasten macht Karina große Angst.

Erst spät im Verfahren hat man bei mir das Ehlers-Danlos-Syndrom festgestellt. Doch die meisten Ärzte wissen nichts über diese seltene Erkrankung. Und die Gutachter der Rentenversicherung wissen noch weniger. Sie beachteten auch meine zehn Folge-Erkrankungen nicht. Von der Antragstellung bis zur Bewilligung meiner Frührente vergingen über drei Jahre. Während der gesamten Zeit hat mich der örtliche Sozialverband VDK beraten und unterstützt. Ich habe viele lange Schreiben an das Gericht und an die Rentenversicherung geschickt. Ich habe selbst eine Menge wissenschaftlicher Literatur zu meiner Erkrankung gelesen. Und ich habe die Gutachten widerlegt. Aber all das hat nicht viel genutzt. Am Ende habe ich den Prozess durch ein Gegen-Gutachten gewonnen.

Die Klage hat mich sehr verletzt. Zum Teil fühlte ich mich menschenunwürdig behandelt. Das wirkt bis heute nach. Noch immer zucke ich zusammen, wenn ein Brief von der Rentenversicherung im Briefkasten liegt. Sehr wahrscheinlich war es nicht das letzte Verfahren für mich. Das macht mir große Angst.

Aus meiner Erfahrung habe ich etwas gelernt: Man muss immer alles aufschreiben, wenn man Kontakt mit der Versicherung hat. Und man muss alle Einzelheiten immer schriftlich einfordern. Außerdem sollte man einen guten Sozialverband oder einen Anwalt hinzuziehen.
Meine Erkrankung kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Eine weitere Auseinandersetzung mit der Rentenversicherung macht mir aber mehr Angst. Ich finde, das ist ein Armutszeugnis für unser Sozial-System. Denn leider bin ich keine Ausnahme.

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