Sucht euch Unterstützung

Eigentlich wollte Hilal Kutlu nie wieder einen Pflegedienst gründen. Ihren Assistenz-Pflegedienst in München hatte sie 2018 an einen Konzern verkauft. Sie glaubte: So ein Konzern hat genügend Juristen. Die können Probleme mit Kostenträgern regeln. Doch sie hat sich geirrt. Denn viele ehemalige Klienten suchten Hilfe bei ihr. Darum gründete sie 2019 einen neuen Assistenz-Pflegedienst in Augsburg. Regelmäßig kämpft sie nun wieder für ihre Klienten um das Persönliche Budget. Eine ihrer Klientinnen war eine allein erziehende Mutter. Über ihren Fall haben Zeitungen und auch das Fernsehen berichtet.

Aufgeschrieben und übersetzt von Astrid Eichstedt
Fotos von Gina Bolle

Eine junge Frau im roten Pullover mit dunklem, zusammengebundenem Haar. Sie verschränkt ihre Arme vor dem Körper und lächelt.

Hilal Kutlu ist 39 Jahre alt. Sie ist Inhaberin eines Assistenz-Pflegediensts.

Hilal Kutlu erzählt: Meine Erfahrung ist: Die Verantwortlichen im Bezirk Oberbayern wollen nicht, dass körperlich hilfebedürftige Frauen Kinder bekommen. Wenn ein Antrag auf Eltern-Assistenz bei ihnen eingeht, schalten sie sofort das Jugendamt ein. Das war auch bei Ramona Böhner so. Ich habe dafür gesorgt, dass ihr Fall durch das Fernsehen und durch Zeitungen öffentlich bekannt wurde.

Ramona Böhner nutzt einen Rollstuhl. Sie war schwanger. Im April 2019 hatte sie einen Antrag auf Eltern-Assistenz gestellt. Im Juli bekam sie ihr Baby. Laut Gesetz muss der Bezirk Oberbayern innerhalb von zwei Wochen eine Entscheidung treffen. Aber die Verantwortlichen haben die Entscheidung hinausgezögert.

Im Juli haben sie Ramona auf der Entbindungs-Station aufgesucht. Eine Vertreterin des Jugendamts war mit dabei. Sie haben entschieden, dass Ramona ihren Sohn gleich nach der Geburtabgeben muss. Er musste in ein Kinderheim. Als Grund haben sie Kindeswohl-Gefährdung angegeben. Dabei war das Wohl des Kindes gar nicht gefährdet. Vom Kinderheim kam ihr Sohn zu einer Pflegemutter. Ramona musste abstillen. Sie musste unter Schmerzen ihr eigenes Baby besuchen fahren. Sie durfte ihr Kind nur zwei Stunden pro Woche unter Aufsicht sehen. Das war sehr schlimm für sie.

Der Kostenträger hilft meistens nicht

Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. Sie sitzt im Rollstuhl.

Heute kann Ramona Böhner wieder lachen

Meine Anträge und Widersprüche funktionieren schneller als bei einer Einzelkämpferin. Die Behörde muss innerhalb von zwei Wochen nach Antragstellung eine Entscheidung treffen. Sonst gilt die Leistung als vorläufig bewilligt. Dazu gibt es Paragrafen. Und ich kann es mir mit meinem Pflegedienst finanziell leisten, in Vorleistung zu gehen. Eine einzelne Person kann das natürlich nicht. Außerdem habe ich die Presse informiert. Das hat den Druck noch erhöht. Mittlerweile sage ich in solchen Fällen: Innerhalb von zwei Wochen muss ein Bescheid von der Behörde kommen. Sonst erwirke ich eine einstweilige Verfügung und fertig.

Ramona Böhner ist in meiner Praxis kein Einzelfall. Viele Menschen müssten gar nicht in stationäre Einrichtungen gehen. Weil sie Anspruch auf Assistenz-Leistung haben. Eigentlich muss der Kostenträger sie beraten. Doch er hilft meistens nicht. Das finde ich traurig. Es gibt im Bezirk Oberbayern zwar auch wirklich nette Mitarbeiter. Sie bearbeiten die Anträge schnell. Aber die meisten Mitarbeiter zögern Bewilligung lange hinaus.

Ich mache meine Arbeit jetzt schon ein paar Jahre. Und ich kenne keinen Fall, wo es reibungslos funktioniert hat. Deshalb rate ich Menschen mit Behinderung: Sucht euch Unterstützung! Zum Beispiel bei einem Verein. Denn für den Einzelnen ist es sehr schwer, sich gegen abgelehnte Anträge zu wehren.

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