Lesen und Schreiben für politische Teilhabe

Wer lesen und schreiben kann, der kann seine Interessen besser durchsetzen. Zum Beispiel im Werkstatt-Rat. Oder im Behinderten-Beirat. Angebote der Erwachsenen-Bildung können dabei helfen.

Text und Übersetzung: Astrid Eichstedt
Zitate: Lese- und Schreibkurs an der Uni Magdeburg

2018 stellten Wissenschaftler in einer Untersuchung fest: In Deutschland können 6,2 Millionen Menschen sehr schlecht lesen und schreiben. Viele von ihnen können überhaupt nicht lesen und schreiben. Außerdem fanden die Wissenschaftler heraus: Diese Menschen nehmen seltener an Wahlen teil. Sie üben seltener ein Ehrenamt aus. Und sie unterhalten sich seltener über politische Themen. Sie beteiligen sich weniger an der Demokratie. Für die Untersuchung befragten die Wissenschaftler nur Menschen zwischen 18 und 64 Jahren. Menschen, die in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wohnen, befragten sie nicht.

eine Frau hält ein Plakat hoch. Darauf steht: Ich möchte in den Werkstattrat. Und ich möchte lesen und schreiben können.

Das sagt eine Teilnehmerin an einem Lese- und Schreibkurs. Der Kurs fand in der Universtität Magdeburg statt.

Alle sollen ihre Interessen vertreten können

Klar ist: Es muss sich etwas ändern. Auch wer nicht so gut lesen und schreiben kann, soll am politischen Geschehen teilhaben können. Alle sollen sich für ihre Interessen einsetzen können. Aber wie kann das klappen? Zum Beispiel mit mehr Angeboten zur politischen Bildung für Erwachsene in Einfacher Sprache. Und mit mehr Lese- und Schreibkursen für Erwachsene. „Das alleine reicht aber nicht aus“, sagt die Soziologin Dr. Reinhild Hugenroth. Die Menschen brauchen Demokratie-Bildung. Das heißt: Sie sollen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie sollen lernen, kritisch zu sein. Und sie sollen lernen, ihre Interessen durchzusetzen.

Reinhild Hugenroth nennt ein Beispiel: An einem Spielplatz gibt es keine Beleuchtung. Das findet eine Mutter nicht in Ordnung. Sie schreibt deshalb einen Brief an den Bürgermeister. Daraufhin wird eine Beleuchtung angebracht. Die Mutter hat sich eingesetzt. Und sie hat etwas bewirkt. In der Soziologie nennt man das Selbst-Wirksamkeit. Selbst-Wirksamkeit ist ein gutes Gefühl. Sie kann Menschen Mut machen. Und wenn jemand keinen Brief an den Bürgermeister schreiben kann? „Dann muss eine Unterstützungs-Person helfen“, sagt Reinhild Hugenroth. Auch Menschen, die nicht gut Lesen und Schreiben können, sollen ihre Interessen vertreten können.

Weiterbildungen für den Bewohner-Beirat

Jeannette Thier bestätigt das. Sie arbeitet seit 25 Jahren in der evangelischen Familienbildungsstätte Münster (fabi). Dort hat sie die Erwachsenen-Bildung für Menschen mit geistigen Einschränkungen aufgebaut. Jeanette Thier sagt: „Natürlich ist es gut, wenn jemand lesen und schreiben kann. Wenn er seinen Wahlzettel selber ausfüllen kann. Aber viele unserer Teilnehmer können nicht mal ihren Namen schreiben. Sie bekommen Unterstützungs-Personen, die ihnen Zusammenhänge erklären.“

In der fabi gibt es auch Weiterbildungen für Menschen, die beim Bewohner-Beirat einer Einrichtung mitarbeiten wollen. Dafür ist es gut, wenn sie lesen und schreiben können. In einem anderen Kurs lesen die Teilnehmer zusammen die Schlagzeilen von Tageszeitungen. Anschließend sprechen sie darüber. Im Mai 2019 fiel eine Schlagzeile besonders auf: Die Aufhebung der Wahlrechts-Ausschlüsse für Menschen, die einen gesetzlichen Betreuer haben. Das sind in Deutschland immerhin etwa 81.000 Menschen. Jeannette Thier erzählt: „Viele unserer Teilnehmer haben vorher gar nicht verstanden, warum sie nicht wählen dürfen. Gottseidank ist das jetzt vorbei. In den letzten 25 Jahren haben wir viele Menschen begleitet. Wir haben sie unterstützt, damit sie ihre Bildung verbessern. Damit sie ihre Rechte einfordern können. Und damit sie Politik machen können.“

Elke Falk besucht seit vielen Jahren Weiterbildungs-Kurse in der fabi. Die 54-jährige Rentnerin lebt allein und hat eine Betreuung. Sie arbeitet seit sechs Jahren in der „Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen“ (KIB) der Stadt Münster mit. Unterstützt wird sie dabei von Jeannette Thier. Die beiden bilden ein Tandem. Oft dauern die Sitzungen der KIB drei Stunden. Das findet Elke Falk sehr anstrengend. Sie sagt: „Ich habe erreicht, dass es eine Pause gibt.“ Sie setzte sich auch für Leichte Sprache ein. „Aber das hat Jahre gedauert. Das war für mich und meine Stellvertreterin schwer ohne Leichte Sprache zu verstehen“, erzählt sie.

Wir wollen Menschen dazu bewegen, sich politisch zu betätigen

Lesen und Schreiben zu können ist hilfreich, um sich politisch zu betätigen. Silvan Bock kann lesen und schreiben. Der 30-Jährige ist einer von drei Menschen mit Lernschwierigkeiten, die im „Beirat von Menschen mit Behinderungen“ (bmb)  der Stadt Heidelberg mitarbeiten. Vorher haben alle an drei Fortbildungen mit dem Titel „Politik inklusiv“ teilgenommen. Die Fortbildungen waren in Einfacher Sprache. Die Kurse fanden zur Vorbereitung auf bevorstehende Wahlen statt. Veranstalter waren die Lebenshilfe, der Paritätische und die Heidelberger Volkshochschule (VHS). Finanzielle Förderung gab es von der Aktion Mensch.

Silvan Bocks Leben hat sich durch die Fortbildungen verändert. Er sagt: „Im Kurs zu den Bundestagswahlen habe ich zum ersten Mal vom Beirat von Menschen mit Behinderung gehört. Zwei Jahre später habe ich einen Kurs in Einfacher Sprache zur Gemeinde- und Europawahl gemacht. Dort habe ich viel über den Beirat von Menschen mit Behinderung erfahren. Daher wollte ich selbst mitmachen. Und ich bin gewählt worden.“

Ralf Baumgarth ist Geschäftsführer des Paritätischen in Heidelberg. Er nennt das Projekt einen großen Erfolg. Er sagt: „Wir wollten Menschen dazu bewegen, ihr Wahlrecht wahrzunehmen. Und wir wollten Menschen dazu bringen, sich politisch zu betätigen. Beides hat gut geklappt. Zur Kommunalwahl haben wir Politiker eingeladen. Sie sollten mit Bürgern diskutieren. Beinahe alle Teilnehmer aus dem Kurs „Politik inklusiv“ sind gekommen. Sie kamen, obwohl die Veranstaltung nicht zur Fortbildungsreihe gehörte. Da hat man gesehen: Der Kurs hat eine direkte Wirkung."

Zu den nächsten Wahlen soll die Kurs-Reihe fortgesetzt werden. Vielleicht wird dann auch diese Frage geklärt: Wie kann man mehr Teilnehmer ohne Behinderung für das Angebot gewinnen? Die Kurse waren als inklusive Fortbildung für Menschen mit und ohne Behinderung angekündigt. Sie fanden in der Volkshochschule statt. Also an einem Ort, den alle Bürger besuchen. Doch bis auf sehr wenige Ausnahmen haben nur Menschen mit Behinderung teilgenommen.

In Magdeburg besuchen 13 Menschen mit Lernschwierigkeiten sogar die Universität. Eigentlich sollten sie an der Otto-von-Guericke-Universität nur besser lesen und schreiben lernen. Nach einem Konzept der Pädagogin Christel Manske. Sie sagt: „Alle Menschen können lesen und schreiben lernen. Voraussetzung ist: Sie werden ganz persönlich betreut.“

Ein Teilnehmer war am Anfang sehr schüchtern

Aber schon bald war klar, dass die Kursteilnehmer viel mehr lernen als lesen und schreiben. Katharina Pongratz begleitet das Projekt wissenschaftlich. Sie sagt: „Lesen und Schreiben-Lernen ist eigentlich nur ein guter Nebeneffekt. In der Hauptsache machen wir etwas ganz anderes: Wir stärken die Menschen in ihrer Persönlichkeit. So stärken wir sie für ihre Teilhabe an der Gesellschaft. Ein Beispiel: Ein Teilnehmer war am Anfang sehr schüchtern. Inzwischen arbeitet er im Werkstatt-Rat mit. Dort setzt er sich dafür ein, dass noch mehr Menschen lesen und schreiben lernen. Denn so können sie besser verstehen, welche Rechte sie haben.“

Für ihre Doktor-Arbeit führte Katharina Pongratz Gespräche mit den Teilnehmern. Viele erzählten ihr, dass sie in den Kursen viel gelernt haben. Oft haben sie dort mehr gelernt als während ihrer gesamten Schulzeit. Katharina Pongratz sagt: „Die Teilnehmer haben eine Sehnsucht nach Bildung. Sie wollen mehr lernen. Und sie wollen so oft wie möglich zu uns kommen.“

Eine Person hält ein Plakat hoch. Darauf steht: Ich bin hier, um lesen zu lernen.

Das sagt ein Teilnehmer an einem Lese- und Schreibkurs. Der Kurs fand in der Universtität Magdeburg statt.

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