In Fulda arbeiten Bürger und Unternehmen zusammen für mehr Inklusion. Jugendliche mit Behinderung bekommen dadurch bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz. Ein Besuch beim „Netzwerk Perspektiva“.

In einer Werkstatt erklärt ein Anleiter einem Jugendlichen etwas

In einer Werkstatt von "Perspektiva".

Text: Till Schröder
Übersetzung: Stefanie Wulff
Fotos: Lêmrich Visual Storytelling

Ein Mann mit Haube und weißem T-Shirt arbeitet in einer Bäckerei

Andreas Spengler arbeitet in der Bäckerei Pappert.

Sebastian Spengler arbeitet bei der Bäckerei Pappert in Fulda. Er sortiert und verpackt Backwaren. Er hilft dabei, Teig zu machen. Er räumt auf. Geplant hatte er das nicht. „Ich dachte, ich werde vielleicht Lagerist“, sagt er. Aber jetzt arbeitet er schon seit 15 Jahren bei der Bäckerei Pappert. „Und es macht immer noch Spaß“, sagt er lächelnd. Elf ehemalige „schwer vermittelbare“ Jugendliche arbeiten heute bei der Bäckerei Pappert. Das heißt: Sie haben eine Lernschwäche oder Behinderung. Oder sie kommen aus schwierigen Familien. Deshalb hatten sie es schwer, eine Lehrstelle zu finden. Sebastian Spengler ist einer dieser elf ehemaligen Jugendlichen.

Manfred Klüber ist Geschäftsführer der Bäckerei Pappert. Er meint: Viele Menschen können ihren Beruf gut machen. Sie müssen nicht in einer Einrichtung betreut werden. Sie müssen nichts Sinnloses tun. Manfred Klüber will mit der Bäckerei Pappert wirtschaftlichen Erfolg haben. Aber er meint auch: Menschen müssen hier gut arbeiten können. Manche Mitarbeiter brauchen vielleicht etwas mehr Betreuung. Aber das macht nichts. Sie sind dafür besonders zuverlässig.

Die Bäckerei Pappert macht mit beim „Perspektiva-Netzwerk“ in Fulda. 1999 wurde dazu die gemeinnützige GmbH „Perspektiva“ begründet. Eine gemeinnützige GmbH will keinen Gewinn machen. Sie will etwas für die Gesellschaft tun. 17 Unternehmen und zwei soziale Einrichtungen hatten sich dafür eingesetzt. Auch Jugendliche aus dem Antonius-Heim in Fulda unterstützten die Idee. Das Antonius-Heim ist eine Einrichtung für schwerbehinderte Menschen. Die Jugendlichen im Antonius-Heim wollten in „richtigen Firmen“ arbeiten. Sie wollten nicht in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten. Einige Jugendliche brauchen nur etwas mehr Zeit und Unterstützung. Dann können sie auch selbstständig werden. Deshalb setzen sich Bürger und Unternehmer in Fulda jetzt für solche Jugendliche ein.

Bastian Heck arbeitet als pädagogischer Leiter bei „Perspektiva“. Er erklärt: Zu Perspektiva kommen Jugendliche, die eigentlich nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten müssen. Aber ohne Unterstützung haben sie in „normalen Jobs“ Schwierigkeiten. Deshalb bekommen sie bei „Perspektiva“ Unterstützung. Die Jugendlichen kommen manchmal direkt aus der Behindertenwerkstatt zu „Perspektiva“. Oder sie kommen von der Schule. Manchmal schickt die Agentur für Arbeit die Jugendlichen auch zu „Perspektiva“. Hier gibt man ihnen genug Zeit, um sich zu entwickeln.

Drei Phasen

Eine Frau arbeitet mit Mundschutz und Ohrenschutz in einer Werkstatt

Katrin Schmitt arbeitet in der Textilwerkstatt auf dem Theresienhof.

„Perspektiva“ unterstützt die Jugendlichen in drei Schritten. Das nennt sich „Drei-Phasen-Modell“. Die erste Phase dauert ein Jahr lang. Die Jugendlichen trainieren bei „Perspektiva“ für die Arbeitswelt.

„Perspektiva“ ist im Theresienhof in Fulda zuhause. Das ist ein ehemaliger Wirtschaftshof des Ordens der Vinzentinerinnen. Ehemalige Ställe und Scheunen sind heute Werkstätten und Seminarräume. Die Jugendlichen gewöhnen sich hier an normale Arbeitstage. In den Werkstätten können sie verschiedene Arbeits-Bereiche ausprobieren. Sie arbeiten zum Beispiel in einer Baum-Schule mit. Oder sie verarbeiten Holz. Oder sie montieren Teile von Lüftungen. Die Jugendlichen können auch Praktika machen. Oder sie lernen zu tapezieren, anzustreichen oder etwas zu reparieren. Die Jugendlichen können dadurch herausfinden, was sie interessiert. Und sie können herausfinden, was sie gut können.

„Perspektiva“ tut noch mehr, damit die Jugendlichen selbstständig werden können. „Perspektiva“ unterstützt sie beim Auszug in eine eigene Wohnung oder in eine WG. Außerdem hilft „Perspektiva“ dabei, Schulabschlüsse nachzuholen.

In der Phase zwei arbeiten die Jugendlichen nicht mehr direkt bei „Perspektiva“. Sie arbeiten jetzt in Unternehmen in Fulda. Diese Unternehmen gehören zum „Perspektiva-Netzwerk“. Sonja Bode von „Perspektiva“ begleitet die Jugendlichen in diesen Unternehmen. Sie hilft ihnen, ihre Stärken zu entdecken. Diese Stärken werden dann gefördert. Die Jugendlichen arbeiten zwei Jahre lang zur Probe in den Unternehmen. Die Unternehmen zahlen dafür einen Geldbetrag an „Perspektiva“. Einen Teil von diesem Geld bekommen die Jugendlichen.

In der dritten Phase bekommen die Jugendlichen dann einen festen Arbeitsplatz. Die Mitarbeiter von „Perspektiva“ beraten sie aber noch weiter bei Fragen und Problemen.

Das Unternehmen "KZwo"

Das Unternehmen „KZwo“ macht auch mit beim „Perspektiva-Netzwerk“. Das Unternehmen stellt Poster und Ausstattungen für Wohnmobile und Jachten her. Einer der Mitarbeiter ist Semir Holic. Er ist gehörlos. Er arbeitet gerne hier an den lauten Maschinen. Seine Kollegin Laura Bürkner dolmetscht für ihn. Sie ist auch hörbehindert. Und sie kann für Semir Holic in leichter Gebärdensprache dolmetschen.

Mathias Leilich ist Geschäftsführer von „KZwo“. Er meint: Es gibt noch zwei gehörlose Mitarbeiter in seinem Unternehmen. Mittlerweile klappt alles sehr gut mit der Kommunikation. Gebärdensprach-Dolmetscher unterstützen die gehörlosen Kollegen zum Beispiel bei regelmäßigen Mitarbeiter-Gesprächen. Mathias Leilich freut sich über die Unterstützung durch die Mitarbeiter von „Perspektiva“. Sie haben auch Semir Holic lange begleitet. So konnte er sich im Unternehmen besser zurecht finden.

Porträt eines jungen Mannes im Kittel in einem Labor

David Penno arbeitet bei der "Werner Schmidt GmbH".

Es gibt zwei Gründe dafür, weshalb „Perspektiva“ so erfolgreich ist: Mittelständische Unternehmen in Fulda setzen sich für das soziale Miteinander ein. Und es gibt sehr viele unterschiedliche Unternehmen, die mitmachen. Vor 20 Jahren hatte „Perspektiva“ nur drei Mitarbeiter. Heute sind es 30 Mitarbeiter. Im „Perspektiva-Netzwerk“ machen mittlerweile 150 Unternehmen mit. „Perspektiva“-Geschäftsführer Michael Bien trifft sich oft mit Personen und Institutionen, die „Perspektiva“ unterstützen. Dazu gehören Unternehmen und Privat-Personen. Dazu gehören Politiker, Schulen und die Agentur für Arbeit. Auch die Handwerks-Kammer gehört dazu.

Die „Werner Schmidt GmbH

Die „Werner Schmidt GmbH“ macht auch mit. Das Unternehmen stellt Kunststoff- und Metall-Teile her. Die „Werner Schmidt GmbH“ hat „Perspektiva“ mit gegründet. Die ehemalige Leiterin Monika Hauß-Schmid unterstützt „Perspektiva“ immer noch. Sie ist Mitglied im Beirat von „Perspektiva“. Auch ihr Sohn unterstützt „Perspektiva“. Er heißt Matthias Hauß. Er leitet heute das Unternehmen. „Wenn nicht wir, wer dann?“ sagt er. Er meint: Unternehmen müssen Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Dazu gehört auch Inklusion. Natürlich brauchen manche Mitarbeiter mehr Zeit für die Einarbeitung als andere. Und sie brauchen manchmal mehr Betreuung. Aber es lohnt sich. Matthias Hauß meint: Nicht nur das Geld ist wichtig. Auch die Menschen sind wichtig. Wenn sich ein Unternehmen engagiert, tun das auch seine Mitarbeiter.

Joachim Hauß ist der Bruder von Matthias Hauß. Er ist der zweite Geschäftsführer der „Werner Schmidt GmbH“. Er meint: Manchmal haben Menschen mit Behinderung besondere Stärken. Gehörlosen macht zum Beispiel Lärm am Arbeitsplatz nichts aus. Menschen mit Autismus können manchmal besonders konzentriert an etwas arbeiten. Insgesamt arbeiten alle Mitarbeiter gleich gut. Egal, ob sie von „Perspektiva“ gekommen sind oder nicht.

Ein Grund für den Erfolg von „Perspektiva“ ist: Die Chefs der Unternehmen machen mit. Sie finden sie Idee gut. Deshalb funktioniert das Netzwerk so gut. Matthias Hauß meint: Auch andere Regionen können solche Netzwerke schaffen. Sie können sich „Perspektiva“ dazu gerne als Vorbild nehmen.


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