Nehmt ihre Träume ernst!

Nach der Schule kommt die Werkstatt für Menschen mit Behinderung: Für viele Jugendliche mit Behinderung scheint das fast automatisch so zu sein. Zwei Mütter sind sich sicher, dass es auch anders geht.

Text: Kirsten Ehrhardt, Kirsten Jakob
Übersetzung: Stefanie Wulff

„Zwischen Inklusion und Nixklusion“: So heißt der Blog von Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob. Jeden Montag veröffentlichen sie hier eine Geschichte. Beide Autorinnen haben ein Kind mit Behinderung. Auch in den Geschichten geht es um Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Mal gehören diese Kinder zur Gesellschaft dazu. Mal werden sie ausgegrenzt. Viele der Geschichten spielen in der Schule. Aber viele handeln jetzt auch vom Übergang in den Beruf. Denn die Söhne von Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob werden langsam älter. Hans ist 18 Jahre alt. Henri ist 16 Jahre alt. Beide haben das Down-Syndrom. Ihre Mütter stellen nun fest: Es war schon schwierig genug, eine inklusive Schul-Bildung für ihre Söhne zu bekommen. Aber Inklusion im Beruf zu ermöglichen, ist noch viel schwieriger.

Kirsten Jakob schreibt über ihren Sohn Hans:

Eine Frau im mittleren Alter und ein Jugendlicher mit Downsyndrom

Hans ist fertig mit der Schule. Seit mehr als einem Jahr arbeitet er bei einem Frisör in Ulm. Der Frisör hat Hans jetzt fest eingestellt. Das ist ein Erfolg. Aber bis es soweit war, mussten wir viele Schwierigkeiten überwinden. Hans hat inklusiv an einer Hauptschule gelernt. Aber er hat dort trotzdem wenig gemeinsamen Unterricht mit Schülern ohne Behinderung gehabt. Er hat auch nicht viel Bildung bekommen.

Wie sollte es nach der Schule weiter gehen? Die Lehrer hat das nicht besonders interessiert. Wir Eltern haben klar gemacht: Wir wollen nicht, dass Hans in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet. Wir wollen keine „Sonder-Arbeitswelt“ für ihn. Aber außer uns hatte niemand eine Idee. Auch die Experten an der Schule nicht. Ein Sonder-Pädagoge sollte auflisten, was Hans besonders gut kann. Aber er listete nur auf, was er nicht kann. So etwas passiert leider oft. Eine junge Frau mit Behinderung malt zum Beispiel beeindruckende Bilder. Sie stellt die Bilder auch aus. Trotzdem wurde das nicht als “Stärke“ aufgelistet.

Den Frisör hat Hans durch ein Inklusions-Projekt kennengelernt. Das Projekt ist mittlerweile zu Ende. Aber der Frisör ist geblieben. Der Frisör traute Hans im Laufe der Zeit immer mehr zu. Hans half im Frisör-Salon. Und der Frisör erklärte ihm alles geduldig. Trotzdem wollten die Behörden diese Arbeit nicht länger fördern. Hans legt Handtücher zusammen. Er serviert Kaffee. Er macht Hand-Massagen. Er räumt auf. Aber die Behörden meinten: Hans ist eher eine Belastung für den Frisör-Salon. Wir mussten lange kämpfen für eine Förderung seines Arbeitsplatzes. Der Frisör konnte das auch nicht verstehen. Er meinte: Hans ist eine Bereicherung für den Frisör-Salon.

Kirsten Ehrhardt schreibt über ihren Sohn Henri:

Eine Frau in mittlerem Alter und ein Jugendlicher mit Down-Syndrom

Henri geht noch zur Schule. Er besucht die achte Klasse der Realschule Walldorf. Aber bald beginnt für ihn die Arbeitswelt. Mit seiner Schule hatte Henri mehr Glück als Hans. Er lernt in jedem Fach auf seinem Niveau. Das heißt: Es ist nicht zu schwierig für ihn. Es ist auch nicht zu einfach. Er hat Lehrerinnen und Lehrer, die sich dafür  einsetzen.

Henri interessiert sich für Geschichte und Politik. Er interessiert sich für Kriege und Gräber. Er sucht nach Informationen im Internet. Er hat ein Referat über Kofi Annan gehalten. Aber wir haben ein Problem: Für Menschen mit Behinderung gibt es keine Jobs im Bereich Geschichte und Politik. „Experten“ raten ihm deshalb: Er soll im Gartenbau arbeiten. Oder im Bereich Hausmeisterei. Oder im Bereich Pflege. Aber warum? Warum können sich Menschen mit Behinderung ihren Beruf nicht frei auswählen?

Es gibt Programme, die Jugendlichen mit Behinderung beim Start in den Beruf helfen sollen. Aber die sind veraltet. Menschen mit Behinderung haben eigentlich ein Recht, ihre Arbeit frei zu wählen. Aber man sondert sie immer noch aus. Zum Beispiel in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie brauchen viel Glück, um einen normalen Job zu bekommen. Deshalb brauchen wir neue Ideen. Wo könnte Henri seine Stärken einbringen? Was wäre der richtige Job für ihn? Wir freuen uns über Ideen! Henri hat einmal ein Praktikum bei einem Bestatter in Berlin gemacht. Henri kann gut trösten. Er ist sehr einfühlsam. Er erklärt anderen Menschen gerne etwas. Er liebt es, wichtig zu sein.

Zwei Mütter und ihr Blog

Eine Zeichnung zeigt Strichmännchen bei verschiedenen Freizeit-Aktivitäten

Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob sagen: "Wir schreiben gemeinsam einen Blog. Als Autorinnen nennen wir uns: „Kirstenmalzwei“. Uns ist es wichtig, dass unsere Jungs ihre Berufs-Träume leben dürfen. Wir dürfen ihre Träume nicht zerstören. Wir dürfen sie nicht entmutigen. Das dürfen wir als Eltern nicht tun. Die Lehrer und die Gesellschaft dürfen das auch nicht. Hans lernt gerade, die Haare von Kunden im Salon zu waschen. Henri schreibt 95 Thesen. So wie Martin Luther. Wir sind ihre Mütter. Wir sagen: Nehmt ihre Träume ernst!"

Kirsten Ehrhardt ist Juristin und Journalistin. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle zum Bundes-Teilhabegesetz. Sie berät dort Menschen mit Behinderung. Mit ihrem Mann Norbert und ihrem Sohn Henri lebt sie in Walldorf. Das liegt in der Nähe von Heidelberg. Ihre Tochter Emily studiert in Mainz. Kirsten Ehrhardt macht auch mit bei einer Selbsthilfegruppe von Eltern. Sie heißt „Gemeinsam Leben – gemeinsam lernen“.

Kirsten Jakob arbeitet bei einer Behörde. Mit ihrem Mann Rainer und Sohn Hans lebt sie in Ulm. Ihr Sohn Paul ist zurzeit in Neuseeland. Kirsten Jakob macht auch mit in der Selbsthilfegruppe „Gemeinsam Leben – gemeinsam lernen“. Dort hat sie Kirsten Ehrhardt kennengelernt. Beide sind enge Freundinnen geworden.

Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob schreiben zusammen einen Blog. Als Autorinnen heißen sie „Kirstenmalzwei“. Ihr Blog heißt „Zwischen Inklusion und Nixklusion“. Die Geschichten  sind einfach und klar geschrieben. Zur Bebilderung gibt es Strichmännchen. Sie nennen diese Strichmännchen „Nixklusionsmännchen“. Der Blog hat viele Fans.


Ein junger Mann mit Brille guckt aus einem Stall heraus.

Wege aus der Werkstatt

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Beitrag "Wege aus der Werkstatt" in Einfacher Sprache
wei junge Frauen, eine davon im Rollstuhl sowie ein junger und ein älterer Mann sitzen an einem Tisch.

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Beitrag "Fürs Leben gelernt" in Einfacher Sprache
Stapel von Magazinen, obenauf liegt ein aufgeschlagenes Heft

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