Bessere Arbeits-Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderung haben viele Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Sie sind häufiger arbeitslos. Sie sind länger arbeitslos. Und sie verdienen oft weniger als Menschen ohne Behinderung. Viele arbeiten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Für diese Menschen ist es schwer, einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden.

Zwei Frauen, die in einer Küche abeiten, stehen sich lachend gegenüber

Eine fester Job auf dem ersten Arbeitsmarkt, der Spaß macht: Für viele Menschen mit Behinderung  ist das nicht selbstverständlich.

Text und Übersetzung: Stefanie Wulff

Menschen mit Behinderung sollen bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Deshalb gilt es viele neue Maßnahmen und Gesetze. Zum Beispiel das Bundesteilhabegesetz. Oder das Budget für Arbeit. Das funktioniert so: Wenn ein Arbeitgeber einen Menschen mit Behinderung einstellt, bekommt er vom Staat Geld. Der Arbeitgeber muss den Lohn also nicht ganz alleine zahlen. Außerdem kann er vom Budget für Arbeit Assistenzkräfte bezahlen. Sie unterstützen den Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz.

Was bewirken diese neuen Maßnahmen und Gesetze? Haben Menschen mit Behinderung dadurch wirklich bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt? Um diese Fragen geht es bei einem wissenschaftlichen Projekt. Es heißt: „Partizipatives Monitoring der aktuellen Entwicklung des Rehabilitations- und Teilhaberechts bis 20201“. Das bedeutet ungefähr: „Projekt zur Beobachtung, was die neuen Gesetze für Menschen mit Behinderung bis 2021 bewirken. Beim Projekt können alle interessierten Menschen mitmachen“. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales bezahlt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von vier Hochschulen machen mit. Auch die „Deutsche Vereinigung für Rehabilitation“ ist daran beteiligt. Im Internet und auf Veranstaltungen können alle weiteren interessierten Menschen ihre Ideen einbringen.

Prof. Gudrun Wansing leitet das Projekt an der Humboldt-Universität in Berlin. Ihre Mitarbeiterin heißt Lea Mattern. Beide beschäftigen sich vor allem mit besseren Arbeits-Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung. Wir haben mit beiden Forscherinnen gesprochen. Wir wollten wissen: Was soll das Projekt bewirken? Und wie gut funktioniert das Budget für Arbeit?

Porträt einer Frau mit schulterlangen Haaren

Gudrun Wansing

Was möchten Sie mit Ihrem Projekt erreichen?

Wansing: Wir möchten die Weiterentwicklung der Gesetze unterstützen. Dabei geht es vor allem um das Thema Arbeit. Wir beobachten, welche Veränderungen es gibt. Wir untersuchen die Prozesse. Und wir kommentieren die Ergebnisse. Dabei sind die Meinungen von vielen verschiedenen Menschen wichtig. Wir stellen wissenschaftliche Informationen zum Thema zur Verfügung. Und wir bieten Diskussionen im Internet und in Fach-Veranstaltungen an.

Welche Bereiche untersuchen sie genauer?

Wansing: Wir schauen uns viele verschiedene Bereiche an. Viele Regeln sind noch ganz neu. Deshalb kann man noch nicht beurteilen, wie sie langfristig wirken. Wir untersuchen stattdessen: Wie viele Menschen kennen die neuen Regelungen schon? Welche Probleme gibt es damit? Welche Meinungen gibt es zu den neuen Regelungen? Dabei geht es zum Beispiel um die Schwerbehinderten-Vertretung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Hier setzen sich Mitarbeiter von Werkstätten mit Behinderung für ihre Interessen ein. Die Schwerbehinderten-Vertretungen haben jetzt mehr Rechte bekommen. Außerdem geht es um andere Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Denn die Werkstätten für Menschen mit Behinderung sollen für viele Menschen nicht mehr die einzige Möglichkeit bleiben. Deshalb gibt es jetzt unter anderem das „Budget für Arbeit“.

Porträt einer junge Frau

Lea Mattern

Sie haben herausgefunden: Bis Mitte 2019 haben nur 1000 Personen in Deutschland ein „Budget für Arbeit“ in Anspruch genommen. Ist das „Budget für Arbeit“ also gescheitert?

Mattern: Das kann man nicht behaupten. Es ist zu früh zu sagen, ob das „Budget für Arbeit“ gescheitert ist. Es gibt das „Budget für Arbeit“ ja erst seit zwei Jahren. Es dauert länger, bis solche neue Instrumente wirksam sind. Man muss noch etwas Geduld haben. Denn das „Budget für Arbeit“ bietet viele Chancen.

Welche Chancen sind das?

Mattern: Menschen mit Behinderung bekommen mehr Möglichkeiten, wie sie arbeiten möchten. Es muss nicht immer die Werkstatt für Menschen mit Behinderung sein. Durch das „Budget für Arbeit“ können sie auch woanders arbeiten. Kleine und mittelgroße Firmen bekommen Geld, wenn sie Menschen mit Behinderung einstellen. Das ist ein guter Anreiz. Viele Arbeitgeber meinen aber: Es ist sogar noch wichtiger, dass Fachkräfte Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz unterstützen. Manchmal klappt es trotzdem nicht mit der Arbeit. Dann können die Menschen mit Behinderung auch wieder zurück in die Werkstatt gehen.

Welche guten Erfahrungen gibt es schon mit dem „Budget für Arbeit“?

Mattern: Zum Beispiel in Hamburg: Hier gab es ein Modellprojekt. Schon bevor es das „Budget für Arbeit“ in ganz Deutschland gab, hat man es hier getestet. Man hat festgestellt: Es ist wichtig, dass die Werkstätten für Menschen mit Behinderung mitmachen. Sie müssen den Mitarbeitern Mut machen. Dann trauen sie sich, einen anderen Job anzunehmen. Die Werkstätten dürfen nicht denken: Durch das „Budget für Arbeit“ verlieren wir wichtige Mitarbeiter. In Hamburg haben die Werkstätten Geld bekommen, wenn sie Mitarbeiter in einen anderen Job vermittelt haben. Das hat gut funktioniert. Es ist aber noch etwas wichtig: Viele Institutionen müssen zusammen arbeiten. Zum Beispiel Arbeitgeber, Werkstätten und der Integrationsfachdienst. Integrationsfachdienste beraten und begleiten schwerbehinderte Menschen und vermitteln sie in Arbeit. Auch Außenarbeitsplätze sind gut zur Vorbereitung für ein „Budget für Arbeit“. Bei Außenarbeitsplätzen arbeiten Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Aber sie bleiben Angestellte der Werkstätten. Bei der Arbeit erhalten sie Unterstützung.

Warum wird das „Budget für Arbeit“ bisher so wenig genutzt? 

Mattern: Dazu gibt es noch keine genauen Untersuchungen. Aber viele denken, dass es an diesen Schwierigkeiten liegt: Es ist unklar, wer überhaupt ein „Budget für Arbeit“ bekommen kann. Viele haben auch Sorgen wegen ihrer Rente. Denn auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommt man möglicherweise weniger Rente als in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Außerdem ist es schwierig, mit einem „Budget für Arbeit“ zu beginnen. Denn Menschen mit Behinderung bekommen keine Hilfe bei der Vorbereitung darauf. Die Unterstützung beginnt erst, wenn sie schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben. Außerdem beklagen viele Menschen, dass es nicht genug barrierefreies Informations-Material zum „Budget für Arbeit“ gibt.

Porträt eines jungen Mannes

Ein Job mit dem "Budget für Arbeit"

Lukas Krämer arbeitet im Büro der Bundestags-Abgeordneten Corinna Rüffer. Er begleitet die Politikerin der Grünen zu Veranstaltungen. Dort dreht er Videos. Er führt Interviews. Er schneidet und bearbeite die Videos. Dann werden sie im Internet veröffentlicht. Das ist ein Traum-Job für Lukas Krämer. Er bekommt ein "Budget für Arbeit". 

mehr über Lukas Kämer erfahren

Neuerdings gibt es auch das „Budget für Ausbildung“.  Es soll jungen Menschen mit Behinderung beim Einstieg ins Berufsleben helfen. Was kann das „Budget für Ausbildung“ bewirken?

Wansing: Das „Budget für Ausbildung“ gibt es erst seit Januar 2020. Deshalb gibt es noch keine genauen Untersuchungen dazu. Aber das „Budget für Ausbildung“ ist wichtig. Aus der Forschung wissen wir: Der Übergang von der Schule in den Beruf ist ein sehr wichtiger Zeitpunkt. Hier geht es darum, wie junge Menschen in Zukunft arbeiten können. Für manche Gruppen von jungen Menschen lief es bisher ja fast automatisch: Nach der Förderschule kamen sie in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Und dort blieben sie dann meistens auch. Mit dem „Budget für Ausbildung“ ist jetzt etwas anderes möglich. Sie können auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Das ist sehr spannend. Deshalb beobachten wir, wie gut das „Budget für Ausbildung“ jetzt funktioniert.

Welche Gesetze müssten noch weiter entwickelt werden für mehr Inklusion auf dem Arbeitsmarkt? Welche Empfehlungen gibt es aus Ihrem Projekt?

Wansing: Das kann man nicht so allgemein sagen. Dazu muss man sich immer einzelne Bereiche anschauen. Menschen mit Behinderung sind ja auch keine einheitliche Gruppe. Sie sind ganz verschieden. Vieles ändert sich auf dem Arbeitsmarkt. Aber nicht alle Änderungen geschehen durch Gesetze. Es gibt immer Menschen, für die Änderungen gut sind. Für andere sind sie schlecht. Zum Beispiel gibt es zu wenige Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt. Und die Arbeitswelt wird immer digitaler. Das ist gut für hoch qualifizierte Menschen mit Behinderung. Für Menschen mit Behinderung ohne Berufsausbildung ist es aber schlecht. Ich befürchte, diese Entwicklung wird in Zukunft auch so weitergehen.