Erfahrung vermitteln

Beim Projekt „Inklusive Bildung Baden-Württemberg“ werden Menschen mit geistiger Behinderung zu Bildungsfachkräften ausgebildet. Das bedeutet: Sie werden fortgebildet, um Studenten an Universitäten etwas beizubringen.

Ein Mann mittleren Alters sitzt in einem Schulungsraum

Thorsten Lihl

Text: Kathrin Hedtke
Übersetzung: Stefanie Wulff

Die Teilnehmer kommen aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Nach der Fortbildung gehen sie an die Universität. Sie erklären Studenten, wie Menschen mit Behinderung leben. Als Bildungsfachkräfte unterrichten sie zum Beispiel angehende Lehrer und Sozialpädagogen. Das Motto lautet: „Nicht über uns sprechen. Sondern mit uns sprechen“.

Thorsten Lihel ist einer der Teilnehmer. 16 Jahre lang hat er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Dort faltete er Kartons. Und er schraubte Rohrleitungen zusammen. Heute erzählt er Studenten von dieser Arbeit. Er erzählt ihnen auch von seinen Erfahrungen in der Förderschule. Und er erzählt ihnen von seinem Leben in einer Wohngruppe. „Da vorne als Lehrer zu stehen, ist ein cooles Gefühl“, sagt er. Das ist etwas ganz Neues für ihn.

Das Projekt „Inklusive Bildung Baden-Württemberg“ bildet in Heidelberg insgesamt sechs Personen zu Bildungsfachkräften aus. Die Fortbildung dauert drei Jahre. Thorsten Lihel sagt: „Für mich war das wie ein Lotto-Gewinn.“ Die Arbeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung fand er langweilig. Er wollte gerne etwas Neues machen im Leben.

Während der Fortbildung lernen die Teilnehmer, wie man Lehrveranstaltungen an Unis entwickelt. Außerdem bekommen sie praktische Tipps für Unterrichten. Thorsten Lihel meint: Das ist ganz schön anstrengend. Aber es tut richtig gut.  Anfangs hat er sich bei den Lehrveranstaltungen noch verhaspelt. Aber inzwischen hat er gelernt, klar und deutlich zu reden.

Aus der Werkstatt in den Hörsaal

Michael Gänßmantel macht auch mit beim Projekt „Inklusive Bildung Baden-Württemberg“. Früher konnte er sich nicht vorstellen, anderen etwas über seine Erfahrungen zu erzählen. Er hatte die Förderschule ohne Abschluss verlassen.  Deshalb dachte er,  dass er nur in einer  Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten kann. Dort verpackte er Schrauben. Durch Zufall bekam er die Chance, beim Projekt „Inklusive Bildung Baden-Württemberg“ mitzumachen. Seine Freunde und Familie machten ihm Mut. Inzwischen ist er viel selbstbewusster geworden. Er merkt erst jetzt, dass er früher unterfordert war. Für ihn ist es eine tolle Erfahrung, als Bildungsfachkraft zu arbeiten. Er freut sich, wenn die Studenten viele Fragen stellen. Er freut sich, wenn sie etwas über Menschen mit Behinderung erfahren wollen.

Das  Projekt „Inklusive Bildung Baden-Württemberg“ wird von der Fachschule für Sozialwesen der Johannes-Diakonie Mosbach angeboten. Sie arbeitet eng mit dem Institut für Inklusive Bildung in Kiel zusammen. Dort hatte die Stiftung Drachensee das Projekt für die Universität Köln entwickelt.  Inzwischen arbeiten Bildungsfachkräfte auch an Hochschulen in Magdeburg, Dresden und Leipzig. Andere Hochschulen sollen folgen. Es gibt sehr viele Anfragen, auch von Firmen und Behörden.

Aber es gibt noch eine Herausforderung: Es gibt nicht viele feste Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für Bildungsfachkräfte. Die Universität Kiel hat bisher fünf Bildungsfachkräfte fest eingestellt. Allein 2017 machten sie bei 70 Veranstaltungen mit. Sie erreichten dadurch 2800 Menschen. Die Teilnehmer in Heidelberg hoffen, dass es in Zukunft auch für sie feste Arbeitsplätze gibt.

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